Einer geht, zwei lassen aufhorchen

Derweil sich beim Weltklasse Zürich mit Mo Farah die seit Usain Bolts Rücktritt bekannteste Figur der Sportart mit einem Sieg aus der Stadion-Leichtathletik verabschiedet, treiben sich zwei aufstrebende Langhürdler zu Spitzenleistungen.

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Die Startpositionen sind bezogen. Auf Bahn 4 kniet Gina Lückenkemper. Bahn 5 ist durch Schillonie Calvert-Powell besetzt, neben der Jamaikanerin wartet Barbara Pierre auf das Kommando. Allesamt haben sie die 100 Meter in diesem Sommer unter 11 Sekunden zurückgelegt. Im Letzigrund sprinten sie im Vorprogramm; es ist kurz nach 19 Uhr. Willkommen bei Weltklasse Zürich. An den «Olympischen Spielen in zwei Stunden», wie Meetingdirektor Andreas Hediger über die Lautsprecher zum Besten gibt.

An diesem Abend ist die Besetzung noch besser als gewohnt. Der Diamond-League-Final wird seinem Namen erstmals im engeren Sinn gerecht; wer in Zürich reüssiert, ist Gesamtsieger, kassiert 50'000 Dollar. Was für die meisten Spitzenleichtathleten einer sehr hohen Summe gleichkommt und sie dazu veranlasst, nach dem Saisonhöhepunkt in London nochmals alles aus sich herauszuholen.

Lückenkemper, Calvert-Powell und Pierre belegen bei leichtem Regen die Ränge 4, 7 und 3. Das Trio weist nicht nur auf die hohe Qualität, sondern auch auf ein grosses Problem der Sportart hin. Kaum einem sportaffinen Schweizer sind diese Namen ein Begriff. Lückenkemper wurde in Deutschland durch die Medien gereicht, nachdem sie verkündet hatte, sich zwischen ihren Einsätzen gerne eine Bratwurst zu genehmigen. Jenseits des Fachpublikums ähnelt ihr Bekanntheitsgrad jenem des sich nebenan aufwärmenden Luvo Manyonga. Der Weitsprungweltmeister aus Südafrika ist interessant geworden, weil er drogenabhängig war, sich aber von der Sucht zu befreien vermochte.

Usain Bolt kennt jeder, der Jamaikaner ist aber nicht mehr dabei. Karsten Warholm hatte kaum einer gekannt, ehe sich der Norweger nach seinem WM-Triumph den Wikingerhelm aufsetzte, den Emotionen freien Lauf liess und mit seiner erfrischenden Art begeisterte. Es war 15 Grad kühl in London. Es goss wie aus Kübeln, und der 21-Jährige sprach von einem typischen norwegischen Sommerabend. In Zürich haben sich die Wolken verzogen, als das 400-Meter-Hürden-Rennen beginnt. Warholm legt los, als gäbe es kein Morgen, Kyron McMaster hält dagegen. Der Athlet von den Britischen Jungferninseln, noch ein Jahr jünger als der Skandinavier, wurde im WM-Vorlauf wegen unkorrekten Passierens eines Hindernisses disqualifiziert.

Auf der Zielgeraden kommt es zum Showdown, wobei der Newcomer aus der Karibik über mehr Reserven verfügt, in 48,07 reüssiert. Warholm ist 15 Hundertstel langsamer, unterbietet damit seinen persönlichen Bestwert. Skifahren sei nix für ihn, aber beim Après-Ski könne man auf ihn zählen, erwiderte er am Tag vor dem Rennen auf die entsprechende Frage. Welch sportliches Potenzial im Norweger steckt, lässt sich erahnen, wenn man weiss, dass er sein Training bis 2016 auf den Zehnkampf ausgerichtet hatte. Womöglich wächst er zur neuen Galionsfigur heran. An einem kompetitiven Rivalen mangelt es nicht, wie McMaster eindrücklich demonstriert hat.

Der Wettkampf über 5000 Meter ist das Abschiedsrennen von Mo Farah. Er ist die grösste Figur, aber nicht alle sind traurig, dass sich der Brite künftig auf den Marathon konzentrieren will. Weil er Teil eines anderen, noch grösseren Problems der faszinierenden Sportart ist: der begrenzten Glaubwürdigkeit. Im Fall Farah gehen die düsteren Indizien längst über seinen des Dopingmissbrauchs verdächtigten Trainer Alberto Salazar hinaus.

Bei Jama Aden, einst Trainer der Äthiopierin Genzebe Dibaba, wurden 2016 grössere Mengen des Blutdopingmittels Epo gefunden. Farah, dessen Wurzeln sich in Somalia finden, stand mit dem Somalier in Kontakt. Und dann gibt es noch einen langen Text auf der Enthüllungsplattform Honest Sport, in dem detailliert geschildert wird, wie ein ehemaliger Trainingspartner des vierfachen Olympiasiegers in der kenianischen Laufhochburg Iten beim Epo-Verkauf gefilmt wurde.

Ende 2016 wurde der Immigrant von Königin Elizabeth zum Ritter geschlagen. An der WM in London begab er sich nach dem Triumph über 10 000 Meter mitsamt Familie auf die Ehrenrunde – aus den Lautsprechern dröhnte «God Save the Queen». Nach seiner Niederlage über 5000 Meter gegen Muktar Edris holte er zum Rundumschlag gegen die Journalisten aus, weil diese versuchten, sein Werk zu zerstören.

