«Wir spielen offensiver als der SCB»

Innerhalb eines Monats hat Heinz Ehlers bei den SCL Tigers vieles umgekrempelt, aus einer völlig verunsicherten Equipe eine Einheit geformt. Der 50-jährige Däne spricht über Vorurteile und er erklärt, weshalb er launisch ist.

  • loading indicator

Können Sie das Wort Beton überhaupt noch hören?Heinz Ehlers:Nein! Und ich verstehe die ganze Sache auch nicht.

Sie gelten als Trainer, der Betonhockey spielen lässt. Als einer, der auf ein äusserst defensives System setzt, das Spiel zu zerstören versucht. Können Sie das verstehen?Nein, das kann ich nicht. Und langsam, aber sicher stört es mich, dass Sie als Journalisten das Spiel nicht besser analysieren.

Können Sie Ihr System erklären?Ich weiss noch immer nicht, was Betonhockey bedeuten soll. Aber ich weiss, dass ich das offensivste Eishockey der Liga spielen lasse.

Meinen Sie jetzt in Langnau?Ja, aber das war auch zuvor in Lausanne der Fall. Und in der NLB mit Biel und Langenthal.

Was Ihre drei Jahre in Lausanne betreffen, sprechen die Statistiken eine andere Sprache. Ihre Equipe kassierte nicht viele Tore, schoss aber auch sehr wenige . . .. . . dann sage ich es so: Gebt mir Nilsson, Kennins, Künzle, Baltisberger, Wick, Cunti, Trachsler und Bärtschi von den ZSC Lions. Oder gebt mir die acht besten SCB-Stürmer. Dann schiessen wir siebzig Tore mehr pro Saison, einverstanden?

Mag sein.Wenn ich von offensivem Eishockey spreche, meine ich das Verhalten ohne Scheibe. Wir spielen in dieser Hinsicht offensiver als der SCB. Dennoch wird Bern wohl siebzig Tore mehr schiessen als wir. Ich denke, dass die Medienvertreter das Ganze mal analysieren oder zumindest mit Interesse zuhören sollten, um was es eigentlich geht. Wer meint, Langnau habe das Potenzial für 300 Saisontore, der hat einiges missverstanden.

Sie sind also ein Pragmatiker, wenden ein an die Qualitäten der Spieler angepasstes System an?Es geht nur darum, Spiele zu gewinnen. Gelingt dies nicht, bin ich meinen Job schnell wieder los.

«Gelingt dies nicht, bin ich meinen Job schnell wieder los.»Heinz Ehlers

Auffällig ist, dass die von Heinz Ehlers betreuten Teams stets sehr diszipliniert agieren. Sind Sie ein Ordnungsfanatiker?Nein. Aber ohne Disziplin ist gewinnen schwierig.

So denken andere Trainer auch.Vielleicht bin ich konsequenter. Hält sich jemand nicht ans System oder kassiert immer wieder dumme Strafen, dann spielt er nicht mehr oder sicher deutlich weniger. Egal, wie er heisst.

«Hält sich jemand nicht ans System oder kassiert immer wieder dumme Strafen, dann spielt er nicht mehr.»Heinz Ehlers

Seit Sie in Langnau arbeiten, haben die SCL Tigers sechs von neun Spielen gewonnen, der Gegentorschnitt hat sich von 3,7 auf 2,1 reduziert. Wie machten Sie aus einem Verlierer- ein Siegerteam?(runzelt heftig die Stirn) Nach einem Monat mache ich doch keine Analyse. Ich denke jetzt sicher nicht, dass wir schon gut genug sind für die Playoffs. Wir befinden uns immer noch in einer unglaublich schwierigen Situation. Läuft es schlechter, verlieren wir vielleicht fünfmal in Serie.

Sind Sie ob der Punkteausbeute überrascht?Ja.

Weshalb läuft es den SCL Tigers nun derart gut?Wir hatten Glück. Der Sieg bei den ZSC Lions – der war doch nicht verdient! Irgendwo habe ich gelesen, wir hätten in Zürich verdient gewonnen. Das Schussverhältnis lautete 21:49, wie konnte da jemand so etwas schreiben? Auch in Zug gewannen wir glücklich 2:1. Wir arbeiten sehr hart, das zahlt sich sicher aus. Und unsere Goalies halten hervorragend. Als ich hierherkam, riefen mich Agenten an und fragten, ob wir einen Torhüter bräuchten. Ich muss sagen, das verstehe ich nun noch weniger als damals.

Was war unter Ihrem Vorgänger Scott Beattie falsch gelaufen?In der Defensive stimmte einiges nicht, das Team kassierte zu viele Gegentore. In den ersten Trainings ging es darum, intelligenter zu verteidigen.

Und doch schlugen Sie Beattie der Tigers-Vereinsführung als Ihren Assistenten vor. Was eine ziemlich ungewöhnliche Konstellation gewesen wäre.Ich kenne Scott seit sechzehn Jahren, wir haben gemeinsame Freunde, sprachen vor seiner Entlassung miteinander. Er war nicht unbeliebt bei den Spielern. Wenn schon, hätte Scott das Ganze als Demütigung empfinden können. Aber er wäre bereit gewesen, mit mir zu arbeiten.

