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Der misstrauische Liebling

Mo Farah hat sich vom Einwandererkind zum Promi-Briten entwickelt. Am Sonntag läuft der Olympiasieger in London den Marathon. Auf Dopingspekulationen reagierte er zuletzt mit einer Verleumdungsklage.

Offiziell heisst er nun Sir Mohamed Farah: Der vierfache Olympiasieger wurde im vergangenen Jahr zum Ritter geschlagen. Foto: John Stillwell (Getty Images)
Offiziell heisst er nun Sir Mohamed Farah: Der vierfache Olympiasieger wurde im vergangenen Jahr zum Ritter geschlagen. Foto: John Stillwell (Getty Images)

Mo Farah hat es geschafft. Er zählt auf der Insel zu den Reichen und Prominenten. Dafür steht sein oranger Bentley, den er wie ein Statussymbol für seinen Aufstieg gerne über Londons Strassen lenkt. Rund 200'000 Franken bezahlte er für den Luxuswagen. Im letzten Herbst adelte ihn die Queen für seine Verdienste als Leichtathlet bzw. vierfachen Olympiasieger mit einem Orden. Sir Mohamed Farah heisst er nun also offiziell, der Bub aus Somalia, der in seinen ersten Jahren in London primär als Früchtchen aufgefallen war – ehe der Sport seinem Leben eine turbulente, spektakuläre Wende gab.

Als hätte dieser Queen’sche Ritterschlag nicht gereicht, kam noch eine Auszeichnung des Volkes hinzu. Es wählte Farah zur «Sports Personality 2017». Das Leben schien für Farah also aus einer Ansammlung an Glück zu ­bestehen. Zumal er nach seinem Rücktritt von der Bahn-Leichtathletik die USA verlassen hatte und nach London heimgekehrt war. Von dort aus will er die Marathonwelt erobern. Am Sonntag startet er in der Hauptstadt in den Marathon.

Entsprechend gross war das Interesse am Liebling in den letzten Tagen. Ganz unbeschwert aber konnte er seine Auftritte nicht abspulen. Zwar wurde ihm die Frage erst zum Schluss seiner obligaten Begegnung mit den Printjournalisten gestellt, aber sie kam: Was er zur Verleumdungsklage sage, die er im letzten Jahr gegen einen britischen Leichtathletik-Journalisten eingereicht habe. Farah redete die Frage weg bzw. liess sie unbeantwortet.

Schweigen ist Gold

Es passt zu seinem Umgang mit seiner Problemzone. Dazu muss man wissen, dass sein früherer langjähriger US-Trainer Alberto Salazar, der aus ihm erst den Überläufer der Jahre 2012 bis 2016 machte, in ein Verfahren der US-Anti-Doping-Agentur verwickelt ist. Diese will herausfinden, ob Salazar mit illegalen Mitteln arbeitete. Die Untersuchung zieht sich seit Jahren hin, und das deutet nicht darauf, dass die Dopingbekämpfer über ausreichend Material verfügen.

Farah war von den Recherchen zwar immer nur am Rand betroffen, aber doch stets davon tangiert. Sprach er erst viel und offen darüber, begann er sich über die Fragerei immer mehr zu nerven – und im letzten Jahr gar nicht mehr ­darüber zu reden. Damit ergab sich an seiner finalen Bahn-WM ausgerechnet daheim in London eine bizarre Situation: Farah, der Liebling der Massen, verweigerte das Gespräch mit den Printjournalisten. Einer von ihnen twitterte darauf auf seinem privaten Kanal, Farah sei feige und schade damit der Leichtathletik. Der Kritisierte und inzwischen Dünnhäutige klagte wegen Rufschädigung. Die Parteien einigten sich aussergerichtlich, der Journalist soll Farah eine fünfstellige Summe in Pfund zur Wiedergutmachung gezahlt haben. Er entschuldigte sich darüber hinaus auf Twitter für seine Aussagen. Man habe interpretieren können, es handle sich bei Farah um einen möglichen Doper.

In den britischen Medien, also im ­medial-öffentlichen Raum, wurde kaum vom aggressiven Gebaren des Läufers berichtet. Es schien, als wollte sich kein Journalist die Finger an Sir Mo verbrennen. Der Vergangenheit davonlaufen aber kann er nicht. Trotzdem haben ­Farah und sein Team sich entschlossen, den Informationsfluss weiter zu verengen. Mit Printjournalisten redet Farah ausserhalb von Pflichtterminen wie nun dem London-Marathon so gut wie nicht mehr. Selbst sein Training auf London hin hielt er im Nebulösen. Während andere Grössen wie Olympiasieger Eliud Kipchoge, der am Sonntag ebenfalls dabei sein wird und einen Weltrekord ankündigte, intime Einblicke in sein Training gewährt, schweigt Farah. Summarisch spricht er bloss davon, dass er mit seinem neuen Coach an seinen Schwächen gearbeitet habe und mit Kilometerumfängen von rund 190 pro Woche viel gelaufen sei – und sich im Idealfall eine Zeit von 2:03 bis 2:04 Stunden zutraue, also im Bereich des Weltrekords.

Der prominente neue Coach

Mit seinem Ex-Coach Salazar, von dem er sich im Herbst trennte, habe er nie mehr gesprochen. Das ist insofern erstaunlich, als Salazar als Marathonläufer zu seiner Zeit zu den Besten zählte. Offenbar aber will Farah damit den Bruch mit dem Zweifelhaften verdeutlichen.

Der neue Trainer an seiner Seite heisst Gary Lough. Der Ire coachte seine Frau Paula Radcliffe zum Marathon-Weltrekord, gilt als harter Hund und Schnellmacher. Über die Arbeit mit Farah hat sich Lough nie öffentlich geäussert. Darum weiss man primär, dass sich Farah die letzten drei Monate in Äthiopien vorbereitete – in einer kleinen, von ihm handverlesenen Athletengruppe. Manche Begleiterscheinung des Erfolgs hat Farah also mindestens so geprägt wie der Ritterschlag der Queen.

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