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Mit viel Eigeninitiative zu Olympia

Tess Allemann nimmt in Pyeongchang erstmals an den Olympischen Spielen teil. Die 19-jährige Eishockeyspielerin aus Münsingen entstammt einer Familie, in der sich vieles um Eishockey dreht.

Bei dieser Bank oberhalb von Münsingen kommt Tess Allemann oft auf ihrer Joggingrunde vorbei. Fotos:
Bei dieser Bank oberhalb von Münsingen kommt Tess Allemann oft auf ihrer Joggingrunde vorbei. Fotos:
Beat Mathys
Im Aaretal verwurzelt: Tess Allemann vor der Ortstafel von Münsingen.
Im Aaretal verwurzelt: Tess Allemann vor der Ortstafel von Münsingen.
Beat Mathys
Für die mittlerweile 19-Jährige war früh klar, wohin ihr Weg führen sollte.
Für die mittlerweile 19-Jährige war früh klar, wohin ihr Weg führen sollte.
Andreas Blatter
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Der Vater war Spieler beim Erstligisten Wiki-Münsingen, später Trainer bei den Aaretalern und den Frauen von Bomo Thun. Aktuell ist er bei Bern 96 im Nachwuchs tätig. Die Mutter ist bei den Wiki-Heimspielen im Zeitnehmerhäuschen anzutreffen. Der Bruder spielte erst für Thun in der 1. Liga und wechselte im letzten Sommer zu Wiki. «Hätte ich mich etwa dazu entschieden, Fussball zu spielen, wäre ich in der Familie so ziemlich die Exotin», sagt Tess Allemann.

Die junge Frau mit dem kurzen Vornamen – Tess ist eine amerikanische Kurzform von Theresa – liess sich von der Eishockeybegeisterung in der Familie anstecken. Mit 4 Jahren stand die Münsingerin erstmals auf dem Eis und trat dem HC Dragon bei, der gemeinsamen Nachwuchsbewegung der in Wichtrach beheimateten Vereine.

Aus dem kleinen Mädchen wurde eine Spielerin, die mehr Talent hatte als andere und ins Blickfeld des Schweizer Ver­bandes rückte. «Vor den Olympischen Spielen in Sotschi wurde ich erstmals für das U-18-Nationalteam aufgeboten», sagt die heute 19-Jährige. «Da habe ich mir zum Ziel gesetzt, vier Jahre später dabei zu sein.» Und Tess Allemann ist dabei. Am letzten Donnerstag flog sie als Mitglied der Schweizer Auswahl nach Südkorea und erlebt in Pyeongchang erstmals olympisches Feeling.

Es hatte sich gelohnt, dass sie zu Beginn des Jahres trotz eines schmerzhaften Haarrisses in der Speiche des linkes Arms am letzten vorolympischen Turnier teilgenommen hatte. «Ich musste dies tun», sagt Allemann. «Im November musste ich wegen einer Meniskusquetschung Forfait geben. Hätte ich nochmals gefehlt, hätte ich vermutlich kein Auf­gebot erhalten.»

Mit den Jungs

Bei einer Eishockey spielenden Frau ist der Weg ein anderer als bei ihren männlichen Kollegen. Eine Juniorinnenliga existiert in der Schweiz nicht. Die Mädchen dürfen, bis sie 18 Jahre alt geworden sind, bei den Jungen mitspielen. Ja sie müssen dies sogar tun, ansonsten gelangen sie nie auf das Niveau, um im Na­tionalteam spielen zu können.

Wobei sie jeweils in der nächst­tieferen Alterskategorie antreten dürfen. «Es war für mich nie ein Problem, mit den Jungs auf dem Eis zu stehen», sagt Allemann. Noch in der letzten Saison war sie bei den Elite-Novizen der SCL Young Tigers aktiv. «Ich konnte noch mithalten», sagt die Münsingerin. «Allerdings spürt man auf dieser Stufe langsam, dass aus Kindern Männer werden.»

Überhaupt muss eine Frau viel Eigeninitiative zeigen, um in der Schweiz an die Spitze zu gelangen. Allemann spielt in der SWHL A, der höchsten Spielklasse, für ­Bomo Thun. Obwohl die Ober­länderinnen mittlerweile das drittbeste Team des Landes sind, trainieren sie nur einmal pro Woche am Freitag, dazu kommen ein bis zwei Spiele am Wochen­ende. Zu weit entfernt wohnen die Teammitglieder voneinander, sodass zumindest in dieser Saison nicht mehr gemeinsame Ein­heiten durchgeführt werden können. Die 19-Jährige steht daher am Anfang der Woche mehrmals mit den Novizen Top von Dragon/Thun auf dem Eis.

Und muss sich dann wieder umstellen, wenn sie mit Bomo im Einsatz ist. Fraueneishockey ist nicht körperlos, Bodychecks sind jedoch verboten und werden mit einer Zweiminutenstrafe geahndet. «Ich befürworte, dass Checks auch bei den Frauen erlaubt werden», sagt Allemann, «Und da bin ich nicht die Einzige, die sich das so wünscht.»

Nicht nach Nordamerika

Im Gegensatz zu den Männern ist es einer Frau in der Schweiz auch nicht möglich, als Profi mit Eishockey Geld zu verdienen. «Mich stört das nicht», sagt Allemann. Kanada und die USA sind die dominierenden Länder, die beiden Teams dürften im Normalfall den Olympiafinal bestreiten. In Nordamerika wäre es der Schweizerin möglich, Studium und Sport in einem Universitätsteam miteinander zu verbinden. Allemann will dies jedoch nicht. «Ich spüre, dass ich hierher, in die Region Bern, gehöre. Höchstens für ein Jahr könnte ein Engagement in Übersee zum Thema werden.»

Die 19-Jährige hat in Bern das Sportgymnasium absolviert. Aktuell absolviert sie bei der Post ein kaufmännisches Praktikum, um Berufserfahrung zu sammeln. «Ich erstelle vorwiegend Statis­tiken», sagt sie. «Das nützt mir auch für das Studium, das ich im Herbst beginnen werde.» Allemann hat als Fächerkombination Psychologie, Sport und Kriminalistik gewählt.

Bei allen akzeptiert

Zuvor steht aber der erste grosse Karrierehöhepunkt an. In Pyeongchang ist die Münsingerin als Center der vierten Linie vorgesehen. Die Schweizerinnen spielen in der schwächeren ­Gruppe gegen Schweden, Japan und das vereinigte Korea (Kasten). Die ersten zwei Teams erreichen den Viertelfinal gegen eines der zwei schwächeren Teams aus der stärkeren Gruppe (Kanada, USA, Finnland, Russland).

«Den Viertelfinal zu erreichen, ist unser erstes Ziel», sagt Allemann. Und vielleicht gelingt ja wieder ein Coup wie 2014. als die Schweiz in Sotschi Bronze holte. Dann hätte es sich umso mehr gelohnt, dass Tess Allemann sich angeschlagen durch das letzte Vorbereitungsturnier durchgebissen hat.

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