Im Bann der Gefühle

Auf eine «Wahnsinnssaison» folgte ein schwieriges Jahr; nun kommt es zum Neustart: Siebenkämpferin Caroline Agnou tritt am Wochenende in Götzis an, das Rechnen überlässt die 21-jährige Bernerin ihrem Trainer.

Teamwork: Caroline Agnou arbeitet mit Trainer Adrian Rothenbühler an der Beschleunigungsphase.

Teamwork: Caroline Agnou arbeitet mit Trainer Adrian Rothenbühler an der Beschleunigungsphase.

(Bild: Andreas Blatter)

In der letzten Woche vor einem wichtigen Wettkampf wird das Training partiell zum Wunschkonzert. Was keinesfalls negativ zu verstehen ist, geht es doch um Gefühle, und Gefühle sind im Sportlerleben der Siebenkämpferin Caroline Agnou elementar. Die Bernerin tritt am Wochen­ende beim prestigeträchtigen Mehrkampf-Meeting im vorarlbergischen Götzis an, will drei ­Kilometer ennet der Schweizer Grenze die Limite für die U-23-EM von Mitte Juli im polnischen Bydgoszcz übertreffen.

Im Leichtathletikstadion Wank­dorf begibt sich die 21-Jährige aus Leubringen nach absolvierter Start- und Beschleunigungseinheit zur Hochsprunganlage. Zuletzt habe ihr in dieser Disziplin das Vertrauen gefehlt, hält sie fest. Agnou läuft an, ungefähr bei jedem vierten Versuch verlängert sie den Anlauf. Trainer Adrian Rothenbühler registriert einen Fehler bei der Schrittfolge. Agnou korrigiert das Detail, erweckt einen ausgezeichneten Eindruck. Worauf sich die Frage an die Athletin aufdrängt, ob sie dort stehe, wo sie vor dem ersten Höhepunkt stehen möchte.

Abbruch in Deutschland

Agnou schüttelt den Kopf, sagt, «leider nicht». Wintersaison und Vorbereitung seien richtig gut gewesen. Aber dann, in der letzten Woche des Frühlingstrainingslagers in Südafrika, habe sie eine Oberschenkelzerrung erlitten. «Wieder der Oberschenkel, wieder rechts – wie im letzten Jahr», hält die Seeländerin fest. Was faktisch nicht ganz stimmt, hatte es sich doch bei der letztjährigen Verletzung um eine Hamstring-Zerrung gehandelt. Es ging um den hinteren Oberschenkelmuskel, in diesem Jahr war der vordere betroffen. Gefühlsmässig ist die Parallele unübersehbar: Zweimal bekam sie eines auf den Deckel, zweimal musste sie über längere Zeit pausieren.

Wobei auch ein Unterschied ins Auge sticht. 2016 hatte sich Agnou – die Mutter ist Deutsche, der Vater stammt aus dem westafrikanischen Staat Benin – im Rahmen eines Berufspraktikums in Deutschland aufgehalten, in der hochwertig bestückten Mehrkampfgruppe von Bayer Leverkusen trainiert. Das dortige Konzept hat mit jenem Rothenbühlers wenig gemein, entsprechend passte bei Agnou auch nach der Genesung wenig zusammen. Selbstkritisch hält sie fest, zu lange gewartet zu haben. «Ich hätte die Übung früher abbrechen müssen. Nun weiss ich, dass ich kommunizieren und handeln muss, wenn etwas nicht stimmt.»

Exploit in Schweden

2015 hatte alles gestimmt, zumindest im schwedischen Eskilstuna. Fünf persönliche Bestleistungen, aus neutraler Optik sensationelle und selbst für Trainer Rothenbühler erstaunliche 6123 Punkte: Agnou schien durch das Stadion zu schweben, gewann an der U-20-EM mit gewaltigem Vorsprung Gold. In der Leichtathletikgeschichte haben lediglich zwei Schweizerinnen höhere Werte vorzuweisen, Rekordhalterin Corinne Schneider und ­Agnous Trainingspartnerin Ellen Sprunger. Die 30-Jährige laboriert an Achillessehnenproblemen, tritt am Wochenende nicht an. 2015 sei «eine Wahnsinnssaison» gewesen, sagt Agnou.

2017 hat sie einiges umgekrempelt; es fällt der Begriff Neustart. Sie ist ausgezogen, lebt in der Agglomeration Bern in einer WG, studiert in Freiburg Kommunikation, fühlt sich «extrem wohl». Die Norm für die U-23-EM liegt bei 5200 Punkten, für eine Athletin ihres Formats trotz Trainingsrückstand und fehlender Sicherheit wegen des Einbaus neuer technischer Elemente keine Hürde.

Im Gespräch wird rasch klar: Zahlen bedeuten ihr nicht viel, sie kennt weder die Grossanlass-Limiten noch ihre genauen Wettkampfergebnisse. «Für das Rechnen ist Adi zuständig», hält sie lächelnd fest. Caroline Agnou geht es ums Gefühl. Sie möchte von ihren Qualitäten überzeugt sein, die Wettkämpfe geniessen können. Wieder den Flow-Zustand erlangen, sich von den Emotionen zu Höchstleistungen tragen lassen – wie vor zwei Jahren in Eskilstuna.

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt