Maja Neuenschwander hat das richtige Rezept gefunden

Bern

Eine Afrikanerin gewinnt über 5 km am Schweizer Frauenlauf, eine Bernerin läuft aufs Podest und so schnell wie nie zuvor. Nicht nur Helen Tola Bekele und Maja Neuenschwander erreichten in der Bundesstadt ihr persönliches Ziel.

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Reto Pfister

Sie war nicht die Siegerin, und gegen Ende des Rennens war sie auch von der Zweitplatzierten noch deutlich, um 11 Sekunden, distanziert worden. Und dennoch war Maja Neuenschwander sehr zufrieden. «Das ist die beste Zeit, die ich am Frauenlauf je gelaufen bin», sagte die 36-jährige Bernerin erfreut und ging in die Analyse des Rennens über. «Ich bin lange mit Fabienne Schlumpf mitgelaufen. Dann machte sich der ­Distanzunterschied bemerkbar.»

Schlumpf wird an den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro über 3000 Meter Steeple antreten, Neuenschwander im Marathon, und das Hauptrennen des Frauenlaufs führt über 5 Kilometer. Die Bernerin erhielt Gewissheit, sich in der Vorbereitung auf dem richtigen Weg zu befinden.

Eine Woche ist optimal

Maja Neuenschwander hält sich wie viele Spitzenläuferinnen und -läufer oft in St. Moritz, auf 1800 Metern Höhe auf, um dort zu trainieren. Es stellt sich die Frage, wann man jeweils ins Flachland zurückkehren soll, um eine optimale Leistung zu erbringen. Neuenschwander hat die Antwort offenbar gefunden, zumindest für Rennen, die in der gleichen Zeitzone und bei vergleichbaren klimatischen Bedingungen stattfinden. Nach dem Grand Prix von Bern fuhr sie Mitte Mai ins Engadin. Drei Wochen hielt sie sich dort auf, eine Woche vor dem Frauenlauf verliess sie St. Moritz.

«Dies ist offenbar genau der richtige Zeitpunkt», sagte sie an der Medienkonferenz nach dem Rennen. «Das Training am Donnerstag verlief noch etwas harzig. Heute hingegen hatte ich sehr ­gute Beine.» Neuenschwander stieg nach der Siegerehrung und der Dopingkontrolle noch gestern Nachmittag in den Zug, um das Höhentraining in St. Moritz umgehend fortzusetzen. Ab Mittwoch will sie dort wieder mit voller Intensität trainieren. Und wieder wird sie sich eine Woche vor dem nächsten Wettkampf, dem EM-Halbmarathon auf Meereshöhe in Amsterdam, ­zurück ins Flachland begeben.

Mal hier, mal dort

Erfreulich verlief der Tag auch für Helen Tola Bekele. Die 22-jährige Äthiopierin hatte sich kurzfristig zum Start entschlossen. Bekele war eine stille Siegerin. Sie kann sich in keiner in ­Mitteleuropa gängigen Sprache ausdrücken. Auskunft gab ihr Coach Eticha Tesfaye. Der 42-Jährige lebt seit 18 Jahren in der Schweiz; er wohnt in Genf und ist in der nationalen Laufszene eine bekannte Grösse. Unter anderem gewann er mehrmals den Jungfrau-Marathon.

«Helen trainiert mal hier, mal in Äthiopien», sagte Tesfaye. «Ihr gefällt es, dass es in Bern einen Frauenlauf gibt.» Ihre stärkste Disziplin sei der Marathon. Bekele hat indes keine Chancen auf eine Olympiaselektion. Zu stark ist die Konkurrenz in Äthiopien, einem Land mit zahlreichen Weltklasseläuferinnen.

Zahlreiche Siegerinnen

Einen Marathon werden die meisten der über 16'000 Frauen, die gestern durch Berns Strassen liefen, wohl nie bestreiten. Persönliche Erfolge konnten jedoch viele von ihnen feiern. Selbst Verletzungen konnten Läuferinnen nicht davon abhalten, das Ziel zu erreichen. Im Notfall halfen Kolleginnen oder Sanitäterinnen.

Vier Frauen halfen einer Teilnehmerin, die letzten Meter zurückzulegen, als diese auf einen Fuss nicht mehr auftreten konnte. Umgehend erhielt sie die nötige medizinische Erstversorgung.

Von der Spitzenläuferin bis zur Einsteigerin: Frauen mit unterschiedlichstem Leistungsstand rannten durch die Bundesstadt. Mehr als 15'000 wurden klassiert, so viele wie noch nie in 30 Jahren Frauenlaufgeschichte. Maja Neuenschwander und Helen Tola ­Bekele waren nur zwei von ihnen.

Berner Zeitung

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