Schneller Schritt, schmaler Grat

Im Vorjahr hat Delia Sclabas den Altstadt-GP gewonnen, am Samstag tritt die 16-Jährige aus Kirchberg in Bern als Favoritin an. In ihrer Altersklasse verkörpert die Gymnasiastin in drei Sportarten europäische Spitze.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Auf der Tartanbahn im Neufeldstadion herrscht Hochbetrieb. Die Mittel- und Langstreckenläufer des TV Länggasse trainieren auf dem Oval. Die Dämmerung setzt ein, Peter Mathys zieht eine warme Jacke an. Der 72-jährige Aargauer, von allen «Pesche» genannt, gibt die Kommandos.

Gelaufen wird in leistungsabhängigen Kleingruppen über unterschiedliche Distanzen. Die zweitschnellste Formation besteht aus zwei Männern und einer jungen Frau, deren ebenso dynamisch wie locker wirkender Schritt ins Auge sticht.

Es handelt sich um die im November 16-jährig gewordene Delia Sclabas aus Kirchberg, welche gleich nebenan im Gymnasium Neufeld die Tertia besucht – den normalen Unterricht, nicht die Sportklasse. Wobei das Sportlerleben des Teenagers nicht als normal bezeichnet werden kann.

Im August 2015 liess sich Sclabas über 1500 Meter erstmals als Schweizer Meisterin bei den Aktiven feiern. Das Niveau in ­dieser Sparte ist hierzulande bescheiden, der Auftritt war trotzdem beeindruckend, distanzierte die 14-Jährige die zweitklassierte Walliserin Florence Peguiron doch um über 7 Sekunden.

Im Juni 2016 gewann die Bernerin an der Duathlon-WM in Spanien Gold bei den Juniorinnen. Anfang Juli belegte sie an der Jugend-EM der Triathleten in Ungarn Rang 3. Mitte Juli triumphierte sie an der U-18-EM der Leichtathleten in Georgien über 1500 und 3000 Meter. Vor zwei Wochen erreichte sie das Ziel an der Duathlon-EM in Spanien neuerlich als Erste.

Ihr Leistungsvermögen lässt sich auch in der Nähe beobachten, ist sie doch am Grand Prix von Bern Stammgast. 2014, als 13-Jährige, wurde sie im 4,7 Kilometer langen Altstadtrennen einzig von der nachmaligen OL-Weltmeisterin Judith Wyder bezwungen. 2015 landete sie erneut auf Rang 2, 2016 realisierte sie einen Solosieg.

Bestreitet Delia Sclabas einen Wettkampf, steht sie in der Regel auf dem Podest, oft auf dem obersten Treppchen. Was in ihren Worten «aufregend und extrem motivierend» ist. Aber für alle Beteiligten nicht immer einfach sei, wie Mathys festhält.

Barbara und Dario Sclabas, die Eltern des Multisporttalents, haben in diesem Zusammenhang schon viele Geschichten gehört – auf dem Latrinenweg, versteht sich. Jene des «armen Mädchens», welches immer trainieren müsse und nicht Kind sein dürfe, gehört noch zur harmloseren Sorte.

Dario Sclabas erwähnt ein Rennen, an welchem Delias ältere Schwester Arianna teilnahm. «Da war eine Zuschauerin, die auf Arianna zeigte und sagte, dieses Mädchen habe eine kleine Schwester, welche noch viel ­besser sei, weil sie viel zu viel ­trainiere und zu Hause von einem Privatlehrer unterrichtet werde.»

Was «völliger Blödsinn» sei. «Delia hat die Schule ganz normal besucht, wie alle anderen. Und sie trainiert aus Freude am Sport.» Mathys nickt, spricht von «aussergewöhnlicher Motivation», von «starkem Willen» und resümiert: «Delia gehört zu jenen Athleten, die man eher bremsen als anstossen muss.»

Die Begeisterung für den Sport findet sich in den Genen. Barbara Sclabas entstammt einer Skifahrerfamilie. Hedy Schlunegger, 1948 in St. Moritz Olympiasiegerin in der Abfahrt, war ihre Tante. Martina Schild, 2006 in Turin Olympia-Silber-Gewinnerin in der Abfahrt, ist ihr Patenkind.

Die Ausdauerkomponente lässt sich auf einen Schwimmkursbesuch von Delias älterem Bruder Luca in Burgdorf zurückführen. Nebenbei leitete der Schwimmtrainer eine Triathlongruppe, auf diese Weise kam die siebenköpfige Familie mit dem Laufsport in Kontakt.

Wie bei ihren Drillingsschwestern Ilenia und Silia trat das Talent bei Delia rasch zutage. Was sie von den andern unterscheidet, ist der Kopf. Derweil Ilenia mittlerweile Stabhochspringerin ist, Silia auf hohem Niveau Oboe spielt und ihre Runden im Neufeld etwas langsamer abspult als Delia, bittet Letztere ihren auf der Holztribüne sitzenden Vater mit Nachdruck, beim anstehenden 200-Meter-Lauf die Zeit zu stoppen.

Delia war die Kleinste. Sie musste am härtesten ums Überleben kämpfen.Dario Sclabas

«Sie ist eine Kämpferin, si het ire Gring», sagt Dario Sclabas. Was mit der frühen Entwicklung verbunden sei. «Delia war die Kleinste der Drillinge; sie musste am härtesten ums Überleben kämpfen.»

Mathys, von 1984 bis 1988 Mittel- und Langstrecken-Nationaltrainer, bescheinigt Delia Sclabas hohe mentale Reife sowie «schwer fassbares Potenzial» im Laufbereich. Er hält die Fäden in der Hand, steuert das Training.

