Sternstunde des Emmentaler Dorfklubs

Heute vor 40 Jahren wurde der SC Langnau zum ersten und einzigen Mal Schweizer Eishockeymeister. 18 von 22 Spielern wuchsen in der Gemeinde auf, am Werk waren fast lauter Amateure. Die Helden von damals schwelgen in Erinnerungen.

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40 Jahre sind vergangen. Am 2. März 1976 bezwang der SC Langnau in der 28. und letzten Runde Biel 6:3. 5878 Zuschauer waren in der damals neuen und ausverkauften Ilfishalle zugegen, sie feierten den ersten und einzigen Meistertitel der Emmentaler. «Wir waren die armen Buuregiele vom Land, keiner verdiente mehr als 1000 Franken im Monat. Und doch düpierten die reichen Städter von Bern und Biel», erzählt Meisterstürmer Alfred Bohren. Der SC Langnau war ein Dorfklub, es spielte eine Dorfmannschaft: Von 22 Akteuren waren 4 nicht in Langnau aufgewachsen.

Die Helden von damals schwelgen in Erinnerungen. Bohren, mittlerweile als Scout bei den SCL Tigers tätig, äussert sich zu jedem Akteur. Einer ist verstorben, einer lag im Koma, einer war Nationalrat und Nationaltrainer, einer ist Künstler, einer spielte eine Nebenrolle in einem Kinofilm – ein Überblick:

Jürg Berger (Stürmer) Es war im November 1975, als Langnau in Bern nach 54 Minuten 1:3 zurücklag. Dann kam Jürg Berger – und mit ihm die Wende. Er schoss zwei Tore und bereitete den Siegtreffer vor, zuvor hatte der SCB 30 Heimspiele in Serie nicht verloren. «Noch heute wird mir in Langnau deshalb ab und zu ein Bier bezahlt.» Berger sei der beste Flügel gewesen, erzählt Alfred Bohren. «Er kümmerte sich um die schwächeren Spieler.» 1992 verunfallte der heute 62-Jährige mit dem Bike; er erlitt ein Schädel-Hirn-Trauma, lag 14 Tage lang im Koma. «Das Comeback gelang mir nicht», sagt der gelernte Werkzeugmacher.

Peter Blaser (Verteidiger) «Die Meistermedaille habe ich nie abgeholt», erzählt Peter Blaser. Vor Weihnachten 1975 hatte er den Klub verlassen; elementare Dinge, auf die er nicht näher eingehen will, passten ihm nicht. «Er war der Unscheinbare», sagt Alfred Bohren. Blaser, auf dem Eis ein akribischer Arbeiter, lebte später während dreier Jahre in Australien, spielte Down Under Eishockey. Nun ist der 62-Jährige bei der BKW angestellt.

Alfred Bohren (Stürmer) Während der entscheidenden Meisterschaftsphase weilte Alfred Bohren im Militär. SCB-Spieler Riccardo Fuhrer befand sich in der gleichen Kaserne; vor dem letzten Derby sprach der Leutnant ein Machtwort: Wer gewinnt, erhält zwei Tage frei – Langnau siegte. Der 60-jährige Bohren ist als Scout nach wie vor mit den SCL Tigers verbunden. Einst war er Nachwuchschef, später Assistenztrainer und Chefcoach (2001 bis 2003). Seit 26 Jahren betreut er Schweizer Juniorennationalteams.

Hans Brechbühler (Coach) Während rund dreier Jahrzehnte engagierte sich Hans Brechbühler im SC Langnau. Mehrmals war er Trainer, mit Paul-André Cadieux führte er den Klub 1987 wieder in die Nationalliga A. «Einige Spieler betreute ich, seit sie in die vierte Klasse gingen», erzählt der 78-Jährige. Brechbühler sei ein ruhiger Trainer gewesen, «seine Sozialkompetenz war einzigartig», erzählt Bohren. Der Coach erinnert sich, dass die Equipe schlecht in die Saison startete. «Nach ein paar Spielen sagte Jean Cusson in einem Interview, er sei ein verlorener Mann in Langnau. Doch dann kam die Wende.»

