Auf höchstem Niveau

Leichtathletik

Den letzten Schliff für die WM in London hat sich die Sprintstaffel um Mujinga Kambundji in Langenthal geholt; die Perspektiven sind ausgezeichnet. Trainer Ralph Mouchbahani sagt: «Die Frauen machen mir die Arbeit einfach.»

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Der Blick auf die Jahresweltbestenliste bringt Erstaunliches zutage. Hinter den Sprintstaffeln aus den USA, Jamaika und Deutschland folgen bereits die Frauen von Swiss Athletics. Deren Trainer Ralph Mouchbahani sagt, streng genommen stehe die Schweiz gar auf Platz 3, weil die Marke der USA nicht vom Nationalteam erreicht worden sei. Vergleichbares hat es zumindest in der Neuzeit nie gegeben.

Wobei Mouchbahani keineswegs den Eindruck erweckt, in Euphorie zu verfallen. Der 59-jährige Deutsche leitet im Langenthaler Hard-Stadion die letzte Einheit vor der am Freitag beginnenden WM in London. Er lobt die gute Basis, was als Kompliment an den Verband und seinen Vorgänger Laurent Meuwly zu verstehen ist. «Die Wechsel sind in der Schweiz generell sehr gut, die Frauen alle schneller geworden. Nun ist auch die Schnellste dabei, die Entwicklung also keine Hexerei.»

Die Schnellste – es handelt sich um Mujinga Kambundji – zog sich Anfang 2016 aus der Staffel zurück. Der Schritt der Bernerin beruhte auf einem jahrelang schwelenden Konflikt mit Meuwly, dessen Ursache war zwischenmenschlicher Natur. Leistungssportchef Peter Haas hielt an Meuwly fest.

Im Zentralvorstand hingegen gefiel nicht allen, dass das Quartett nicht in Bestbesetzung antrat. Worauf nach durchzogenem Auftritt an den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro entschieden wurde, Meuwly durch Mouchbahani zu ersetzen – und Kambundji ihre Rückkehr ankündete.

Vor diesem Hintergrund erstaunt es nicht, atmeten Anfang Juli anlässlich der Lausanner Athletissima etliche Mitglieder der Verbandsspitze tief durch, nachdem Ajla Del Ponte, Sarah Atcho, Kambundji und Salome Kora den Landesrekord in ihrem ersten und bisher einzigen gemeinsam bestrittenen Rennen gleich um 34 Hundertstel auf 42,53 Sekunden gesenkt hatten.

Der enge Zeitplan

Die Diskussion, ob der Trainerwechsel richtig oder falsch gewesen sei, war mit einem Lauf vom Tisch. Erleichterung machte sich auch bei Kambundji breit. «Wir haben bewiesen, dass wir auf dem richtigen Weg sind.

Es wäre blöd gewesen, wenn es nicht funktioniert hätte», sagt die 25-Jährige, im nächsten Satz ergänzend, bei den Stabübergaben gar noch Reserven zu haben. Mouchbahani beziffert diese auf «ungefähr zwei Zehntel».

In Langenthal sei es darum gegangen, «eine gesunde Arroganz» zu entwickeln, hält er fest. Zweitens habe er Zusammenstellungen getestet. «Wir haben nun drei Varianten, für jede Situation eine Lösung bereit.»

Kambundji tritt in London über 100 und 200 Meter an; Atcho (200), Cornelia Halbheer (200) und Kora (100) haben sich für eine Disziplin qualifiziert. Del Ponte dürfte am Start gesetzt sein, die als sechste Sprinterin selektionierte Samantha Dagry primär Erfahrungen sammeln. Bedarf, von der Rekordformation abzuweichen, könnte es nicht nur bei Verletzungen geben.

Der 200-Meter-Final findet am übernächsten Freitagabend um 21.50 Uhr Ortszeit statt, der Vorlauf über 4-mal 100 Meter gut zwölf Stunden später. Kambundji ist in der Entry List dank ihres 22,42-Sekunden-Sprints an der Schweizer Meisterschaft im Letzigrund die Nummer 7, die erste Finalteilnahme auf globaler Ebene womöglich in Reichweite. Ob der Staffelvorlauf im Erfolgsfall mit oder ohne die Leaderin stattfände, würde spontan entschieden.

Das gute Klima

Die Könizerin will sich darob nicht zu viele Gedanken machen. Sie lobt ihre Kolleginnen, sagt, die Stimmung sei ausgezeichnet. Mouchbahani spricht über die hohe Relevanz der Akzeptanz. «Die Frauen machen mir die Arbeit einfach. Sie unterstützen sich gegenseitig. Jede gibt der anderen zu verstehen, dass sie wichtig ist.»

Und: «Die Staffel hilft den Sprinterinnen, ihr Selbstwertgefühl zu stärken – und wieder zu sich selbst zu finden, wenn es im Einzel mal nicht wunschgemäss läuft.» Angetan zeigt sich der Deutsche von der Infrastruktur in Langenthal. «Vom Hotel ist man in zwei Minuten auf der Anlage. Das ist für unsere Bedürfnisse perfekt.»

Bei den Staffeln ist die Aussagekraft von Bestenlisten begrenzt, weil es immer Nationen gibt, die erst am Grossanlass in Bestbesetzung antreten. Fakt jedoch ist: Die Schweiz ist für die Finalqualifikation nicht mehr auf Fehler anderer Equipen angewiesen – so gut sind die Voraussetzungen noch nie gewesen. Zu diesem Schluss gelangt, wer sieht, wie locker und trotzdem fokussiert die Sprinterinnen die Übergabeübungen im Hard-Stadion absolvieren.

Berner Zeitung

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