Der Fingerzeig des Rückkehrers und eine präsidiale Wette

Die 36. Auflage des Grand Prix von Bern steht im Zeichen des Eritreers Ghirmay Ghebreslassie, welcher der Bundesstadt treu bleiben will.

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Nun ist der Rekord fällig. Sagt Matthias Aebischer, OK-Präsident des Grand-Prix von Bern. Handelt es sich dabei um Zweckoptimismus? Eher nicht, der Nationalrat aus Schwarzenburg geht sogar eine Wette ein. Obwohl eine Stunde vor dem Start auf der Papiermühlestrasse die Sonne scheint, die Temperatur sich um die 20-Grad-Grenze herum bewegt.

Aebischer traut Ghirmay Ghebreslassie zu, die Marke von dessen eritreischem Landsmann Zersenay Tadesse zu unterbieten. Nicht zuletzt, weil sich der erst 21-jährige Marathon-Weltmeister bei seinem Vorjahressieg trotz leichtem Regen respektive glitschigem Kopfsteinpflaster eine Spitzenzeit notieren liess. Aebischer weiss, wovon er spricht; 18 Mal hat er die zehn Meilen als Teilnehmer zurückgelegt.

46:04,9 Minuten benötigte Tadesse, vor neun Tagen Teilnehmer des gescheiterten Versuchs, den Marathon bei Laborverhältnissen unter zwei Stunden zu absolvieren, vor 13 Jahren für erwähnte Distanz. 49:25,8 werden für Ghebreslassie gemessen, der seinen bis anhin grössten Erfolg im schwül-heissen Peking errungen hat.

Geschätzte 30 Landsleute des Gewinners jubeln ausgelassen, der Hauptdarsteller atmet schwer. Im Unterschied zum Vorjahr, als er Bern als Solist durchquert hatte, bot ihm der Kenianer Sylvester Kipchirchir Paroli; die Entscheidung fiel erst auf den letzten Metern des Aargauerstaldens.

Kurz darauf sind stärkere Emotionen auszumachen. Adrian Lehmann streckt den rechten Arm gen Himmel, als er die Ziellinie überquert; es folgt ein Freudenschrei. Martina Strähl tut selbiges mit beiden Armen, für einen Schrei hingegen scheint die Luft nicht mehr zu reichen. Die für die LV Langenthal startende Solothurnerin reiht sich wie Vorjahr als Zweite ein.

Maja Neuenschwander verlässt den Zielraum derweil mit hängendem Kopf. Sechseinhalb Minuten hat die Schweizer Marathon-Rekordhalterin auf Siegerin Viktoria Pogorielska verloren.

Lehmann frohlockt, nimmt Gratulationen entgegen. Als Vierter und bester Schweizer ist der im Liebefeld wohnhafte Oberaargauer ins Ziel gelaufen. Der 27-Jährige hat damit eine leidige Geschichte abgehakt, sich im Kreis der nationalen Leichtathletikelite zurückgemeldet. Nachdem er vor Jahresfrist an der EM in Amsterdam mit dem Schweizer Halbmarathonteam die Goldmedaille gewonnen hatte, passte nicht mehr viel zusammen.

Im Herbst wurde ein Ermüdungsbruch im Kreuzbein diagnostiziert, wie bei Marcel Berni und später bei Einzeleuropameister Tadesse Abraham. «Unser EM-Team bestand aus sechs Athleten. Fünf davon verletzten sich, drei an der gleichen Stelle. Vermutlich haben wir in der Euphorie alle etwas zu viel gewollt», wird Lehmann später sagen.

Viktor Röthlin beobachtet das Geschehen mit etwas Distanz. Wenn er Lehmann zuschaue und dessen Glück spüre, bekomme er fast Hühnerhaut, sagt der ehemalige Marathon-Europameister. Den Obwaldner und den Berner verbindet eine Freundschaft, Röthlin steht Lehmann bei Bedarf in beratender Funktion zur Seite.

Der 42-Jährige verteilt für einen Sponsor Getränkebidons, kam aber nicht nur deswegen nach Bern. Am Mittag bestritt er mit seiner fünfjährigen Tochter Luna den 1,6 Kilometer langen Bären-GP. «Wir hatten nie trainiert, dafür ist sie noch viel zu klein. Aber sie wollte unbedingt mitmachen, weil sie merkt, dass Laufen bei uns ein grosses Thema ist.» Röthlin gesteht, das Erlebnis habe ihn berührt. «Das war mal mein Leben, und nun hat die Tochter Freude daran. Das ist speziell.»

Kinder hat Ghebreslassie noch keine, aber seit letztem Herbst ist er mit einer 16-Jährigen verheiratet. Was in Eritrea nichts Besonderes sei, sagt Veron Lust. Der Holländer, Trainer des Erfolgreichen, erzählt in Kurzform, was nach dem letztjährigen Bern-Besuch sonst noch geschah. Rund einen Monat vor den Olympischen Spielen in Rio nahm Ghebreslassie an der mehrtägigen Feier zum 25. Unabhängigkeitstag Eritreas in einem fernen Militärcamp an der Grenze zum Sudan teil.

Als Weltklassesportler gehört der Läufer in der Willkürherrschaft des Autokraten Isayas Afewerki zu den Begünstigten; er sagte Lust, er müsse die Einladung annehmen. Worauf er mit einer Verkühlung in die Hauptstadt Asmara zurückkehrte, wertvolle Trainingszeit verlor, aber in Brasilien trotzdem Vierter wurde.

An der Medienkonferenz sagt Ghebreslassie, es gefalle ihm in Bern ausgezeichnet und er verspreche, «künftig jedes Jahr hier zu laufen». Athletenverpflichter Markus Ryffel spricht von einem Glücksfall und verrät, dass das Aushängeschild den GP lediglich 25'000 Franken koste, was etwa halb so viel sei wie der Betrag, den ein Erstrundenverlierer in Wimbledon erhalte.

Das letzte Wort gebührt dem OK-Präsidenten, welcher festhält, der Sanitätsdienst habe wegen der hohen Temperaturen mehr zu tun gehabt als auch schon, aber es sei nichts Schlimmes passiert. 29'773 Athleten haben es in die GP-Ranglisten geschafft, 853 mehr als im Vorjahr. Die Wette hat Matthias Aebischer verloren, für einen Rekord hat es trotzdem gereicht.

Berner Zeitung

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