Jean Cusson (Spielertrainer) Das Team gab dem Vorstand den Tipp, Jean Cusson zu engagieren. Der Kanadier war der einzige Profi in der Meisterequipe, Stürmer Simon Schenk übersetzte seine Erklärungen vom Französischen ins Deutsche. «Cusson war ein gewiefter Psychologe», meint Bohren. «Die Trainings waren teils ziemlich langweilig. Es gab nur fünf, sechs Übungen, die wurden dafür bis zur Perfektion geübt.» Mittlerweile 73-jährig, lebt Cusson in Montreal. Er war Inhaber einer Wurstfabrik.

Edgar Grubauer (Torhüter) Katzen, Schlangen, Frettchen, Mäuse, Schildkröten – in Edgar «Edi» Grubauers Wohnung in Oppligen geht es tierisch zu und her. Früher suchte der Goalie nach den Spielen Kontakt mit den Fans. Dies war nötig, war er in der Dorfequipe doch «dä vo Bärn». «Er war im Team geduldet, mehr nicht», erzählt Bohren schmunzelnd. Nach der Karriere arbeitete Grubauer als Maler und ­Bodenleger; er restaurierte Porsches, war Gerant in einem Gas­tronomiebetrieb in Frankreich. Alles habe er gemacht, sagt der 61-Jährige. «Nur geregnet und geschneit habe ich nicht.»

Bruno Haas (Stürmer) «Er war 19 und damit unser Team-Benjamin», sagt Bohren über Bruno Haas. Der Schangnauer, ein guter Bekannter und Fan von Skifahrer Beat Feuz, war technisch versiert und galt als grosses Talent. Mittlerweile arbeitet der gelernte Feinmechaniker im Büro, sein Neffe Lukas Haas spielt für die SCL Tigers. «Er verdient etwas mehr mit dem Sport, als ich es früher tat», sagt Bruno Haas lachend. «Ich erhielt bloss ein wenig Materialgeld.»

Michael Horak (Torhüter) 15 Saisons verbrachte Michael Horak in Langnau. Er war mental stark, liess sich nichts gefallen. So scheute er sich nicht davor, bei Schlägereien auf dem Eis mitzumachen. «Er war ein Verrückter, im positiven Sinn», sagt Bohren. Noch als 50-Jähriger bestritt der in Wien geborene Horak eine Rollhockey-WM – als Stürmer. Im Sommer 2014 erlag der Vater von Gregor (zweimal Meister mit Bern) und Olivier Horak (Ex-Langenthal-Coach) einem Krebsleiden.

Michael Horisberger (Stürmer) Er ist noch immer nahe am Geschehen – seine Metzgerei befindet sich wenige Meter von der Ilfishalle entfernt. Als Aktiver liess der 61-Jährige (200 Tore für Langnau) kaum jemanden kalt. «Er hatte einen starken Schuss, und sein Metzgerimage war furchterregend», hält Bohren fest. Vor jeder Partie ass «Hori» ein Entrecôte. «Nach schlechten Spielen wurde ich im Dorf beim Einkaufen ab und zu heftig kritisiert», erzählt Horisberger. «Ich fühlte mich wie in einem Team mit 7000 Trainern.»

Heinz Huggenberger (Stürmer) Als Burgdorfer war Heinz Huggenberger einer der Auswärtigen. «Ich spielte nebenbei in der 1. Liga Fussball, damit konnte ich die Teamkollegen im Sommertraining beeindrucken. Deshalb wurde ich akzeptiert – als Fremder war das nicht selbstverständlich.» Huggenberger sei als Lehrer das Gehirn der Equipe gewesen, sagt Bohren. Noch heute gibt der 68-Jährige Thorberg-Häftlingen Deutschunterricht. Im Kinofilm «Thorberg» erhielt er eine Nebenrolle. 1988/1989 war Huggenberger Langnau-Trainer, zuvor hatte er drei Jahre lang Nationalcoach Simon Schenk assistiert.

