Der letzte Tanz des Usain Bolt

Heute Freitag beginnt in London die WM, am Samstag bestreitet Usain Bolt sein letztes Einzelrennen. Der Sieg über 100 Meter ist für den 30-Jährigen und seine Entourage Pflicht – es geht um das Vermächtnis des Superstars.

Für immer der Schnellste? Am Samstag muss Usain Bolt alles aus sich herausholen, seine Rekorde ­hingegen wird er nicht so schnell ­verlieren.

Für immer der Schnellste? Am Samstag muss Usain Bolt alles aus sich herausholen, seine Rekorde ­hingegen wird er nicht so schnell ­verlieren.

(Bild: Keystone)

Verlieren ist keine Option. Ich doch nicht. Schon gar nicht in London, wo ich dreifacher Olympiasieger geworden bin. Es ist Weltmeisterschaft, und ich bin der Goldjunge. In den Gedanken von Usain Bolt gibt es nur Usain Bolt. «Ich kann gar nicht glauben, dass du mich so etwas fragst», entgegnete der jamaikanische Sprinter einem jamaikanischen Journalisten, welcher wissen wollte, was geschehen werde, sollte er im 100-Meter-Final nicht gewinnen.

Er sei immer noch voller Selbstvertrauen, der schnellste Mann der Welt; es gebe nicht den geringsten Zweifel. Und, ganz wichtig: «Mein Coach ist zuversichtlich, der Doc ist es ebenfalls.» Ist Trainer Glen Mills zufrieden, erübrigen sich Fragen zum Thema Verfassung, lautet die längst zu Bolts Standardvokabular gehörende Botschaft.

Der Doc ist Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt, bei Bayern München vor zwei Jahren ausgemusterter Mannschaftsarzt, welcher sich insbesondere vor Grossanlässen um den lädierten Rücken des 1,96 Meter langen Schlacks kümmert.

Der Doppelstart van Niekerks

Bolt leidet seit seiner Kindheit an einer seitlichen Verkrümmung der Wirbelsäule. Je älter er wird, desto stärker spürt er im Training den Schmerz. Ende Juni gab der 30-Jährige bekannt, sich in seiner letzten Saison auf die Gerade zu konzentrieren, an der WM in London nur im 100-Meter-Wettkampf und in der Sprintstaffel anzutreten; der Rücken lasse lediglich ein beschränktes Trainingspensum zu. Worauf die Gerüchteküche zu brodeln begann, weil Bolt die 200 Meter stets als Herzensangelegenheit bezeichnet hatte.

Handelt es sich um einen strategischen Entscheid? Geht es darum, Wayde van Niekerk auszuweichen? Der 400-Meter-Weltrekordhalter plant einen Doppelstart; der Südafrikaner will über 200 und 400 Meter eine Medaille gewinnen. Die Fragen drehen sich um den zentralen Punkt – um das Vermächtnis des Superstars.

21 globale Goldmedaillen wurden von 2008 bis 2016 in den Sprintdisziplinen vergeben, 9 an Olympischen Spielen und 12 an Weltmeisterschaften. Bei Olympia war Bolts Ausbeute maximal gewesen, ehe der Staffel von Peking der Goldgewinn im Vorjahr wegen des positiv ausgefallenen Nachtests einer Dopingprobe von Nesta Carter aberkannt wurde.

Auf WM-Ebene steht Bolt mit 11 Titeln und einer Disqualifikation da, verursacht durch einen Fehlstart im 100-Meter-Final des Jahres 2011. Will heissen: Bolt hat an Grossanlässen auf der Bahn seit 2008 kein Rennen verloren. Und es sieht danach aus, als seien er und vor allem sein Manager bestrebt, diese Ungeschlagenheit zu konservieren, in London den perfekten Abschied der lebenden Legende zu zelebrieren.

Der Ausfall von De Grasse

Ricky Simms ist in der Szene eine grosse Nummer. Der Ire vertritt die Interessen von über 50 Topathleten, darunter jene von Bolt und Langstreckenkönig Mo Farah. Am Diamond-League-Meeting in Monaco dürfte er die Präsenz der Galionsfigur mit dem Recht verbunden haben, unliebsame Rivalen abzulehnen. Der Manager des aufstrebenden An­dre De Grasse jedenfalls behauptete, das Bolt-Lager habe ein ­Aufeinandertreffen verhindert.

Europas zweitschnellste Frau ­Gina Lückenkemper, im Fürstentum ebenfalls am Start, sprach gegenüber einem deutschen Journalisten von abgewiesenen Athleten. «Es ist doof, dass Usain als der Übermächtige inszeniert wird. Auch er kann doch einmal verlieren», hielt die 20-Jährige fest. Letzteres scheint eine Frage der Perspektive zu sein.

Bolt reüssierte in Monaco in 9,95 Sekunden, blieb bei seinem dritten und letzten Einsatz vor der WM erstmals unter 10 Sekunden. De Grasse wurde in Stockholm bei zu starkem Rückenwind in 9,69 gestoppt. Der 22-jährige Kanadier jedoch hat sich im Training eine Oberschenkelverletzung zugezogen; er wird in London fehlen. Christian Coleman, der neue Hoffnungsträger der Amerikaner, hat als Saisonbester 9,82 Sekunden vorzuweisen.

Und dahinter wartet Justin Gatlin, der doppelte Dopingsünder, in diesem Kontext oft als Verkörperung des Bösen inszeniert, als Gegenpol zum Weltrekordhalter mit der weissen Weste. An Motivation, das menschliche Denkmal mit einem Kratzer zu versehen, mangelt es ihm kaum.

Die Basis der Strategie

Die Blessur von De Grasse kommt Bolt gelegen. Trotzdem wird er als Nummer 7 der Jahresweltbestenliste einmal mehr auf seine zuletzt wichtigste Qualität angewiesen sein. Die Gabe, sich im entscheidenden Moment markant steigern zu können, wirkt auf die Gegner lähmend und bildet gewissermassen die Basis seiner Strategie. Rein sportlich lässt sich nicht mehr von einer Überlegenheit sprechen, seit acht Jahren wird der Hüne in der Tendenz langsamer.

Usain Bolt von Peking bis Rio de Janeiro – der schnellste Mann der Welt ist langsamer geworden (klicken zum Vergrössern).

Aus der authentischen Lockerheit der frühen Jahre ist ein Showprogramm geworden. Sorgte Bolt 2008 in Peking unbewusst für Lacher, als er nach dem ersten Goldgewinn verlauten liess, sich nach dem Vorlauf eine grosse Portion Chicken Nuggets reingezogen zu haben, veröffentlichte er 2016 in Rio auf seinem Twitter-Account ein Bild mit einer Nuggets-Packung, obwohl er seinen Menüplan längst angepasst hatte.

Ab dem Vorlauf am Freitag gilt es das Image auf der Bahn zu pflegen, den Nimbus des Unbesiegbaren zu wahren. Entscheidend wird nicht nur Bolts Leistung im samstäglichen Final (22.45 Uhr), sondern die Einstellung der Widersacher sein. Wer sich zum Ziel setzt, den Grössten hinter sich zu lassen, der läuft Gefahr, an dessen Aura zu zerbrechen. Bessere Aussichten hat, wer sich auf die eigene Darbietung konzentriert.

Für Bolt gilt: So wenig Marge hatte er noch nie – die letzte Herausforderung dürfte die ultimative ­werden.

Berner Zeitung

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