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«Wie wir uns täuschten!»

Der SC Bern lädt am Samstag die Mitglieder der Meisterteams bis 2004 zur Partie gegen den HC Lugano ein. Die SCB-Legende Patrick Howald spricht im Interview unter anderem über einstige Helden und Teamkollegen.

Patrick Howald: «Im heutigen Eishockey ist fast alles anders.»
Patrick Howald: «Im heutigen Eishockey ist fast alles anders.»
Franziska Rothenbühler

Kürzlich fand im Rahmen des Tatzen-Derbys ein Legendenspiel statt. Weshalb waren Sie nicht dabei?

Patrick Howald: Ich weilte im Ausland in den Ferien. Ich wäre sehr gern dabei gewesen, denn es ist etwas Spezielles, bei einer Winter-Classic dabei zu sein und in einem Fussballstadion zu spielen.

Wie oft schnüren Sie noch die Schlittschuhe?

Regelmässig; einmal pro Woche stehe ich auf dem Eis, und ein ungerades Mal bestreite ich mit den Senioren einen Match oder ein Turnier.

Mit den SCB-Senioren?

Nein, bei Bern 96. Ich spiele mit meinen alten Kollegen, mit denen ich aufgewachsen bin, auf der KaWeDe.

Was geht Ihnen heute durch den Kopf, wenn Sie die Postfinance-Arena betreten?

Es ist immer noch ein spezielles Gefühl, denn die Stimmung ist unbeschreiblich, einfach grandios.

Was bedeutet es Ihnen, dass Ihre Nummer unter dem Hallendach hängt?

Es ist eine grosse Ehre, aber ich muss auch sagen: Es gibt viele Personen, die enorm viel für diesen Club geleistet haben – auf und neben dem Eis.

«Gilligan war keiner, der dauernd mit der Peitsche knallte, aber er wusste genau, wann er sie auspacken musste.»

Patrick Howald

Sie sind mit dem SCB viermal Schweizer Meister geworden, Sven Leuenberger, Martin Rauch, Renato Tosio und Roberto Triulzi waren auch immer dabei. Sind Freundschaften fürs Leben entstanden?

Ja, man bleibt verbunden, auch wenn wir uns heute nur noch unregelmässig sehen, etwa an Anlässen, wie die Night of Champions einer ist. Mit Martin Rauch habe ich am meisten Kontakt. Wir sind beide immer noch in Bern daheim, sehen uns mal in der Stadt und treffen uns auch privat.

Im Eishockey blockt man für das Team Schüsse oder prügelt sich auch mal für einen Teamkollegen. Führt das zu besonderen Beziehungen?

(überlegt lange) Das ist eine spannende Frage. Mit Mannschaftskollegen ist man tagtäglich in der Garderobe auf engstem Raum zusammen, man arbeitet gemeinsam auf ein Ziel hin. Es ist schwierig, den Unterschied zu beschreiben, aber es entstehen schon andere Beziehungen als im Privat- oder Berufsleben.

Erinnern Sie sich an eine spezielle Episode, welche den Unterschied aufzeigt?

Ich kann nicht eine einzelne Episode nennen, aber Anfang der 1990er-Jahre waren wir eine tolle, verschworene Equipe. Wir standen füreinander ein, unternahmen viel zusammen. Der Kitt im Team war einmalig.

Welcher Mitspieler hat Sie am meisten beeindruckt und warum?

Es gibt viele Spieler, die mich beeindruckten und zum Teil auch prägten, aber wenn ich einen herauspicken muss, nenne ich Alan Haworth. Der Kanadier hatte viel Charisma, war eine grosse Persönlichkeit, ein Leader auf und neben dem Eis. Er kümmerte sich um uns Junge, nahm uns unter seine Fittiche. Wenn einer von uns in einen Check lief, war er sofort zur Stelle und markierte Präsenz.

Dabei wirkte er am Anfang nicht allzu beeindruckend.

Als er in Bern ankam, war er alles andere als fit, hatte einige Kilos zu viel auf den Rippen. Wir dachten alle: «An Weihnachten ist Haworth weg.» Wie wir uns täuschten! Er machte sich an die Arbeit, wurde die überflüssigen Pfunde rasch los und zu einem dominanten Spieler.

Welcher Ihrer Trainer war der beste?

Ich erlebte in meiner Karriere gute und weniger gute Coachs. Wer herausstach, war Bill Gilligan. Er passte damals hervorragend zu unserer Mannschaft.

Was zeichnete seinen Führungsstil aus?

Er war insgesamt ein ruhiger, besonnener Trainer, doch wenn es nicht wie gewünscht lief, konnte er durchaus toben. Gilligan war keiner, der dauernd mit der Peitsche knallte, aber er wusste genau, wann er sie auspacken musste.

Wenn Sie heute NLA-Eishockey schauen: Wo erkennen Sie die grössten Unterschiede zu Ihrer Aktivzeit?

Das lässt sich kaum noch vergleichen, im heutigen Eishockey ist fast alles anders. Die Spieler sind besser ausgebildet, die Intensität ist viel höher, das Spiel schneller geworden.

Die Regeln bezüglich Körperkontakt sind strenger geworden, Prügeleien werden meistens unterbunden. War Eishockey früher härter?

