Auf den GP folgt die Grillparty – und womöglich ein Triathlon

Interessenkonflikte und Terminkollisionen gehören bei Delia Sclabas zum Alltag. Es sieht danach aus, als habe der Schweizer Sport für Multitalente keine Lösung parat.

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Was macht Delia Sclabas am Samstag? Die Frage ist berechtigt, obwohl es sich bei der Kirchbergerin um die Vorjahressiegerin des Altstadt-GP handelt und die 16-Jährige das Lauffest als «Herzens- und Familiensache» bezeichnet. Die Eltern treten an, die fünf Kinder ebenfalls, und abends folgt jeweils eine Grillparty mit Bekannten. «Das ist Tradition.»

Sclabas’ sportliche Heimat ist die in Gümligen beheimatete Laufgruppe Gerbersport, welche mit der GG Bern, dem TV Länggasse und dem LAC Wohlen die Leichtathletikgemeinschaft Bern bildet.

Diese wiederum, LG Bern genannt, bestreitet am Samstag die Schweizer Vereinsmeisterschaft (SVM) in Winterthur, und die Verantwortlichen des Ensembles würden es begrüssen, stünde ihnen Sclabas zur Verfügung. Es gibt nicht viele Athletinnen, die sich über 1500 und 3000 Meter auf ihrem Niveau bewegen; hohe Punktzahlen wären der LG Bern in diesen Sparten gewiss.

Gedanken an Tokio

Am Sonntag findet im deutschen Forst zwischen Karlsruhe und Mannheim ein internationaler Jugendtriathlon statt. Was insofern relevant ist, als Swiss Triathlon den Wettkampf zum notabene einzigen Selektionsrennen für die Junioren-EM in Kitzbühel erkoren hat. In andern Worten: Wer in ­Österreich um die Medaillen kämpfen will, muss sich in Deutschland vorn einreihen.

Das Beispiel des bevorstehenden Wochenendes ist eines von vielen, Interessenkonflikte respektive Terminkollisionen sind omnipräsent. Es erstaunt nicht, entstehen Reibungspunkte, verlassen die Gespräche gelegentlich die sachliche Ebene.

Wer versucht, die Ausgangspositionen der Beteiligten zu verbinden, registriert ein komplexes Gebilde mit unterschiedlichsten Perspektiven, Vorstellungen und Wahrnehmungen.

Die Saisonplanungen in der Leichtathletik, um eine von mehreren Ursachen des Problems zu nennen, werden jeweils im November gemacht, die Selektionskriterien der Triathleten jedoch werden erst im Februar bekannt.

Einen Athleten, der auf höchstem Level drei Sportarten betreibt, die in zwei verschiedenen Verbänden zu Hause sind, dürfte es in der Schweiz noch nie gegeben haben. Es scheint, als sei der Schweizer Sport auf einen solchen Fall nicht vorbereitet, als fehle in dessen Struktur eine Lösung für Athleten mit einem solchen Profil.

«Meine Frau und ich versuchen, Delia die Diskussionen zu ersparen, sie abzuschirmen, damit der Spass nicht verloren geht», sagt Dario Sclabas. Seine Tochter zuckt mit den Schultern, meint, «einer ist immer sauer – egal, was ich tue».

Was sie mittelfristig tun möchte, weiss sie genau: Sich für die Olympischen Spiele 2020 in Tokio qualifizieren. Das Ziel ist ambitiös, wird Sclabas doch dannzumal erst 19-jährig sein. Ausser Reichweite läge es aber nicht, sollte sich das Leistungsvermögen im bisherigen Stil weiterentwickeln.

Das gilt zumindest für den Triathlon, in welchem die Dichte geringer ist als auf der Bahn. Anderseits, diesbezüglich sind sich die Experten einig, ist das Potenzial im Laufen am grössten. Und 2024, an den übernächsten Sommerspielen, wird sie immer noch sehr jung sein. Allein dieses kurze Gedankenspiel offenbart, wie vielschichtig die Geschichte ist.

Von der SVM wurde Sclabas dispensiert. Ob sie am Tag nach dem GP Bern in Forst antritt oder für die EM eine Wild Card erhält, stand am Donnerstagabend nicht fest – die Gespräche waren noch im Gang.

mjs

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