Weshalb der ZSC-Topskorer Lugano grossartig findet

Beim ZSC-Startsieg in Lugano musste Fredrik Pettersson nicht auffallen. Nun hofft er, dass sein «Bruder» Linus Klasen auch heute im Hallenstadion nicht spielt.

Lange Zeit war Fredrik Pettersson das einzige Kraftwerk im Zürcher Spiel – das hat sich zu seiner Freude massiv geändert. Foto: Alessandro della Valle (Keystone)

Lange Zeit war Fredrik Pettersson das einzige Kraftwerk im Zürcher Spiel – das hat sich zu seiner Freude massiv geändert. Foto: Alessandro della Valle (Keystone)

Höhere Trainerdiplome waren in der Qualifikation nicht Voraussetzung, um ein Team zum Erfolg gegen die ZSC Lions zu führen. Es galt jene einfache Losung, die so oft auf Juniorenstufe zum Erfolg führt: «Es reicht, wenn wir den gegnerischen Star aus dem Spiel nehmen.»

Fredrik Pettersson hätte man auch ohne farbliche Unterscheidungsmerkmale wie Topskorer-Helm und -Dress als jenen Star ausgemacht. Ganz einfach, weil er der einzige ZSC-Crack war, der sein Potenzial ausschöpfte. Die Nummer 71 war vorne, war hinten. Pettersson rannte und ackerte und ohne seine 26 Tore und 50 Skorerpunkte hätten die Zürcher noch mehr um den Playoff-Platz zittern müssen. Vor allem war er lange frustriert: «Manches Mal bin ich ins Training gefahren und dachte mir: Sch..., was werden wir wohl heute machen?»

Es schien, als sei er vom Regen in ein Gewitter gekommen. Dies nach einem schwierigen Jahr im Osten, in der KHL, wo er der Verlockung der Dollarbündel erlegen war. Nischni Nowgorod statt Lugano, das ist wie abgestandener Prosecco statt prickelndem Dom Pérignon. Wie oft dürfte er sich in jener Zeit gedacht haben, dass Geld allein nicht glücklich macht. Dürfte zurückgedacht haben an die Jahre im Südtessin, als das Bankkonto auch gefüllt wurde, veredelt mit einem Schuss Italianità. «Es war die schönste Zeit meiner Karriere», sagt er.

Die spezielle Fügung

Und nun ausgerechnet das Duell mit Lugano, der Final, auf den vor Playoff-­Beginn wohl niemand nur einen Franken gesetzt hätte. «Irgendwie musste es so kommen», sagt Pettersson und atmet durch. Er sitzt auf den Stufen vor der Geschäftsstelle der ZSC Lions, blinzelt in die Mittagssonne. Das Wetter könnte nicht besser zur Befindlichkeit der Lions passen. Weit entfernt die Wintermonate, in denen einzig die Kraft des positiven Denkens Petterssons Hoffnungen aufrechthielt. «Ich musste weiter an eine Wende glauben. Es blieb mir nichts anderes übrig. Wenn man nicht daran glaubt, kann man gleich zu Hause bleiben.»

Nach der Qualifikation schafften die Zürcher, was ihnen kaum jemand zugetraut hatte: Sie konnten den Schalter umlegen. Plötzlich stand eine Einheit auf dem Eis, mit vier Blöcken, jeder bereit und willens, für seine Farben mehr als nur das Mindestpensum zu absolvieren. Vorbild Pettersson sieht einen Hauptgrund für die Metamorphose: «Die Mehrheit der Spieler hat während der Saison gemerkt, dass wir nur als Team Erfolg haben können und dass jeder seinen Teil zum Erfolgsrezept beisteuern muss.»

Eine Erkenntnis, die Zug und Bern teuer bezahlten und die auch am Donnerstag in Lugano Früchte trug. Ausgerechnet in der Resega, wo Pettersson drei schöne Jahre verbracht hatte. Geendet hatten sie mit der Finalniederlage gegen Bern 2016, und weil er in den letzten Partien unter den Erwartungen geblieben war, musste er sich aus dem Umfeld gelegentlich anhören, er sei kein Playoff-Spieler. Was allerdings in Zeiten der Geheimniskrämerei niemand wissen konnte: Pettersson spielte mit gebrochenem Daumen. Dementsprechend kalt lassen ihn solche Vorwürfe: «Meine Werte sprechen für sich.» Tatsächlich ist er keiner, der abtaucht, wenn die entscheidende Meisterschaftsphase beginnt. In 10 Profijahren und 89 Playoff-Partien kommt er auf 63 Punkte.

Geblieben aus jener Zeit sind freundschaftliche Kontakte, zu Präsidentin Mantegazza, aber auch zu Spielern. «Lugano ist grossartig, das Team, die Organisation, die Fans.» Wer aber Bedauern heraushört, irrt. «Business ist Business, ich bin jetzt in einem neuen Team, und mir gefällt es in Zürich sehr gut.»

«Hoffentlich spielt Klasen nicht»

Besonders eng ist seine Verbindung mit Linus Klasen. «Fratelli» werden die beiden genannt, und Pettersson bestätigt: «Er ist wie mein Bruder.» Die meisten versuchen, im Playoff solche Freundschaften temporär zu unterbrechen, um die Konzentration ja nicht zu gefährden. Für Pettersson ist dies aber kein Thema: «Ich kann den Job von der Freundschaft trennen. Ich denke die ganze Zeit an ihn.» Im Gegensatz zu Pettersson macht Klasen eine schwierige Phase durch. Der Mann, der im kleinen Finger mehr Talent hat als viele in der ganzen Hand, spielte bei Greg Ireland zuletzt keine Rolle mehr. Freundschaft hin, Bruderliebe her: Öffentliches Mitgefühl zeigt Pettersson nicht: «Hoffentlich sitzt er weiterhin auf der Tribüne. Für uns ist es besser, wenn er nicht spielt. Wenn er in Form ist, ist er mit Abstand der beste Spieler der Liga.»

Gut möglich, dass Petterssons Wunsch nicht erfüllt wird. Ireland wird nach dem blutleeren Auftritt in der Ouvertüre schon für heute über neue offensive Impulse nachdenken. Mehr erwartet wird auch von Maxim Lapierre, Provokateur und Playoff-Topskorer. «Was er auch immer macht, ist seine Sache», sagt Pettersson, «er hat aber bewiesen, dass man sich auch verändern kann. Er stand viele Jahre für eine bestimmte Art von Eishockey, nun spielt er ganz anders und ist seinem Team eine grosse Hilfe.»

Eine Hilfe will auch Pettersson heute dem ZSC sein. Egal, wie das Spiel ausgeht: Zu voreiligen Schlüssen wird er sich nicht verleiten lassen: «Es bleibt noch viel Eishockey zu spielen, es kommen noch viele Checks, auch Trashtalk. Möge das bessere Team gewinnen.» Er kann es jetzt guten Gewissens sagen.

Tages-Anzeiger

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