Glanzstunde mit Schrecksekunden

Der Halbmarathon an der Leichtathletik-EM in Amsterdam beschert den Schweizer Männern einen doppelten Goldmedaillengewinn.

Adrian Lehmann aus Langenthal gewinnt mit dem Team Gold.

Adrian Lehmann aus Langenthal gewinnt mit dem Team Gold. Bild: EQ-Images

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Die Kulisse mit dem Nationalmuseum im Hintergrund passt, die Streckenführung weniger. Gleich in der ersten Kurve des EM-Halbmarathons von Amsterdam werden die Ellbogen ausgefahren. Was nicht erstaunt, findet sich die Kurve doch keine 20 Meter vom Start entfernt; im Publikum schütteln viele den Kopf. Um­gehend wird dem Betrachter bewusst, dass die Holländer kein Volk von Läufern, sondern eines von Radfahrern bilden.

Tadesse Abraham, ganz am Rand laufend, wird zu Beginn der Kurve von einem Konkurrenten gerempelt, verliert für kurze Zeit das Gleichgewicht. Wenig fehlte, und der Schweizer Marathon-Rekordhalter wäre am Boden gelandet, der riesige Aufwand ohne Ertrag geblieben. Einen Monat lang hatte sich der gebürtige Eri­treer in Äthiopien aufgehalten, dort mit einer hochkarätig bestückten Gruppe auf Höhen von bis zu 3000 Metern über Meer trainiert.

Ein Spanier und ein Holländer kommen zu Fall, Abraham rettet sich mit Glück und Geschick. Übersteht die Schrecksekunde unbeschadet. Schaltet einen Gang höher, macht das verloren gegangene Terrain umgehend wett. Heftet sich an die Fersen von Kaan Kigen Özbilem, der aufs Tempo drückt.

«Ich kenne Mike Kigen gut. Ich wusste, dass er schnell beginnen wird, und es war meine Taktik, ihm zu folgen», wird der Schweizer später sagen. Mike Kigen – so hatte der Kenianer offiziell geheissen, ehe er in der Türkei eingebürgert wurde.

Maja Neuenschwander – die Frauen starteten 20 Minuten früher – liegt nach 10 von 21 Kilometern auf Platz 12, 42 Sekunden hinter der Spitze. «Auf der ersten Hälfte lief alles nach Plan», wird sie später sagen. Die zweite Runde durch die Grachten und Parks hingegen hatte sich die Bernerin anders vorgestellt. Sie verliert Position um Position; es wirkt, als würde ihr die Kraft ausgehen.

Kurz vor dem Ziel wird die Landesrekordhalterin im Marathon von der Solothurnerin Martina Strähl überholt. Letztere beendet das Rennen auf Platz 15, Neuenschwander belegt Rang 23. Ist entsprechend enttäuscht und gesteht, ratlos zu sein. «Ich bin in guter Verfassung, die Werte stimmen. Dieser Halbmarathon passt nicht in mein Gesamtbild.»

Abraham läuft derweil der Goldmedaille entgegen. Auf dem zwölften Kilometer verschärfte Kigen alias Özbilem das Tempo, worauf nur noch der Schweizer mitzuhalten vermochte; bei Kilometer 16 setzte sich Abraham von seinem Widersacher ab.

«Ich spürte, dass er müde war und wusste, dass ich gehen musste. Es ging auch um das Team.» 2014 in Zürich war die Nationenwertung im Marathon kein offizieller Wettkampf gewesen. In Amsterdam hingegen wird der Event im Medaillenspiegel berücksichtigt.

Etwa 200 Meter vor dem Ziel – Abraham hat bereits eine Schweizer Fahne in der Hand – hält ein mit leuchtgelber Weste bekleideter Helfer die Begleitfahrzeuge an, rechts abzubiegen. Er winkt auch, als Abraham auf ihn zu läuft, worauf dieser ebenfalls rechts hält und beinahe in ein Absperrgitter prallt. Geistesgegenwärtig, was nach 20 Kilometern alles andere als selbst­verständlich ist, bremst er recht­zeitig ab, wendet und kehrt auf die Strecke zurück.