Das würde ich nicht sagen. Die Dynamik hat stark zugenommen. Bei Checks wirken heute ganz andere Kräfte als noch zu unserer Zeit, daher müssen die Spieler durch die Regeln besser geschützt werden. Vor allem Checks gegen den Kopf sind sehr gefährlich und müssen hart bestraft werden.

Fühlten Sie sich damals als technisch starker Stürmer genügend geschützt?

Ja, anders als heute waren Gehirnerschütterungen noch kein Dauerthema. Die Verletzungsgefahr hat durch die grössere Wucht bei Zusammenprällen zugenommen.

Faustkämpfe gibt es seltener als früher. Einige Eishockeyfans trauern ihnen nach. Was ist Ihre Sicht zu diesem Thema?

Die meisten Partien sind heute derart eng, dass man sich Selbstjustiz schlicht nicht mehr leisten kann. Sie führt zu Strafen, und es muss für jede Mannschaft das Ziel sein, Strafen zu vermeiden. Man kann es sich nicht erlauben, zu viert zu spielen.

Sie wechselten 1992 von Bern nach Lugano. Hatten Sie als Berner Giel ein schlechtes Gewissen?

Nein, denn es war ein bewusster Entscheid. Ich wuchs in Bern auf, spielte immer für den SCB. Ich wollte damals etwas Neues sehen, ein anderes Umfeld erleben, für einen anderen Verein spielen.

Ging es im Tessin entsprechend dem Vorurteil des «dolce far niente» etwas entspannter zu?

Überhaupt nicht. Wir betrieben in Lugano den gleichen Aufwand, trainierten genauso viel und genauso hart wie in Bern.

Was erwarten Sie vom Match am Samstag?

In der Vergangenheit kam es zwischen Bern und Lugano meistens zu attraktiven, engen Spielen. Ich denke, das wird diesmal nicht anders sein. Ich freue mich auf den Match, und ich freue mich auch darauf, die alten Cracks wiederzusehen.

Auf wen freuen Sie sich besonders?

Es ist jedes Mal toll, Spieler aus anderen Generationen zu treffen. Ich höre gern, wenn jüngere oder ältere Spieler von ihren Erlebnissen erzählen. Peter Stammbach zum Beispiel ist ein begnadeter Geschichtenerzähler. Besonders spannend finde ich, was jene zu berichten haben, denen ich als Bub noch zugejubelt habe.

Wer waren einst Ihre Helden?

Das war jene Zeit, als Jürg Jäggi, Roland Dellsperger, Renzo Holzer und Beat Kaufmann den SCB prägten. Trainer war damals Xaver Unsinn.

Zurück zur Gegenwart: Was trauen Sie dem SCB in dieser Saison generell zu?

Ich bin zu wenig nahe am Geschehen, als dass ich mir ein Urteil erlauben könnte. Aber die Resultate stimmen, Bern hat im Kampf um den Titel bestimmt gute Chancen.

Welcher Spieler überzeugt Sie besonders?

Tristan Scherwey schaue ich sehr gern zu; mir gefällt, mit welcher Intensität und Dynamik er spielt.

Sie spielten auch für Lugano, beendeten Ihre Karriere bei Gottéron. Ist der SCB trotzdem Ihr Herzensclub geblieben?

Logisch! Ich bin Berner, wuchs fünf Minuten neben dem Allmendstadion auf.

Zur Person:

Patrick Howald, damals ein technisch starker Flügel und kaltblütiger Torschütze, wurde mit dem SC Bern 1989, 1991, 1992 und 1997 Meister. Als er 2005 zurücktrat, hatte er für Bern, Lugano sowie Gottéron 845 NLA-Spiele (305 Tore/273 Assists) bestritten sowie mit dem Nationalteam an vier A-Weltmeisterschaften (11/2) und an den Olympischen Spielen in Albertville (4/3) teilgenommen. Howald, 49-jährig, ist Familienvater, wohnt im Spiegel und arbeitet als SAP-Berater beim Bundesamt für Informatik. (ädu)

Night of Champions:

Der am Freitag spielfreie SC Bern empfängt am Samstag den HC Lugano. Die Tessiner und deren Coach Greg Ireland stehen gewaltig unter Druck, befindet sich der HCL doch nach zwei Dritteln der Qualifikation unter dem Strich. Der SCB hat zum Spiel die Meisterteams von 1959, 1965, 1974, 1975, 1977, 1979, 1989, 1991, 1992, 1997 und 2004 eingeladen. Über 100 ehemalige Spieler, Coaches und Präsidenten haben sich für die Night of Champions angemeldet. Dabei sein werden unter anderen Urgesteine wie René «Gagu» Kiener und René Stammbach, aber auch erst kürzlich zurückgetretene Spieler wie Marco Bührer sowie David Jobin.

Durch den speziellen Event verändert sich der Ablauf vor Spielbeginn. Das Warm-up der Mannschaften findet schon zwischen 18.55 und 19.15 Uhr statt. Um 19.30 gehen die SCB-Meister gruppenweise aufs Feld und werden anschliessend geehrt. Die aktiven SCB-Spieler werden ausnahmsweise nicht einzeln aufgerufen, sondern betreten das Eis gemeinsam. (ädu)

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