8 Sekunden fehlen zum Olympia-Traum

Am Schweizer Frauenlauf kann Viktoriia Pogorielska die Ukraine-Krise einen kurzen Moment lang vergessen. Die Titelverteidigerin erzählt in Bern von ihrem schwierigen Leben in Charkiw.

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Kriegsspuren prägen ihren Trainingsalltag. Mit traurigen Augen erzählt die Ukrainerin Viktoriia Pogorielska von einem einschneidenden Erlebnis Anfang dieses Monats in der Heimatstadt Charkiw: «Auf dem Weg ins Leichtathletikstadion explodierte eine Bombe. Ich habe überall Blut gesehen, Glassplitter und verängstigte Menschen. Es war schrecklich.»

Die Lage in der zweitgrössten Stadt ihres Landes sei angespannt, berichtet die 24 Jahre alte Profisportlerin, die Leute seien von Nervosität gezeichnet, vor dem Dynamo-Stadion, wo sie mit Teamkolleginnen regelmässig trainiere, gebe es strenge Eintrittskontrollen.

«Viele Menschen sind aus dem Krisengebiet Donezk nach Charkiw geflüchtet – und nun arbeitslos. Die Preise für Lebensmittel steigen kontinuierlich an, die Nebenkosten treiben die Wohnkosten in die Höhe», sagt Viktoriia Pogorielska, deren Vorname beim 29.Schweizer Frauenlauf in Bern vermutlich Programm sein wird.

Die 5000-Meter-Spezialistin geht am Sonntag (Beginn 11.30 Uhr) als Titelverteidigerin an den Start. Mehr noch: Pogorielska wird morgen zum fünften Mal an einem Wettkampf in der Bundesstadt teilnehmen. Bis jetzt hat sie jedes Rennen gewonnen – dreimal den Frauenlauf (2011, 2013 und 2014) sowie vor fünf Wochen den GP Bern über 10 Meilen.

Schokolade, Brie und Camembert

Pogorielska muss schmunzeln, als sie in Jack’s Brasserie gefragt wird, ob sie das Geheimnis ihrer beeindruckenden Siegesserie in Bern lüften könne. «Oh, hier fühle ich mich wie zu Hause», antwortet die studierte Sportlehrerin. Um anzufügen: «Das hängt wohl mit der Technik zusammen.

Asphaltierte Strassen behagen mir mehr als die Tartanbahn.» Eine Prognose wolle sie keine abgeben. «Das wäre überheblich. Ich kenne meine Konkurrentinnen ja nicht. Aber ich bin kräftemässig bereit», sagt die stärkste Läuferin der Ukraine über 5000 Meter. Pogorielska möchte in Bern nicht nur ihren Titel verteidigen, nein, sie hat in diesen Tagen noch etwas anderes zu erledigen: «Ich will für meine Eltern Schokolade und Käse einkaufen. Am liebsten mag ich Brie und Camembert.»

15:55,00 Minuten beträgt der Streckenrekord am Schweizer Frauenlauf in der Königsdisziplin über 5000 Meter. Die Kenianerin Edith Masai hält diese Marke seit neun Jahren. Pogorielskas Bestzeit in Bern: 16:00,04.

Vermutlich bleibt der Rekord der Afrikanerin ein weiteres Jahr bestehen, denn die Ukrainerin legt den Fokus auf etwas ganz anderes: «Mein Traum ist die Teilnahme an den Sommerspielen 2016 in Rio de Janeiro», sagt Pogorielska mit glänzenden Augen. 8 Sekunden fehlen ihr zur Olympiaqualifikation über 5000 Meter.

Die festgelegte Limite über die 12,5 Bahnrunden liegt bei 15:20 Minuten – Pogorielskas Bestwert lautet 15:28 Minuten – mit dieser Zeit hätte sie an der Europameisterschaft im vergangenen Jahr in Zürich die Goldmedaille gewonnen. «Diese Zeit lief ich allerdings vor zwei Jahren», sagt das Zugpferd des grössten Frauensportanlasses in der Schweiz.

Heuer ist Pogorielska noch nicht auf Touren gekommen, 16:03 Minuten beträgt ihre Saisonbestzeit. «Das hängt auch damit zusammen, dass mir in der Ukraine die Konkurrenz fehlt», meint die Championne. Kämpferisch fügt sie hinzu: «Ich weiss, dass es schwierig werden wird. Aber ich bin zuversichtlich, dass ich die Olympiaqualifikation schaffen werde. Ich glaube an mich.»

Das Lob von Markus Ryffel

Am 20./21.Juni hat Pogorielska nun die Möglichkeit, im Rahmen der Teameuropameisterschaft in Tscheboksary (Russ) den Lauf ihres Lebens zu zeigen. Bleibt sie in der Wolgastadt über dem Richtwert, muss sie auf weitere Einladungen an internationale Läufe hoffen.

OK-Mitglied Markus Ryffel lobt Pogorielska in höchsten Tönen. «Viktoriia hat das Potenzial, sich für den Olympiafinal der besten 12 bis 15 Läuferinnen zu qualifizieren», sagt der Olympiazweite von Los Angeles (1984) über 5000 Meter. Vom Weltrekord Tirunesh Dibabas (Äth) trennen Pogorielska derzeit noch Welten – 1:17 Minuten, um genau zu sein.

So trainiert die sympathische Ukrainerin Tag für Tag in der kriegsversehrten Heimat, wo sie mit ihrem Freund in Charkiw wohnt. Unterstützt wird sie dabei vom Staat und von der Stadt Charkiw, die ihr ein Auskommen garantieren, «das zum Überleben reicht», wie es Pogorielska formuliert.

Seit ihrem ersten Sieg in Bern vor vier Jahren hilft ihr auch der Ausrüster Adidas mit regelmässigen Zuwendungen. Inspiriert wird sie von ihrem Kollegen und Vorbild Bohdan Bondarenko. Der Hochsprungweltmeister lebt ebenfalls in Charkiw. In der trainingsfreien Zeit geht Pogorielska fischen oder mit Rucksack und Zelt wandern. «In der Natur kann ich mich entspannen und Moral tanken», sagt die bescheidene Langstreckenläuferin.

Entspannen konnte sich Viktoriia Pogorielska gestern auch während ihres Flugs nach Zürich. «Weil es in der Economy-Klasse keine Plätze mehr frei hatte, erhielt ich ein Upgrade in die komfortable Business-Klasse», erzählt Pogorielska. Und noch ehe jemand zu kombinieren anfängt, sagt sie lachend: «Champagner habe ich keinen getrunken. Ich bin Sportlerin.» Den Champagner trinkt sie vielleicht morgen – bei der Siegesfeier.

Berner Zeitung

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