Vier bis fünf Sekunden habe er wegen des Malheurs verloren – «das hätte entscheidend sein können», wird er später festhalten. Aber nicht in Bezug auf das Einzelklassement. Schrecksekunde zwei bestätigt: Die Holländer können besser Radrennen als Laufveranstaltungen organisieren.

Nach einer guten Stunde läuft der Wahl-Genfer mit 24 Sekunden Vorsprung als Sieger ein, avanciert zum sechsten Schweizer Einzeleuropameister in der Geschichte. Seine Familie erlebt den schönsten Moment in seiner Sportlerkarriere hautnah mit. Drei Brüder von ihm, dem Flüchtling, welcher vor zwölf Jahren im Asylzentrum von Uster landete, sind ebenfalls präsent, zwei davon leben in Holland.

Abraham hüpft mit Sohn Elod auf den Schultern im Ziel­gelände herum – viel besser als mit dieser Szene lässt sich Glück nicht darstellen. Welch ein Gegensatz zur EM in Zürich, als er dem Druck nicht standzuhalten vermochte, an ein Häufchen Elend erinnerte. «Ich glaube, jeder Sportler hat einmal seinen Tag – und ich habe in heute», hält er strahlend fest.

Bleibt das Team; pro Nation ­werden die besten drei Läufer gewertet: Der Genfer Julien Lyon belegt Platz 15, der Berner Adrian Lehmann Rang 26; unter den besten fünf Ländern erscheint die Schweiz auf der Anzeigetafel trotzdem nicht. Die Spanier feiern bereits, als der Fehler regis­triert wird; Lyon wurde vom System nicht erfasst.

Lange bleibt unklar, wer wirklich gewonnen hat – was vielleicht auch auf dem Fakt beruht, wonach es im Strassenradsport keine Teamwettkämpfe gibt. Als das Verdikt – die Schweiz gewinnt zwei Sekunden vor Spanien Gold – offiziell ge­macht wird, gibt es kein Halten mehr.

Lehmann, der Oberaargauer, welcher im April nach dem Zürich-Marathon Tränen vergoss, weil er sein letztes Rennen innerhalb der Qualifikationsperiode für die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro bei winter­lichen Bedingungen hatte absolvieren müssen und deutlich gescheitert war, hüpft mit Lyon, Christian Kreienbühl, dem Berner Marcel Berni und Andreas Kempf ausgelassen um Abraham herum.

Welcher sich gerade beim Fernsehinterview befindet und nicht so recht weiss, wie ihm geschieht. Lehmann fällt es zehn Minuten später schwer, Worte zu finden. «Europameister werden – das ist ein Traum», hält er fest. Und ergänzt, das sei weit mehr als eine Entschädigung für das nicht gelöste Olympiaticket.

Apropos Olympia: Abraham wird am Dienstag awieder zurück nach Äthiopien fliegen. Sich auf den Marathon am Zuckerhut vorbereiten. Ein Höhentrainingslager in St. Moritz, der bevorzugten Destination der meisten Schweizer, kommt für ihn nicht infrage. Weil er auf 2400 Metern über Meer aufgewachsen ist, hat ein Aufenthalt auf 1800 Metern bei ihm nicht den gewünschten Effekt. (Berner Zeitung)

Erstellt: 11.07.2016, 08:49 Uhr

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Swiss Athletics hat in Holland zwei Gold- und drei Bronzemedaillen gewonnen, die erfolgreichste EM in seiner Geschichte erlebt. 13 Top-8-Plätze hat der Verband vorzuweisen, 4 mehr als beim vormaligen EM-Bestwert, der vor 47 Jahren in Athen realisiert worden war. (sda/mjs)

Schrei der Erleichterung:? Tadesse Abraham feiert seinen ersten grossen Triumph im Schweizer Dress. (Bild: Keystone )

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