Vernünftiger Treueschwur mit Vorbehalt

Der Kommentar von Sportredaktor Reto Kirchhofer zur Vertragsverlängerung von Kari Jalonen beim SCB.

Jalonens Vertragsverlängerung sei «der richtige Entscheid im richtigen Moment», schreibt Reto Kirchhofer.

Jalonens Vertragsverlängerung sei «der richtige Entscheid im richtigen Moment», schreibt Reto Kirchhofer.

Wie bitte? Der Meister müht sich am Strich ab. Und was tun die Verantwortlichen des SC Bern? Sie verlängern den Vertrag mit Cheftrainer Kari Jalonen vorzeitig bis Frühling 2021. Es ist der richtige Entscheid im richtigen Moment.

Der richtige Entscheid: Beim SC Bern steht ein Umbruch an. Der omnipräsente Topskorer Mark Arcobello wird den Club verlassen. Ein Dutzend Spielerverträge läuft aus. Ein zusätzlicher Wechsel beim Trainer und damit verbunden bei der Philosophie hätte für Bern den totalen Umbruch bedeutet. Jalonens Verbleib garantiert zumindest auf einer zentralen Position Kontinuität und Stabilität.

Der richtige Moment: Sportlich läuft es nicht wie gewünscht, vielen Spielern fehlt es an Selbstvertrauen. Die ungeklärten Vertragssituationen bringen zusätzlich Verunsicherung ins Team. Nun weiss jeder, mit welchem Trainer der Club die nahe Zukunft plant. Diese Gewissheit wird die Verhandlungen beschleunigen – egal, in welche Richtung.

Vor kurzem sagte jemand aus dem SCB-Dunstkreis: «Viel vorwerfen kann man dem Kari ja nicht.» Die Formulierung passt zum negativ orientierten Denken jener Leute im Umfeld, denen nach drei Titeln in vier Jahren Erfolg allein nicht mehr gut genug war. Fakt ist: Jalonen hat das Team dreimal zum Qualifikationssieg und zweimal zum Titel geführt. Ein Team notabene, das gemessen an der individuellen Klasse nicht jedem Vergleich mit der Konkurrenz standhielt. Die Herzen der Zuschauer hat der Cheftrainer trotz der Erfolge nicht erobert – sei dies wegen seiner unnahbaren Art oder wegen seiner auf Kontrolle und Struktur basierenden Spielweise. Nur: Welchem Trainer sind beim SCB in den letzten Jahren die Herzen zugeflogen? Eben.

Gern hätte Jalonen um zwei Jahre verlängert. Der Club bevorzugte eine weitere Saison. Für beide Seiten ist dieser Treueschwur mit Vorbehalt sinnvoll. Weil beidseits leise Zweifel existieren. Jalonen kann abwarten, ob es dem Sportchef gelingen wird, für die Zukunft ein kompetitives Team zusammenzustellen. Und seitens des Clubs bleibt das unternehmerische Risiko im Rahmen. Es ist Oktober 2019, eine vorzeitige Verlängerung bis Frühling 2022 wäre mit finanziellen Wagnissen verbunden gewesen. Denn an Jalonens Schicksal ist jenes eines beinahe kompletten Betreuerstabs gebunden. Neben Jalonen beschäftigt Bern drei weitere finnische Trainer (zwei Assistenten und den Goaliecoach).

Bekanntlich steht beim SCB in wirtschaftlichen Fragen die Vernunft über allem. Ebenso bekanntlich ist es auch in Bern bei ausbleibendem Erfolg in Sachen Trainer mit der Vernunft nicht mehr weit her. Insofern ist die gefundene Lösung eine weitsichtige. Oder eben: eine vernünftige.


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