«Wenn schon, hätte Scott das Ganze  als Demütigung empfinden können. Aber er wäre bereit gewesen, mit mir zu arbeiten.»Heinz Ehlers

Doch der Klub wollte es nicht.(Ehlers nickt)

Sie gelten als Trainer, der zu ­kleinen Vereinen passt, der aus vergleichsweise schlecht besetzten Teams viel rausholt. ­Wäre es nicht reizvoll, zu sehen, was Sie bei einem grösseren Klub bewirken könnten?Das würde mich auch interes­sieren.

Glauben Sie, dass die Türe noch aufgehen wird?Was soll ich dazu sagen? Ich verstehe die Frage. Aber wenn es Sie wirklich interessiert, dann rufen Sie doch Alex Chatelain (Sportchef des SC Bern, die Red.) oder Edgar Salis (Sportchef ZSC Lions) an. (überlegt) Ich denke übrigens nicht, dass die Arbeit bei kleinen Klubs einfacher ist als bei einem Spitzenteam. Man verliert öfters, der Groove kann sehr schnell negativ werden. Und der Job ist schneller gefährdet.

In den vergangenen dreieinhalb Jahren haben in Langnau sechs Trainer gearbeitet. Wie nahmen Sie den Verein mit seiner «Hire-and-Fire-Politik» wahr?Jetzt muss ich aufpassen, was ich sage. (überlegt) Unter den Trainern war die Verwunderung sehr gross, als Bengt-Ake Gustafsson nach dem Aufstieg gehen musste. Ich war auch überrascht, als Benoît Laporte letzte Saison entlassen wurde. Gemessen am Potenzial hatte er viel rausgeholt. Aber als Aussenstehender kennst du die Hintergründe nicht.

Nicht wenige waren überrascht, als Sie in Lausanne freigestellt wurden. Trotz zwei Playoff-Qualifikationen innert dreier Jahre.Ich war nicht überrascht. Aber lassen wir das bitte.

Sie schlafen nach wie vor im Hotel. Zu hören ist, dass Sie gerne in Biel, wo einige Ihrer Freunde wohnen, und nicht in Langnau leben möchten . . .. . . es ist noch nichts entschieden.

Sind Sie kein Landei?Es ist sehr schön hier. Aber ich bin schon eher der Stadtmensch.

Ihre zwei Söhne spielen ebenfalls Eishockey. Nikolaj hat eine sehr gute erste Saison in der NHL absolviert. Sind Sie noch immer sein Förderer oder nun einfach der Vater?Er ist ein guter Eishockeyspieler, doch in erster Linie ist er mein Sohn. Wir hören oder schreiben uns fast täglich. Wenn ich eine Partie von ihm im Fernsehen angeschaut habe, rufe ich ihn an und sage ihm, was mir aufgefallen ist.

Sie wurden 1984 als erster Däne von einem NHL-Team gedraftet, spielten jedoch nie in Nordamerika. Lebt er nun Ihren Traum?Nein, sicher nicht.

Weshalb ist es für Sie nie zu einem Engagement in Nordamerika gekommen?Mir lag ein Zweiwegvertrag von den New York Rangers vor, aber damals wurden noch nicht so hohe Löhne bezahlt. Deshalb wechselte ich nach Schweden, dort erhielt ich einen guten Vertrag und konnte eine wichtige Rolle spielen. Ich dachte, dass sich die Türe nach Nordamerika später nochmals öffnen würde.

Zurück zur Gegenwart: Sie wirken launisch, ja mürrisch. Sind Sie ein Grantler?Einige Dinge stören mich, beispielsweise, wenn immer wieder das Gleiche über mich erzählt oder geschrieben wird. Ich lese aber fast nie in der Zeitung: «Er erreicht viel mit dem, was er zur Verfügung hat.» Einige erwarten, dass wir etwa mit Lugano auf Augenhöhe spielen. Wird diese Ausgangslage nicht realistisch beurteilt, kann es sein, dass ich launisch reagiere.

Fühlen Sie Ihre Arbeit zu wenig geschätzt?Vielleicht. Mir fehlt der Realismus. Lugano, Bern und die ZSC Lions sind finanziell viel stärker als wir, also sollten sie doch auch neun von zehn Partien gegen uns gewinnen. Wenn wir überhaupt eine Chance haben wollen, müssen wir taktisch besser sein, disziplinierter agieren, hart arbeiten und unser Torhüter muss unglaublich gut halten.

Sie sind seit Anfang Oktober in Langnau tätig. Hätte die Saison erst zu diesem Zeitpunkt begonnen, die Tigers wären Zweite . . .. . . das freut mich, aber noch stehen uns in der Qualifikation 31 Spiele bevor. Es ist zu früh, euphorisch zu werden.

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt