Die Briten huldigen dem Dritten

An der Leichtathletik-WM entwickelt sich der 100-Meter-Final der Männer zu einer surreal anmutenden Geschichte. Der elffache Weltmeister Usain Bolt belegt den dritten Platz. Es triumphiert der zweimalige Dopingsünder Justin Gatlin.

Die Krönung bleibt untersagt: Usain Bolt unterliegt Justin Gatlin. (Video: SRF/Tamedia)

Siegerehrungen werden zu Beginn oder am Ende eines WM-Abends durchgeführt. Medaillenübergaben sind Pausen, welche den TV-Zuschauer veranlassen könnten, den Kanal zu wechseln. Die Ehrung der schnellsten 100-Meter-Läufer jedoch ist auf Sonntag, 20 Uhr, angesetzt – sie soll zur Primetime stattfinden. Steigt Usain Bolt das letzte Mal aufs Podest, winken Rekordquoten. Die Athleten be­treten das Olympiastadion, die Massen jubeln. Wobei alles ganz anders herausgekommen ist, als Bolt und die Organisatoren sich das vorgestellt hatten.

Legt der König die Krone eigenhändig ab, was selten vorkommt? Oder ergeht es ihm wie den dominanten Silberrücken? Kommt ein Jüngerer, der seinen Platz beansprucht und im körperlichen Vergleich obsiegt? Das sind die Fragen, mit denen sich am Samstag in London die Fachleute beschäftigen. Für die 60'000 Besucher im ausverkauften Olympiastadion geht es darum, den in jeglicher Hinsicht Grössten seiner Zunft nochmals zu sehen, sich von seiner Aura fesseln zu lassen. «Mister Bolt is in the house», ruft der Speaker, als der Jamaikaner das Einlaufgelände betritt. Die Bilder werden auf der Grossleinwand gezeigt, in der Arena ist das eigene Wort nicht mehr zu hören.

Im Halbfinal trifft der Weltrekordhalter auf den Saisonbesten. Christian Coleman, ein 21-jähriger Nobody, lässt sich als Gegenentwurf des achtfachen Olympiasiegers bezeichnen. Der Amerikaner ist ein Mann der leisen Töne, lediglich 1,75 Meter gross, ein erstklassiger Starter. Bolt liegt nach 60 Metern klar zurück, holt fortan mit jedem Schritt auf, den Nebenmann aber nicht ein. Wer dem 1,96-Meter-Hünen zuschaut, erinnert sich an dessen jüngst gemachte Aussage, wonach sein Erfolg auf harter Arbeit beruhe. Sah es früher danach aus, als würde er über die Bahn fliegen, wirkt seine Darbietung wie eine Mischung aus Kraftakt und Willensleistung. Von der Kombination aus Lockerheit und Dynamik, die ihn einst zu tragen schien, ist nichts übrig geblieben.

«Ich bin zum ersten Mal überhaupt mit schmerzenden Beinen gelaufen», Sprint-Star Usain Bolt erklärt seine Niederlage. (Video: Tamedia/AFP)

An den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro erweckte Bolt den Eindruck, mit sich und der Welt im Reinen zu sein. Drei Rennen, drei Siege – es wäre das perfekte Schlussbouquet gewesen. Maximal bis zur WM in London werde er laufen, erwiderte der Schlacks auf die Frage, wie es weitergehen werde – seine Rückenbeschwerden betonend. Bolt lässt sich nicht mit Roger Federer vergleichen. Er sprintet, weil er sehr gut sprinten kann, nicht aus Leidenschaft, weil er es sehr gerne tut. Als Teenager wäre er am liebsten Cricketprofi geworden. In jamaikanischen Medien war zumindest sinngemäss zu lesen, Bolt wäre in Rio abgetreten, hätte er den Entscheid für sich allein gefällt. Seinem Ausrüster sei die Präsenz der Galionsfigur in der Weltstadt London aber ein wichtiges Anliegen, daher hänge er eine Saison an.

Wobei er dies nur halbherzig tut. Der 30-Jährige lief zu Hause in Kingston sowie im tschechischen Ostrava gegen drittklassige Gegner. Am Diamond-League-Meeting in Monaco wurde der mittlerweile verletzte Kanadier Andre De Grasse abgewiesen, wahrscheinlich auf Geheiss von Bolts Manager Ricky Simms. Der Superstar eröffnete keinem ernsthaften Widersacher die Möglichkeit zum Direktvergleich, liess die Kontrahenten auf diese Weise im Ungewissen – im Bestreben, den Nimbus des Unbesiegbaren zu wahren. Vor diesem Hintergrund ist das Signal, welches Coleman aussendet, von höchster Relevanz. Die Rivalen wissen nun, dass die lebende Heiligenfigur zum Menschen geworden ist.

