Auf den Spuren der Vorbilder

Der eritreische Weltklasseläufer Ghirmay Ghebreslassie könnte am Samstag seinen Vorjahressieg beim Grand Prix von Bern wiederholen. Der 21-Jährige wählt sich seine Rennen gezielt aus.

Fototermin im Erlacherhof: OK-Präsident Matthias Aebischer (rechts) übergibt Ghirmay Ghebreslassie und Stadtpräsident Alec von Graffenried ihre Startnummern.

Fototermin im Erlacherhof: OK-Präsident Matthias Aebischer (rechts) übergibt Ghirmay Ghebreslassie und Stadtpräsident Alec von Graffenried ihre Startnummern.

(Bild: Andreas Blatter)

Reto Pfister

«Es war sehr spannend, den Stadtpräsidenten zu treffen und sich mit ihm zu unterhalten», sagt Ghirmay Ghebreslassie in passablem Englisch. Im Beisein von Alec von Graffenried erhielt der Eritreer am Donnerstag die Startnummer 1 überreicht.

Selbst aus einem Land mit einer autoritären Regierung stammend, interessiert sich der 21-Jährige dafür, wie Politik in der Schweiz funktioniert. In erster Linie ist Ghebreslassie aber als Läufer in die Bundesstadt gereist. Die 16,093 km am Grand Prix von Bern wird er am Samstag als Favorit unter die Füsse nehmen. Ein zweiter Sieg nach 2016 wäre keine Überraschung.

Nur fünf, sechs Wettkämpfe

Ghirmay Ghebreslassie ist innert kurzer Zeit in die Weltspitze der Langstreckenläufer aufgerückt. 2015 holte er als erst 19-Jähriger in Peking den Weltmeistertitel im Marathon. Bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro verpasste der Eritreer als Vierter das Podest nur knapp, im Herbst entschied er den prestigeträch­tigen New-York-Marathon für sich.

Die beiden Rennen unterschieden sich in der Bedeutung. «In New York bin ich vor allem für eine gute Zeit gelaufen», sagt Ghebreslassie. «In Rio hingegen ging es nur um den Rang. Es ärgerte mich, dass ich eine Medaille knapp verpasst hatte.»

Der junge Eritreer wählt seine Einsätze mit Bedacht aus. Viele afrikanische Läufer sind in vielen kleineren Rennen am Start; auch mit der Absicht, die Siegprämien zu gewinnen. Nicht so Ghebreslassie. Er bestreitet nicht mehr als fünf, sechs Wettkämpfe pro Jahr.

Nach dem GP kehrt er in die eritreische Hauptstadt Asmara zurück, erst im August wird der 21-Jährige seine Heimat wieder verlassen, um in London seinen WM-Titel im Marathon zu verteidigen.

Bis dahin trainiert Ghebreslassie in Asmara in einer Gruppe, die nicht mehr als zehn Athleten umfasst. «Es kann sein, dass auch ausländische Athleten ab und zu mit dabei sind. Sie sind herzlich willkommen.»

Mit Ryffel befreundet

Und schon stellt sich die Frage, warum Ghebreslassie gerade den Grand Prix von Bern für einen seiner wenigen Starts auswählt. «Sein Landsmann Zersenay Tadese, der den Streckenrekord hält, ist eines seiner grossen Vorbilder», klärt Markus Ryffel, der beim GP für die Verpflichtung der Spitzenathleten zuständig ist, auf.

«Haile Gebrselassie ebenso.» Der Äthiopier, einer der besten Langstreckenläufer in der Geschichte, war 2013 in Bern am Start. «Ghirmay wollte wissen, was es mit diesem Grand Prix in der Schweiz so auf sich hat», sagt Ryffel.

Nach seiner ersten Teilnahme sei eine Freundschaft zwischen ihm und dem Athleten entstanden. «Wir stehen regelmässig in Kontakt. Wir tauschen uns über persönliche Dinge, aber auch über Trainingsmethoden aus. Ghirmay will seine Leistungen auf Distanzen unterhalb des Marathons verbessern.»

Ryffel ist als Olympia-Silbermedaillengewinner von 1984 über 5000m ein geeigneter Ansprechpartner dafür. «Ich schliesse es nicht aus, dass Ghirmay auch in den nächsten Jahren in Bern startet», sagt er.

Hügel sind kein Problem

Die Strecke des Grand Prix führt im Gegensatz zu vielen flachen Stadtmarathons über hügeliges Gelände. Mit dem Aargauerstalden müssen die Läufer kurz vor dem Ziel eine happige Steigung bewältigen. «Dies ist kein Problem», sagt der Eritreer. «Ich mag ebene und bergige Passagen gleichermassen.»

«Ich mag ebene und bergige Passagen gleichermassen.»Ghirmay Ghebreslassie

Läuft er am Samstag wie erwartet als Sieger ins Ziel, dann wird Ghirmay Ghebreslassie vielleicht wie vor einem Jahr von euphorischen, in der Schweiz lebenden Landsleuten für seinen Sieg gefeiert werden.

Es wird dabei keine Rolle spielen, dass die meisten vor dem diktatorischen Regime in ihrem Heimatland geflüchtet sind; der erfolgreiche Athlet hingegen staatliche Unterstützung geniesst. Die problematischen politischen Verhältnisse in Eri­trea wären wiederum für einige Minuten in den Hintergrund gerückt worden.

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