Alfred Hutmacher (Stürmer) An die Meisterparty mag sich Alfred Hutmacher nicht erinnern. «Heute wird ein Titel ausgelassener gefeiert. Wir konnten dafür während der Saison mal über die Stränge schlagen, waren wir doch keine Profis.» Bohren beschwichtigt: «Hutmacher war ein Musterprofi. Wenn wir Bier tranken, nahm er Milch.» Seine Familie besass gegenüber der Ilfishalle ein Haus mit einem Pelzgeschäft, jetzt befindet sich dort die Tigers-Geschäftsstelle. Hutmacher, einst Assistenzcoach beim SC Langenthal, arbeitet beim kantonalen Tiefbauamt als Strasseninspektor.

Alfred Lehmann (Stürmer) Fritz, Peter und Jürg Lehmann waren Brüder, Alfred gehörte als Cousin zur hockeybegeisterten Familienbande. Vor der Meistersaison wollte der 69-Jährige aufhören, liess sich während der Spielzeit aber zu einem Comeback überreden – ohne Vorbereitung. Lehmann sei ein cleverer Center gewesen, berichtet Bohren. Zwischen 1985 und 1987 war er beim SC Langnau TK-Chef, so wurde früher das Amt des Sportchefs umschrieben. Lehmann besass ein Architekturbüro, ist pensioniert.

Fritz Lehmann (Stürmer) Glaubt man Fritz Lehmann, waren die Langnauer nicht nur gute Eishockeyspieler, sondern auch begnadete Sänger. «Nach Siegen jodelten wir in der Garderobe, das klang ziemlich gut.» Der 71-Jährige war Captain. «Er führte das Team fantastisch, bot Vorstand und Trainern Paroli», sagt Bohren. Lehmann – «ich schaute, dass keiner wegen der lukrativen Angebote von andern Klubs schwach wurde» – ist pensioniert und hat eine Tigers-Saisonkarte.

Jürg Lehmann (Verteidiger) Der Titel ging bei Jürg Lehmann mit dem Karriereende einher. Das Spezielle daran: Beim Rücktritt war er erst 21. Vier Jahre lang weilte er danach in den USA, arbeitete im Gastgewerbe. Nun führt er in Interlaken ein Restaurant. «Er war der Nachzügler in der Lehmann-Bande», erinnert sich Bohren. «Einen schweren Stand hatte ich aber nicht», sagt der Verteidiger. «Nur wenn ich ausflippte, kriegte ich von den Brüdern aufs Dach.»

Peter Lehmann (Verteidiger) Noch heute lautet Peter Lehmanns Spitzname «Ragulin» – in Anlehnung an den einstigen sowjetischen Ausnahmeverteidiger Alexander Ragulin. «Lehmann verteidigte spektakulär», sagt Bohren. Seit zehn Jahren ist er pensioniert, arbeitet aber nach wie vor als Künstler. Zu Langnau hat er kaum mehr Bezug. «Mein Abgang war unschön, ich spürte kaum Rückhalt». Als Lehmann 1969 geheiratet hatte, war wegen der vielen Absenzen ein Spiel verschoben worden.

Werner Lengweiler (Stürmer) Vor seiner Pensionierung war Werner Lengweiler Unternehmer. «Schon auf dem auf Eis hatte er Verantwortung übernommen», sagt Bohren. Der 69-Jährige, den alle «Sössu» nannten, spielte auch beim FC Langnau in der ersten Mannschaft (2. Liga). Der Teamgeist sei hervorragend gewesen, sagt Lengweiler. «Passte uns etwas nicht, reagierten wir eigenmächtig.» Vor der Meistersaison war der Deutsche Kurt Sepp Cheftrainer. «An ihm hatten wir keine Freude. Vor einem Spiel in Zürich sollte er in Egerkingen zusteigen. Fritz Lehmann liess abstimmen, das Resultat fiel einstimmig aus: Wir sagten dem Chauffeur, er solle weiterfahren. Sepp, der zu allem Übel sein Portemonnaie vergessen hatte, wartete vergebens.»

Ernst Lüthi (Verteidiger) Mit 20 war er 65 kg schwer und 174 cm gross – die körperlichen Defizite machte er mit Ehrgeiz wett. «Er war ein Streber», sagt Bohren; «wenn die anderen nicht spurteten, wurde er direkt.» Lüthi («ich konnte nicht verlieren») bildete mit Res Meyer jahrelang ein Verteidigerpaar, 1976 nahm er an den Olympischen Spielen in Innsbruck teil. «Als wir vor der Meistersaison den Spielplan erhielten und realisierten, dass wir am Schluss dreimal zu Hause spielen dürfen, wusste ich: Das kommt gut.» Der gelernte Mechaniker arbeitet heute im Büro.