In Zürich heisst es zum letzten Mal: Alle gegen einen. Es fällt schwer, die einzelnen Athleten zu erkennen. Anders als bei Titelkämpfen tragen sie die Trikots ihrer Ausrüster, wobei viele den gleichen haben. Die Konkurrenten verlangen Farah alles ab, Edris wirft sich über die Ziellinie, tut dies aber vier Hundertstel zu spät. Farah lässt sich feiern, die Zuschauer honorieren sein sportliches Gesamtwerk – wenn auch nicht annähernd so euphorisch wie jüngst in London.

Abgeschlossen wird das Meeting wie üblich mit der Sprintstaffel der Frauen. Die Schweizerinnen treten mit zwei Reservistinnen an, weil sich Ajla Del Ponte und Salomé Kora an der Universiade in Taiwan befinden. Das Quartett um Mujinga Kambundji verkauft sich prächtig, belegt in 42,93 Sekunden Rang 4; die Zuschauer sind begeistert. Spätestens jetzt wird klar: Weltklasse Zürich kommt auch ohne die ganz grossen Nummern aus – den einheimischen Athleten sei Dank.

Weltklasse Zürich. 1. Diamond-League-Final.
Männer. 100 m (windstill): 1. Chijindu Ujah (GBR) 9,97. 2. Ben Youssef Meité (CIV) 9,97. 3. Ronnie Baker (USA) 10,01. 4. Justin Gatlin (USA) 10,04. Ferner: 9. Alex Wilson (SUI) 20,80 (Sprint abgebrochen). - 400 m: 1. Isaac Makwala (BOT) 43,95. 2. Gil Roberts (USA) 44,54. 3. Vernon Norwood (USA) 45,01. - 1500 m: 1. Timothy Cheruiyot (KEN) 3:33,93. 2. Silas Kiplagat (KEN) 3:34,26. 3. Elijah Motonei Manangoi (KEN) 3:34,65. - 5000 m: 1. Mo Farah (GBR) 13:06,05. 2. Paul Chelimo (USA) 13:06,09. 3. Muktar Edris (ETH) 13:06,09. - 400 m Hürden: 1. Kyron McMaster (IVB) 48,07. 2. Karsten Warholm (NOR) 48,22. 3. Kariem Hussein (SUI) 48,45.

Hoch: 1. Mutaz Essa Barshim (QAT) 2,36. 2. Majd Eddin Ghazal (SYR) 2,31. 3. Bogdan Bondarenko (UKR) 2,31. - Stab: 1. Sam Kendricks (USA) 5,87. 2. Piotr Lisek (POL) und Pawel Wojciechowski (POL), je 5,80. Ferner: 8. Dominik Alberto (SUI) 5,48. - Ohne gültigen Versuch: Renaud Lavillenie (FRA). - Weit: 1. Luvo Manyonga (RSA) 8,49. 2. Ruswahl Samaai (RSA) 8,31. 3. Jarrion Lawson (USA) 8,12. Ferner: 8. Benjamin Gföhler (SUI) 7,49. - Speer: 1. Jakub Vadlejch (CZE) 88,50. 2. Thomas Röhler (GER) 86,59. 3. Tero Pitkämäki (FIN) 86,57. 4. Johannes Vetter (GER) 86,15.

Frauen. 200 m (RW 0,1 m/s): 1. Shaunae Miller-Uibo (BAH) 21,88. 2. Elaine Thompson (JAM) 22,00. 3. Marie-Josée Ta Lou (CIV) 22,09. 4. Dafne Schippers (NED) 22,36. Ferner: 6. Mujinga Kambundji (SUI) 22,71. - 800 m: 1. Caster Semenya (RSA) 1:55,84. 2. Francine Niyonsaba (BDI) 1:56,71. 3. Margaret Wambui (KEN) 1:56,87. Ferner: 8. Selina Büchel (SUI) 1:59,83.

100 m Hürden (GW 0,3 m/s): 1. Sally Pearson (AUS) 12,55. 2. Sharika Nelvis (USA) 12,55. 3. Christina Manning (USA) 12,67. - 400 m Hürden (keine DL-Disziplin): 1. Zuzana Hejnova (CZE) 54,13. 2. Sara Slott Petersen (DEN) 54,35. 3. Lea Sprunger (SUI) 54,66. 4. Petra Fontanive (SUI) 54,66. - 3000 m Steeple: 1. Ruth Jebet (BRN) 8:55,29 (JWB). 2. Beatrice Chepkoech (KEN) 8:59,84. 3. Norah Jeruto (KEN) 9:05,31.

Drei: 1. Olga Rypakowa (KAZ) 14,55. 2. Yulimar Rojas (VEN) 14,52. 3. Caterine Ibargüen (COL) 14,48. - Speer: 1. Barbora Spotakova (CZE) 65,54. 2. Kelsey-Lee Roberts (AUS) 64,53. 3. Sara Kolak (CRO) 64,47. Ferner: 9. Géraldine Rukstuhl (SUI) 52,08. - Kugel: 1. Gong Lijiao (CHN) 19,60. 2. Anita Marton (HUN) 18,54. 3. Julia Leanziuk (BLR) 18,47.

4x100 m (keine DL-Disziplin): 1. Jamaika 41,85. 2. Grossbritannien 41,86. 3. Deutschland 42,32. 4. Schweiz (Samantha Dagry, Sarah Atcho, Mujinga Kambundji, Fanette Humair) 42,93.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 25.08.2017, 08:13 Uhr

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