Das Los des Multitalents

Delia Sclabas kämpft an der am Donnerstag ­beginnenden U-20-EM in Italien um Medaillen. Noch ungewiss ist, in welcher Disziplin sie antritt. Die 16-jährige Bernerin hat ein permanentes Luxusproblem.

Frühreife Ausnahmeerscheinung: Die 16-jährige Kirchbergerin Delia Sclabas.

Frühreife Ausnahmeerscheinung: Die 16-jährige Kirchbergerin Delia Sclabas.

(Bild: Urs Baumann)

Vergleichbare Werte hat es in der Schweizer Leichtathletik noch nie gegeben. In der europäischen 800-Meter-Bestenliste der Kategorie U-20 erscheint Delia Sclabas auf Platz 1. Ebenfalls zuoberst steht der Name der Bernerin über 1500 Meter. Wer das 3000-Meter-Ranking auf den Bildschirm lädt, findet Sclabas auf Position 2. Noch erstaunlicher wird die Kombination, wenn man die Geburtsdaten betrachtet. Feierte die Kirchbergerin letzten November ihren 16. Geburtstag, sind die meisten Gegnerinnen 18 oder 19-jährig. Am Tor zum Emmental wächst eine frühreife Ausnahmeerscheinung heran.

Wobei sich täuscht, wer vermutet, Delia Sclabas falle alles leichter als den Gleichaltrigen. Gewiss, die Schwierigkeiten sind anderer Natur; aus neutraler Optik lässt sich von Luxusproblemen sprechen. Im konkreten Fall geht es darum, über welche Disziplin die Aufstrebende an der am Donnerst beginnenden U-20-EM in Grosseto antritt.

Im letzten Sommer siegte Sclabas an der U-18-EM in Tiflis sowohl über 1500 als auch über 3000 Meter. In der Toskana ist die Doppelstartstrategie nicht zu empfehlen, weil es in jeder Disziplin Vorläufe zu meistern gibt und die Regeneration beachtet werden sollte. Die 800 Meter sind kein Thema, weil die Dichte an der Spitze hoch und die Klassierung relativ stark von der Tagesform abhängig ist. Bleibt die Frage: 1500 oder 3000 Meter?

Podest oder Gold?

Die Antwort dürfte erst am Mittwochabend bekannt werden, 24 Stunden vor dem erstmöglichen Start. Wie sie ausfallen wird, hängt von den Aufgeboten der Konkurrenz ab, vorab von jener aus England. Wie die Briten werden die Schweizer abzuwägen versuchen, wo die Chancen am besten stehen. Tendenziell priorisieren die Verbandstrainer die 3000 Meter, weil die Wahrscheinlichkeit auf einen Podestplatz höher sein dürfte. Sclabas hat auch den 1500er im Kopf, weil der Griff nach Gold über die kürzere Distanz womöglich einfacher fällt. Der Teenager hat die Qual der Wahl – nicht nur in Grosseto, sondern permanent; es handelt sich um das Los des Multitalents.

Im Duathlon ist Sclabas Europa- und Weltmeisterin bei den Juniorinnen, im Triathlon liess sie sich an der Jugend-EM 2016 Bronze umhängen. Obwohl sie ihre Schwimmeinheiten auf Breitensportniveau absolviert, damit die Gesamtbelastung im Rahmen bleibt. Trainingslager, Zusammenzüge, Selektionsrennen, Titelkämpfe: Sclabas sieht sich phasenweise an jedem Wochenende mit Terminkollisionen konfrontiert, muss Prioritäten setzen. Was die Kaderzugehörigkeit betrifft, entschied sie sich für Swiss Athletics. Worauf die Leichtathleten sie früher als jeden anderen Athleten ins World-Class-Potential-Programm einbanden. Weil sie in dieses mit direktem Mittelfluss verbundene Fördergefäss gehört. Aber womöglich auch ein bisschen aus Angst, sie könnte auf ihre Wahl zurückkommen.

Matura und Olympia

Die Kooperation mit Swiss Triathlon gestaltet sich seither schwierig. Für die Junioren-EM 2017 wurde Sclabas nicht nominiert. Exakte Richtwerte wie die Leichtathletiknormen gibt es im Triathlon nicht. Leistungssportchefin Marianne Rossi sagt, die Entscheidung gegen die Selektion sei hart gewesen, Sclabas aber wie jede andere Athletin behandelt worden. Wer die Situation von aussen zu analysieren versucht, stellt fest, dass der Konflikt zwischen der Familie des Talents und den Funktionären die sachliche Ebene längst verlassen hat. Drei von sieben Mitgliedern der Selektionskommission sind Regionalverbandstrainer. Diese dürften wie die Nachwuchschefin gegen eine Selektion votiert haben. Was ganz sicher nicht im Sinn des Sports, wohl aber menschlich ist. Wer will schon Gefahr laufen, dass eine «Externe» die eigenen Kaderathleten in den Schatten stellt?

Delia Sclabas wird daran kaum zerbrechen – sie weiss genau, was sie will. Als Heinz Gmür, Leistungssportverantwortlicher des Neufeld-Gymnasiums, ihr anbot, die letzten zwei Schuljahre auf drei Jahre zu verteilen, verzichtete sie. Lege sie die Matura 2019 ab, bleibe ihr mehr Zeit, sich auf die Olympischen Spiele 2020 in Tokio vorzubereiten, hielt sie fest. Womöglich wird sie bereits 2018 bei den Erwachsenen antreten – anlässlich der Leichtathletik-EM in Berlin. Die 1500-Meter-Norm des europäischen Verbandes hat sie an der Athletissima erfüllt; Swiss Athletics pflegt die Limiten zu übernehmen. Ehe die EM beginnen wird, dürften viele Gespräche geführt und Entscheide gefällt werden müssen. Einzigar­tige Werte, Goldmedaillen hin oder her.

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