Am Ende der Reise zu sich selbst

Kaum ein Zürich Marathon war so stimmungsvoll – die Kenianer dominierten, 2300 klassierten sich, und die Team-Runner feuerten an.

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Wenn du laufen willst, lauf eine Meile. Wenn du ein neues Leben kennen lernen willst, dann lauf Marathon. Emil Zatopek (CZE), 18-facher Welt­rekordläufer und vierfacher Olympiasieger, 1952 im Marathon

Vorher war: die monatelange Vorbereitung auf das grosse Abenteuer über 42,195 km. Das dauernde Auf und Ab im Training bei erst winterlichen, aber bald schon frühlingshaften Bedingungen. Immer im Hinterkopf: Der Sonntag­morgen, im vergangenen Jahr in Zürich ein verschneiter Morgen – was also erwartet die Marathonläuferinnen und -läufer bei der 15. Austragung? Nachher war: Erleichterung und die Erkenntnis, solches Wetter muss die Definition von Kaiserwetter sein. Kühl am Start, fast zu warm im Ziel.

Vorher war aber auch: das Interesse von gut 2700 Ausdauernden an einem Start. Und nachher war: die Ernüchterung und Enttäuschung von rund 500 Angemeldeten, welche entweder auf der langen Reise zu sich selbst und bis zum Event aus unterschiedlichsten Gründen aussteigen mussten. Oder das Rennen, ebenfalls aus unterschiedlichsten Gründen, nicht durchstanden.

Knapp 2300 klassierten sich, allen voran natürlich die Kenianer mit dem Sieger Vincent Tonui (2:12:57 Stunden) bei seiner Marathonpremiere und der Siegerin Vera Nunes aus Portugal (2:34:17). Zürich hat schon schnellere Sieger gesehen, aber seis drum. War es letztes Jahr die Kälte, die sie bremste, schien ihnen nun die Wärme zu schaffen zu machen. Aber: Sie alle konnten sich von der guten Stimmung tragen lassen, wenn sie diese an sich herankommen liessen.

Es war nicht gerade der EM-­Marathon von 2014, der geschätzte hundert­tausend Zuschauer angelockt hatte, aber es war eine Veranstaltung, die in den vergangenen Jahren kaum einmal in so ­ausgelassenem Rahmen stattgefunden hat. Kaum einmal war der Zieleinlauf der Männer so spektakulär, gingen dem vermeintlichen Zweiten auf den letzten Metern die letzten Körner doch noch aus, dass er gleich auf Rang 4 durchgereicht wurde. Und wohl nie sah man von Zürich bis Meilen und zurück einen Läufer, der die lange Distanz nicht nur tänzelnd absolvierte, sondern dabei auch noch – kaum vorstellbar – drei Bälle jonglierte. Ein spielerisches Ablenkungsmanöver von den läuferischen Strapazen oder einfach Multitasking?

Alter schützt vor Neuem nicht

Nochmals ein neues Leben kennen lernen, wie es Emil Zatopek sagte, wollte auch Michèle Enderlin. Mit 50 fing sie an zu laufen, als 73-Jährige war sie gestern die älteste Marathonteilnehmerin. Von TeleZüri begleitet, finishte sie zum neunten Mal – die absolut Älteste war sie dennoch nicht. Praktisch mit Kontrollschluss erreichte Walter Rüegg das Ziel, er feierte seinen 80. Geburtstag im vergangenen Jahr. Ihre Reise war bisweilen eine einsame und deshalb doppelt herausfordernd, was den Willen der beiden aber nicht knickte.

Dass sich letztlich 8600 Klassierte nach dem Zieleinlauf durch die schmale Hafenanlage Enge vorbei an Mineral­wasser-, Rüebli- und Finisher-Shirt-Ständen quetschten, hat zur Hälfte mit den ­Team-Runnern zu tun. Seit Jahren machen die Quartette den Anlass zur Grossveranstaltung, seit Jahren sorgen sie Richtung Mythenquai für Lockerheit auf den letzten Metern, wo oft Krämpfe die Begleiter sind. Sie feuern an und sorgen für ein ­Feeling, wie es die Teilnehmer an den prestigeträchtigen Marathons in Weltstädten kennen: Getragen wird, wer die Reise bis hierhin geschafft hat.

Resultate: www.datasport.ch (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.04.2017, 23:56 Uhr

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