Zum Hauptinhalt springen

Auf hürdenreichem Weg zu mehr Geduld

Noemi Zbären steht vor der Rückkehr ins Wettkampfgeschehen. Die Langnauerin tat sich schwer, mit den Folgen ihres Kreuzbandrisses umzugehen. Mittlerweile vermag sie diesem Rückschlag sogar Positives abzugewinnen.

Langnau, 2017: Noemi Zbären bereitet sich auf ihr Comeback vor.
Langnau, 2017: Noemi Zbären bereitet sich auf ihr Comeback vor.
Andreas Blatter

Das Comeback ist absehbar. Am 13. Mai, wenn am Grand Prix die Massen durch Berns Gassen laufen, kehrt Noemi Zbären ins Wettkampfgeschehen zurück. Auf ihrer Trainingsanlage, in familiärem Rahmen, anlässlich eines Hürdenmeetings ihres Vereins.

Endlich sei es so weit, sagt die 23-Jährige mit leuchtenden Augen, im ­Langnauer Klubhaus sitzend. Sie spricht von einer «Erlösung» und ergänzt lächelnd, «es isch höchsch­ti Zyt. Ig ha viu drfür gmacht.»

Ziemlich genau vor einem Jahr erlitt die Emmentalerin einen Riss des vorderen Kreuzbandes im linken Knie. Es geschah in der Aufwärmphase vor dem Training, während eines lockeren Basketballspiels. Plötzlich hörte die Hürdensprinterin ein Knacken, vermutlich hatte sie kurz davor den Fuss oder das Knie einer Kollegin touchiert. Worauf eine kleine Welt zusammengebrochen sei, wie sie es heute formuliert.

Damals sah sie sich ausserstande, über Malheur und Gemütszustand zu sprechen. Es handelte sich um den ersten Rückschlag in einer von über­aus steilem Aufstieg geprägten Karriere. Nahm Zbären an einem Nachwuchsgrossanlass teil, kehrte sie mit einer Medaille im Gepäck nach Hause.

An der WM 2015 der Aktiven in Peking stiess das gross gewachsene Kraftpaket in den Final vor. Sechs Jahre lang sei «jeder Plan aufgegangen», resümierte Trainerin Gaby Schwarz nach dem Zwischenfall.

«Schlicht scheisse» habe es sich in den ersten Tagen angefühlt, «es war wirklich hart», hält Zbären fest; ihr Gesichtsausdruck verfinstert sich. Schlimm sei die Erkenntnis gewesen, nichts mehr zu tun zu haben, «ein grosser Teil meines Lebens fiel einfach weg». Zbären lässt sich als Multitalent bezeichnen.

Sie erwarb als 21-Jährige den Bachelortitel in Biochemie, wirkt an der Universität mit der gleichen Kombination aus Leidenschaft und Ehrgeiz wie auf der Tartanbahn. Regeneration im engeren Sinn benötigt sie keine.

Arbeite sie im Labor, erhole sich der Körper, während des Trainings lüfte sie den Kopf, pflegt sie zu sagen. «Ich bin ein Mensch, der sehr viel Struktur braucht. Auf einen Schlag war diese weg, es war wie ein Fall ins Leere.»

Der gedankliche Turnaround glückte, als eine neue Struktur aufgebaut, der Physiotherapierhythmus erstellt, der Studienplan überarbeitet war. Anfang Juni, einen Monat nach dem verhängnisvollen Fehltritt, sah sich Zbären vor dem geistigen Auge wieder über die Hürden laufen.

Viel geholfen habe ihr das Entgegenkommen des zuständigen Professors, stellt sie klar. War ursprünglich geplant gewesen, im Hinblick auf EM und Olympia an der Universität etwas Tempo herauszunehmen, schaltete die angehende Naturwissenschaftlerin einen Gang hoch.

Vorgesehen ist, die Masterarbeit per Ende August einzureichen. Hält sich Zbären an die Marschtabelle, wovon in ihrem Fall ausgegangen werden darf, wird sie die Aufgabe in der gleichen Zeitspanne erledigt haben wie all jene Kommilitonen, die nebenbei nicht Spitzensport betreiben.

Bestritt die Konkurrenz im letzten Sommer Wettkämpfe, sass die Rekonvaleszente selten vor dem Fernseher. Als sich die Schweizer Anfang Juli in Amsterdam zu Höchstleistungen trieben, weilte Zbären auf den Malediven.

Der Zeitpunkt der Reise – «es waren meine ersten Ferien seit sechs Jahren, und es fühlte sich speziell an» – sei nicht bewusst gewählt, aber letztlich gut gewesen, lässt sie verlauten. Bei den Olympischen Spielen kam ihr die Zeitverschiebung entgegen; sie verspürte keine Lust, nachts aufzustehen.

«Ich befand mich in einer anderen Welt, hatte andere Bedürfnisse. Es hätte mir vermutlich wehgetan, wenn ich gedanklich in Amsterdam und Rio gewesen wäre.»

Je länger die Emmentalerin erzählt, desto niedriger scheint ihr Puls zu werden. «Ich glaube, ich bin geduldiger geworden», erwidert sie auf die Frage, ob sie der düsteren Geschichte etwas Positives abgewinnen könne.

«Ich musste irgendwann akzeptieren, dass es Momente gibt, in denen man nicht drei Sachen gleichzeitig machen kann.» Was ihr hoffentlich helfen werde, sollten sich auch abseits der Tartanbahn Hindernisse auftürmen. «Ig cha itz ds Füfi o mau la grad si.»

Ich musste irgendwann akzeptieren, dass es Momente gibt, in denen man nicht drei Sachen gleichzeitig machen kann.

Noemi Zbären

Die Vorfreude auf das Comeback ist grösser als der Respekt. Zbären weiss sehr wohl, dass sie leistungsmässig nicht dort einsteigen wird, wo sie aufgehört hat. Obwohl sich das Knie «richtig gut» anfühle. «Ich habe keine Ahnung, wie es nach den ersten Rennen aussehen wird, ob ich Pausen brauchen werde.

Sich herantasten, eine gute Basis schaffen, «damit ich 2018 wieder voll angreifen kann», lautet die Devise. Was vernünftig klingt, auf ein Comeback mit freiem Kopf hindeutet. Wobei ihr Letzterer etwas verbietet: Basketball, sagt sie bestimmt, werde sie nie mehr spielen.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch