Der Tank ist leer

Selina Büchel läuft an der WM in London über 800 Meter um 11 Hundertstel am Final vorbei. Ihr Fazit fällt ähnlich aus wie jenes von Mujinga Kambundji.

Zwei Athletinnen, zwei Welten: Caster Semenya beschleunigt locker, Selina Büchel kann nicht mehr zulegen.

Zwei Athletinnen, zwei Welten: Caster Semenya beschleunigt locker, Selina Büchel kann nicht mehr zulegen.

(Bild: Keystone)

Ehrlich währt am längsten, besagt eine Redewendung. Und so erstaunt es nicht, dass Selina Büchel, nachdem sie dies und das ­gesagt, über Verkrampfung und Enttäuschung gesprochen hat, irgendwann innehält. Und ein paar schwere Atemzüge später verlauten lässt, wahrscheinlich sei einfach ihre Form nicht so gut gewesen.

Die 800-Meter-Spezialistin, ihres Zeichens zweifache Hallen-Europameisterin, ist nicht als Träumerin bekannt. «Eigentlich ist das Rennen so verlaufen, wie ich mir es vorgestellt hatte», hält die Toggenburgerin nach dem WM-Halbfinal fest. 1:59,85 Minuten hatte sie für die zwei Runden benötigt, 11 Hundertstel fehlten letztlich für den Vorstoss in den Final.

Unter dem Strich belegt die 26-Jährige Rang 10. Was einem guten Ergebnis gleichkommt, aber eine bittere Note hat, weil sie den Kampf um die Medaillen bereits 2015 in Peking sowie an den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro knapp verpasste. Ihr Fazit fällt ähnlich aus wie jenes von Mujinga Kambundji nach deren Halbfinal-Out über 200 Meter: «Es ist sehr schade, in diesem Lauf wäre eindeutig mehr möglich gewesen», resümiert Büchel.

Die Prognose Heyers

Die Britin Lynsey Sharp und die Amerikanerin Charlene Lipsey – in dieser Saison beide schneller gelaufen als Büchel – drückten von Beginn weg aufs Tempo. Caster Semenya hingegen liess es gemächlich angehen. Die Olympiasiegerin mit den breiten Schultern, deren Testosteronwert seit nunmehr acht Jahren für hitzige Debatten und zuweilen rote Köpfe sorgt, pflegt das Feld von hinten aufzurollen.

Büchel verhielt sich clever, verblieb auf der Innenbahn, sparte auf diese Weise Kraft. Als das Tempo auf den letzten 200 Metern erhöht wurde und es darum gegangen wäre, die Reserven anzuzapfen, war der Tank der Schweizerin leer. «Ich wollte zulegen, aber ich konnte nicht.»

Nationaltrainer Louis Heyer, der die Landesrekordhalterin in London betreute, hatte ihr eine hohe 1:57er-Zeit zugetraut, der Bestwert aus dem Jahr 2015 liegt bei 1:57,95. Büchel ging vor dem Wettkampf im Olympiastadion davon aus, sich in wesentlich besserer Verfassung zu befinden als vor zwei Jahren. Ein Erklärungsansatz für den Irrtum ist physischer Natur: «Nach der Schweizer Meisterschaft war ich zwei Tage lang krank. Vielleicht verlor ich in dieser Phase mehr Substanz, als ich gedacht habe.»

Die Marke Kratochvilovas

Was den sonntäglichen Final betrifft, sind die Rollen verteilt. Semenya wird einmal mehr kaum zu bezwingen sein. Francine Niyonsaba aus Burundi und Margaret Wambui aus Kenia, wie die Südafrikanerin als intersexuell geltend, dürften mit der Amerikanerin Ajee Wilson um Silber und Bronze kämpfen. Europa ist einzig durch Angelika Cichocka vertreten. Die überraschende Polin lief in Büchels Serie dank eines starken Endspurts auf Rang 2.

Experten attestieren Semenya die Fähigkeit, den Weltrekord Jarmila Kratochvilovas zu unterbieten. Die Marke aus der Blütezeit des Anabolikadopings liegt bei 1:53,28. Semenya ist noch nie in die Nähe dieses Werts gekommen, wobei sie stets den Eindruck erweckt, nicht alles auszuschöpfen, sich mit dem Sieg zufriedenzugeben. Was mit dem Echo, welches ein Weltrekord auslösen dürfte, verbunden sein könnte. Die Karten auf den Tisch legen, ehrlich laufen – das würde die Gemüter womöglich zum Kochen bringen.

Berner Zeitung

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