Wobei er sich primär mit Martin Hauert vom LAC Wohlen abspricht, in dessen Gruppe die 16-Jährige an der Schnelligkeit arbeitet. Zu den Breitensporttrainern des Schwimmklubs Bern gibt es keinen Kontakt.

Die Gefahr des Übertrainings lasse sich nicht ganz ausräumen, erwidert Mathys auf die entsprechende Frage. «Auf ihrem Niveau ist die Kombination der Sport­arten eine Gratwanderung. Wir müssen schauen, dass Delia auf dem Grat bleibt.»

Hauert sagt, Sclabas falle im Training nicht nur wegen ihres Leistungsvermögens auf. Führe er neue Komponenten ein, mache sie auf Anhieb alles richtig. «Sie saugt es auf, wie ein Schwamm. Sie schaut hin, und es haut hin.»

Ansonsten sei sie zurückhaltend und bescheiden, hält der 67-Jährige fest. «Von ihren Erfolgen trägt sie nichts nach aussen – im Gegenteil: Man muss zweimal nachhaken, damit sie zu erzählen beginnt.»

Was die nähere Zukunft betrifft, hebt Hauert den Mahnfinger und stellt klar, irgendwann werde sich die Athletin für eine Sportart entscheiden müssen.

Sein Kollege Mathys wird diesbezüglich konkreter. «In den nächsten zwei, drei Jahren sollten wir wissen, in welche Richtung es geht.» Delia Sclabas ist sich der Problematik bewusst, sagt jedoch, sie geniesse das vielfältige Training, und die Wettkämpfe bereiteten ihr Freude.

«Ich habe doch noch ein bisschen Zeit.» Mathys versteht die Perspektive der jungen Athletin und resümiert, es könne auch ein Nachteil sein, in mehreren Sportarten zu den Besten zu gehören, weil man die Qual der Wahl habe.

In diesem Kontext liesse sich auch die Kombination von Verbands-, Vereins- und Sportlerinteressen erwähnen, die oft zu Konfliktsituationen führt – beispielsweise am bevorstehenden Wochenende.

Im Neufeldstadion ist die Dämmerung weit fortgeschritten, die Trainingseinheit zu Ende. Derweil sich Silia Sclabas sofort in wärmende Kleidung hüllt, sagt ihre Schwester, sie werde noch einen 200-Meter-Lauf bestreiten, weil ihr beim letzten Versuch eine Fliege ins Auge geflogen sei, sie diesen nicht habe durchziehen können.

«Pesche hat gesagt, ich darf nochmals rennen», ruft sie ihrem schon leicht frierenden Vater strahlend zu und begibt sich zum Start. Eine Minute später verlässt Mathys als Letzter das Oval. Auf der Tartanbahn kehrt Ruhe ein. (Berner Zeitung)

Erstellt: 12.05.2017, 14:56 Uhr

Schule und Sport: Flexibles Modell

Am Gymnasium Neufeld geniesst der Leistungssport einen hohen Stellenwert. 2011 wurde die Institution mit dem Label Swiss Olympic Partner School zertifiziert. Angeboten würden das auf einer Halbtagesstruktur beruhende Modell Sportklasse sowie das Modell Regelklasse, sagt Heinz Gmür.

Letzteres sehe bei Bedarf individuelle Stundenplanlösungen vor, welche die Regenerationszeiten berücksichtigten, ergänzt der Leistungssportverantwortliche der Schule. Delia Sclabas besucht die Regelklasse, vom individuellen Ansatz machte sie noch keinen Gebrauch.

«Delia ist nicht nur eine hervorragende Sportlerin, sondern auch eine sehr gute Schülerin», sagt Gmür, den ­Ehrgeiz betonend, welchen die 16-Jährige an den Tag lege.

Der Pädagoge lässt jedoch durchblicken, dass sich die Gesamtbelastung bei 12 bis 15 Stunden Training pro Woche im Grenzbereich bewege und eine Verlängerung der Schulzeit jederzeit eine Option darstelle. Die nächste diesbezügliche Beurteilung wird im Juni vorgenommen. mjs

Artikel zum Thema

Auf den GP folgt die Grillparty – und womöglich ein Triathlon

Interessenkonflikte und Terminkollisionen gehören bei Delia Sclabas zum Alltag. Es sieht danach aus, als habe der Schweizer Sport für Multitalente keine Lösung parat. Mehr...

Delia Sclabas schreibt Geschichte

Die Kirchbergerin Delia Sclabas sichert sich an der U-18-EM in Tiflis über 3000 m die Goldmedaille. Die 15-Jährige ist die erste Schweizer U-18-Europameisterin überhaupt. Mehr...

Delia Sclabas erinnert an die junge Anita Weyermann

Im Altstadt-GP hat Delia Sclabas einmal mehr ihr grosses Potenzial unter Beweis gestellt. Nur Jasmin Widmer war schneller als die Kirchbergerin. Bei den Männern wurde Andrea Salvisberg Zweiter. Mehr...

Paid Post

Bis zu 20 Prozent Krankenkassenprämie sparen

Mit dem neuen Grundversicherungsmodell KPTwin.easy sparen Sie bis zu 20 Prozent Prämie und eine Menge Zeit.

Kommentare

Blogs

Serienjunkie Introvertierter Bär

Casino historisch Die schwankende Brücke

Service

Die Welt in Bildern

Wer wird Präsident? Ein traditionell gekleideter Chilene, ein sogenannter Huaso, verlässt nach seiner Stimmabgabe in Santiago die Wahlkabine. (19. November 2017)
(Bild: Esteban Felix/AP) Mehr...