Res Meyer (Verteidiger) 502 Spiele absolvierte Res Meyer für Langnau – er gilt als einer der besten Verteidiger in der Klubgeschichte. «Er war der Seriöseste von allen, achtete auf seinen Körper wie ein Profi», konstatiert Bohren. Meyer, der 1976 für die Olympischen Spiele berücksichtigt wurde, erinnert sich: «Nach den Trainings gingen wir geschlossen ins Restaurant etwas trinken. Und nach jedem Heimspiel ging die Mannschaft mit den Frauen essen.» Der 61-Jährige arbeitet als stellvertretender Geschäftsführer in einer Druckerei.

Simon Schenk (Stürmer) Ohne Zweifel: Kein anderer Langnauer Meisterspieler hat für derart viel Aufsehen gesorgt wie Simon Schenk. Der bald 70-Jährige war mehrmals Trainer in Langnau, stieg zweimal in die NLB auf. Er betreute das Nationalteam, stieg zweimal in die A-Gruppe auf. Und er war Manager bei den ZSC Lions, wurde zweimal Meister. Von 1994 bis 2011 wirkte der Lehrer überdies als SVP-Nationalrat. «Er war der perfekte Leader», verrät Bohren. Mittlerweile ist Schenk als Sportchef beim NLB-Klub GCK Lions engagiert.

Hansruedi Tanner (Verteidiger) 67-jährig ist Hansruedi Tanner, Mitinhaber eines Fahrzeugunternehmens in Langnau. «Schon als Spieler war er ein Leader, einer, der seine Meinung sagte», meint Bohren. Tanner, welcher den Paris-Ausflug mit der ganzen Mannschaft als unvergesslich bezeichnet, arbeitete zu Aktivzeiten in Biel, pendelte Tag für Tag nach Langnau. «Ein Wechsel wäre nicht infrage gekommen. Das hätten die anderen im Team nicht geduldet», sagt der einstige Verteidiger. In den Neunzigerjahren war er während dreier Jahre Vorstandsmitglied.

Rolf Tschiemer (Stürmer) Rolf Tschiemer war Schweizer Meister im modernen Fünfkampf, als er vom Pferd stürzte. «Es gingen ein paar Dinge kaputt, aber fürs Eishockey reichte es gerade noch», sagt der 64-Jährige schmunzelnd. «Tschiemer war der Sportler schlechthin, unglaublich fit», erzählt Bohren. Noch mit 41 spielte der Stürmer für Langnau in der NLB, zu den Teamkollegen gehörte Reto von Arx. Ein Angebot des SCB schlug Tschiemer aus. «Ich hätte mich in Bern unwohl gefühlt.» Sohn Stefan stieg mit Langnau 1998 in die NLA auf. Tschiemer senior führt im Dorf ein Multimediageschäft.

Hans Wüthrich (Stürmer) 70-jährig ist Hans Wüthrich heute, mit Meisterstürmer Peter Wüthrich ist er nicht verwandt. «Er war der ruhende Pol, stets sehr korrekt, die gute Seele im Team», sagt Bohren. «Und vor allem war er ein ausgezeichneter Center.» Der gelernte Schriftsetzer Wüthrich war für kurze Zeit Bohrens Lehrlingsvorgesetzter. In der Saison 1982/1983 sprang er für drei Partien als Coach des Langnauer NLA-Teams ein.

Peter Wüthrich (Stürmer) Was Peter Wüthrich von der Meistersaison geblieben ist? Die Feier – aus unliebsamem Grund. «Während der Party erhielt ich erstmals eine Ohrfeige von meiner Frau. Ich hatte den Durchblick nicht mehr und kam einer anderen Dame etwas zu nahe.» Bohren bezeichnet Wüthrich als «besten Defensivstürmer des damaligen Teams». Der mittlerweile 59-Jährige wuchs neben der Ilfishalle auf. Mit 28 verliess er die Langnauer. Nun arbeitet er als Ölfeuerungsfachmann.

Berner Zeitung

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