Bewegung im Frauensprint

Mireille Donders hat er zur schnellsten Schweizerin, Mujinga Kambundji zu deren Nachfolgerin gemacht. Nun bereitet der Könizer Jacques Cordey ein Quintett auf internationale Nachwuchstitelkämpfe vor.

Frauenpower im Lauftunnel: Muswama Kambundji, Eveline Rebsamen, Samantha Dagry, Charlène Keller und Anna Lüber (von links) arbeiten unter Jacques Cordey an ihren Sprintqualitäten.

Frauenpower im Lauftunnel: Muswama Kambundji, Eveline Rebsamen, Samantha Dagry, Charlène Keller und Anna Lüber (von links) arbeiten unter Jacques Cordey an ihren Sprintqualitäten.

(Bild: Urs Baumann)

Im Lauftunnel unter der Wankdorfhalle wird rege geplaudert. Die fünf Frauen, welche sich aufwärmen, haben sich einiges zu erzählen. Allesamt sind sie Sprinterinnen, allesamt primär des Trainers wegen hier – nicht immer, aber immer öfter. Die zu vernehmenden Dialekte lassen auf lange Anfahrtswege schliessen, wobei der Schein trügt, es sich partiell um Wochenaufenthalterinnen handelt.

Berndeutsch spricht einzig die 19-jährige Muswama Kambundji, die jüngere Schwester der mittlerweile in Mannheim trainierenden Mujinga, welche an der EM 2014 in Zürich in die Herzen der Schweizer Sportfans gelaufen ist. Und von 2008 bis 2013 von Jacques Cordey aufgebaut worden war.

Der Leistungsausweis des wie fast alle Schweizer Leichtathletiktrainer ehrenamtlich tätigen Könizers lässt sich anhand zweier Namen illustrieren: 13 Jahre lang hatte die Bernerin Mireille Donders den Schweizer 100-Meter-Rekord gehalten, ehe ihre 11,34 Sekunden im Vorjahr von Mujinga Kambundji unterboten wurden.

«Jacques hat viel Erfahrung, erkennt die technischen Fehler sofort», sagt die 21-jährige Samantha Dagry, welche zweimal wöchentlich aus Lausanne anreist. «Wir sind zu fünft, und trotzdem arbeitet er mit jeder Athletin individuell, meint die 18-jährige Anna Lüber; die in Aarau wohnhafte Baslerin ist zwei- bis dreimal pro Woche präsent.

Tallinn und Eskilstuna

Charlène Keller hat ihren Lebensmittelpunkt aus dem Thurgau nach Bern verlegt, studiert in der Bundesstadt Psychologie und Betriebswirtschaft. Die 21-Jährige, geboren auf Haiti, ist die Schnellste des Quintetts, in dessen Gesprächen sich vieles um die bevorstehenden Grossanlässe dreht. «Ich kannte Mujinga, sie nahm mich mit – und ich bin geblieben, weil es mir vom ersten Training an gefallen hat.»

Eveline Rebsamen nimmt wie Keller an der am Donnerstag beginnenden U-23-EM in Tallinn teil. Die Luzernerin wohnt in Bern, ist Hürdensprinterin, trainiert ein- bis zweimal pro Woche mit den Flachsprinterinnen. «Ich bin die Langsamste in der Gruppe, profitiere daher von den Zugpferden», resümiert die 21-Jährige, welche von einer Verletzung zurückkommt, sich noch nicht auf höchstem Level befindet.

Ersteres gilt auch für Muswama Kambundji, die gleich zwei von Blessuren geprägte Saisons hinter sich hat. In ihrem Fall ist der Turnaround geschafft. Unlängst bewältigte sie die 100-Meter-Strecke erstmals unter 12 Sekunden, belohnt wird der Effort nächste Woche mit der Reise an die U-20-EM ins 100 Kilometer westlich von Stockholm gelegene Eskilstuna; es handelt sich um ihre erste Teilnahme an internationalen Meisterschaften. Dagry (U-23) Lüber (U-20) gehören den jeweiligen Sprintstaffelequipen an; ob sie zum Einsatz gelangen werden, ist ungewiss.

Ausbildung und Sport

Cordey kennt die Sorgen und Ängste junger Athletinnen, den Prüfungsstress zum Beispiel, mit dem sie sich immer wieder konfrontiert sehen. Entsprechend reicht der Aktionsradius des 54-Jährigen über die Tartanbahn hinaus. Potenzielle Bremsfaktoren entschärfen, aber nicht nur auf den Sport schauen, sondern diesen mit Ausbildung und Sozialleben unter einen Hut bringen, lautet das Ziel.

Welches sich mit Leidenschaft oft, aber nicht immer erreichen lässt; ganzheitliche Betreuung ist hierzulande in Anbetracht der Amateurstrukturen nahezu ausgeschlossen. Es werden kaum alle ihr Potenzial ausschöpfen können. Fakt aber ist: Der Frauensprint in Bern lebt, obwohl die Vorzeigeathletin weitergezogen ist.

Berner Zeitung

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