Die Abfangjäger

Fast wäre Gesa Felicitas Krause durchgekommen. Die Deutsche WM-Medaillengewinnerin wurde bei der Jungfrau-Meile in Interlaken erst auf der Zielgeraden von drei Männern abgefangen.

Fotofinish: Krause (ganz rechts) wird von Ereng, Hochstrasser und Marshall überspurtet.

Fotofinish: Krause (ganz rechts) wird von Ereng, Hochstrasser und Marshall überspurtet.

Als würde er in Siebenmeilenstiefeln stecken, nähert sich Patrick Mugur Ereng mit raumgreifenden Schritten der Ziellinie. Was den Kenianer bei der Jungfrau-Meile über 1,609 Kilometer antreibt: Er will die vor ihm laufende Gesa Felicitas Krause – sie startete 30 Sekunden früher als er ins Rennen – noch abfangen. Meter um Meter holt der 28 Jahre alte Afrikaner auf, schliesslich schafft es Ereng mit letzter Kraft, die Deutsche zu überspurten. Er finisht in einer Zeit von 4:38,60 Minuten.

Nach 2011, 2012 und 2013 triumphiert Ereng zum vierten Mal auf dem Höheweg vor dem Hotel Victoria-Jungfrau in Interlaken. Auch der Brite Tom Marshall und Jan Hochstrasser (Safenwil) machen das Handicap von einer halben Minute wett und schieben sich an Krause vorbei. Die WM-Dritte von Peking über 3000 Meter Steeple muss mit Platz 4 vorliebnehmen. Der Rückstand auf Ereng: 2,02 Sekunden. In der zwölfjährigen Geschichte der Jungfrau-Meile ist es nur der gebürtigen Äthiopierin Zenebech Tola (2004) und der Kenianerin Caroline Chepkwony (2010) gelungen, den Vorsprung ins Ziel zu retten.

Lieber Jägerin als Gejagte

«Ich bin schon etwas enttäuscht, dass ich auf der Zielgeraden noch überspurtet wurde. In der Position der Gejagten gewesen zu sein, war schwierig», analysiert Krause den Prolog zum am Samstag stattfindenden Jungfrau-Marathon. Sie wäre im Endspurt vermutlich lieber die Jägerin gewesen. Doch ihr Lächeln kehrt rasch zurück. «Ich bin froh, dass ich als Vierte in die preisgeldberechtigten Ränge gelaufen bin.» Nach dem Saisonhöhepunkt Ende August in Peking wolle sie noch ein paar Rennen bestreiten, «die grossen Spass bereiten», sagt die 23 Jahre alte Hindernislaufspezialistin. So eben auch über die selten gelaufene Distanz von einer Meile.

Den exotisch klingenden Vornamen habe sie der Unschlüssigkeit ihrer aus Deutschland stammenden Eltern zu verdanken. «Meine Mutter war für Gesa, mein Vater für Felicitas – meine Mama hat sich durchgesetzt», klärt das Mitglied der LG Eintracht Frankfurt auf. Krause zeichnete an der WM in China für die erste deutsche Einzel-Laufmedaille seit den Welttitelkämpfen 2001 verantwortlich.

Jan Hochstrasser, der bestklassierte Schweizer, sagt nach dem Rennen, dass er auf den letzten 400 Metern zu stark forciert habe. Am Schluss zollte er seinen Anstrengungen Tribut. «Ich bin froh, dass ich Krause abfangen konnte. Sie ist eine starke Läuferin», meint der EM-Teilnehmer von Zürich. Für den 1500-Meter-Spezialisten passt die Jungfrau-Meile ideal in die Saisonplanung.

Weyermanns Meilenstein

Der Brite Sir Roger Bannister war 1961 der erste Mensch gewesen, der die Meile unter vier Minuten gelaufen war (3:59,4 Minuten). 28 Jahre später verbesserte Pierre Délèze in dieser Disziplin den heute noch gültigen Schweizer Rekord auf 3:50,36. Seit 1999 hält der Marokkaner Hicham El Guerrouj den Weltrekord über 1,609 Kilometer – 3:43,13. Die Berner Lauflegende Markus Ryffel sagt: «Wer die Meile unter vier Minuten schafft, gehört zum erlauchten Kreis der Weltklasseläufer. Die Schallmauer Sub 4 hat grosse Ausstrahlungskraft.»

Auch Anita Weyermann taucht in den Bestenlisten auf. Schneller als die Bernerin lief bisher keine Schweizerin über eine Meile. Weyermanns 4:23,92 Minuten – ein Meilenstein in der Schweizer Leichtathletikgeschichte.

Berner Zeitung

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