Wer die Rollenverteilung im Sprint noch nicht kennt, registriert sie bei der Präsentation der Finalisten. Justin Gatlin wird gnadenlos ausgebuht. Der Amerikaner, zweimal wegen Dopingmissbrauchs gesperrt, verkörpert den Bösewicht. Bolt spielt den Helden, welcher die Leichtathletik über Wasser gehalten hat, als die Russen systematisch betrogen und danach vom Clan des damaligen Weltverbandspräsidenten Lamine Diack erpresst wurden. Geld gegen die Vertuschung einer positiv ausgefallenen Dopingkontrolle – es handelte sich um das Geschäftsmodell eines Mafiapaten.

Bolt kommt noch schlechter aus den Blöcken als im Halbfinal, Coleman hingegen beginnt furios. Auf der zweiten Streckenhälfte prescht Gatlin vor – ausgerechnet Gatlin. In 9,92 Sekunden überquert dieser als Erster die Ziellinie, der Favorit wird in 9,95 Sekunden Dritter. Es folgt die Szene des Abends. Gatlin fällt vor Bolt auf die Knie, es ist der Beweis seines Respekts vor der Lichtgestalt. Worauf der verehrte Geschlagene den verachteten Gewinner in die Arme nimmt, ihm ins Ohr spricht. «Usain hat mir gratuliert und gesagt, ich hätte die Buhrufe nicht verdient», wird Gatlin später sagen.

Wenig Sympathien: Der schnellste Mann der Welt wird vom Publikum ausgebuht. (Video: SRF/Tamedia)

Derweil sich Bolt bei tosendem Applaus auf die Ehrenrunde begibt, nimmt vom neuen Weltmeister kaum jemand Notiz – die Geschehnisse haben surreale Züge. Der Speaker lobt den Dritten als besten Sportler auf diesem Planeten, die Briten drehen schier durch. Von ihrem Landsmann, dem amtierenden Weltverbandspräsidenten Sebastian Coe, wurden sie in dessen Eröffnungsrede euphorisch zum besten Publikum gekürt. Ob der Olympiasieger dabei auch an die Fairness gedacht hat? Über die sozialen Medien wenden sich derweil mehrere britische Leichtathleten an die Zuschauer – mit der Bitte, Gatlins Leistung zu anerkennen, habe dieser doch für seine Sünden gebüsst. Bolt sagt, sein Start sei miserabel gewesen, damit könne man nicht mehr gewinnen. Und ergänzt, Gatlin und Coleman seien an ­diesem Tag «einfach schneller» gewesen.

Coleman wäre der aufstrebende Sprinter, welcher den alternden Meister im Stil der Silberrücken hätte verdrängen können. Gatlin hingegen ist vier Jahre älter als Bolt, und wenn er sich nicht im Balco-Skandal als Kronzeuge zur Verfügung gestellt hätte, wäre er nach seinem zweiten Doping­delikt im Jahr 2006 lebenslang gesperrt geworden. Zyniker bezeichnen ihn als jenen Weltmeister, den die Sportart verdient habe. Der Hintergedanke lässt sich nicht von der Hand weisen, gibt es doch keinen Athleten, welcher eine sehr schnelle 100-Meter-Zeit gelaufen ist und eine weisse Weste vorzuweisen hat. Abgesehen von Bolt, versteht sich, der alles hinter sich gelassen hat – ausser den Zweifeln. Wobei das nicht so einfach ist, wenn man aus einem Land stammt, welches den Kampf gegen Doping ähnlich seriös führt wie jenen gegen Marihuana.

Am Sonntag um 20 Uhr werden die besten Weitspringer geehrt. Die Zeremonie für Gatlin, Coleman und Bolt ist kurzerhand auf 18.50 Uhr vorgezogen worden, offiziell hat dies nichts mit dem Ausgang des Rennens zu tun. Bolt erhielt warmen Beifall. Gatlin kam, weil das Stadion noch nicht voll war, mit einer relativ leisen Abneigungsbezeugung davon.

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Berner Zeitung

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