Zum Hauptinhalt springen

Mit Engagement und Druck wider die Genügsamkeit

Guy Boucher ist seit einem Monat Cheftrainer des SC Bern. Der Kanadier fordert die Spieler stark und wird auch mal laut, wenn er unzufrieden ist. Dennoch sagt Konditionstrainer Roland Fuchs: «Er ist kein harter Hund.»

Eindringlicher Blick: Guy Boucher gibt den Spielern auch während der Matches Feedbacks, meistens gestenreich.
Eindringlicher Blick: Guy Boucher gibt den Spielern auch während der Matches Feedbacks, meistens gestenreich.
Andreas Blatter

Guy Boucher, Headcoach des SC Bern, erläutert an der Taktiktafel Spielzüge; die Akteure hören und schauen konzentriert zu. Danach wird die Angriffsauslösung geübt. Boucher pfeift immer wieder ab, korrigiert die Eishockeyprofis laut, aber in freundlichem Ton, wobei er gleichzeitig mit dem Stock in der Hand gestikuliert. Manchmal ruft er einem Spieler auch ein «Ausgezeichnet» zu.

Es ist kein Vergleich zu jener Einheit, die der Kanadier exakt heute vor einem Monat leitete. Damals hetzte er die Spieler übers Feld, blickte böse und pfiff jeweils sehr laut und sehr eindringlich. Am Tag danach wurden in den helvetischen Zeitungen allerhand militärische Ausdrücke verwendet, um den ersten Auftritt des 42-Jährigen zu beschreiben.

Nur noch selten Liegestützen

Mittlerweile ist beim SCB Normalität eingekehrt. Der neue Cheftrainer muss sich nicht mehr ständig mit verbalen Peitschenhieben und Strafübungen Respekt verschaffen. «Wenn wir gut trainieren, läuft alles reibungslos», sagt der Familienvater, dessen Frau und Kinder seit Mitte Februar in Bern weilen. Es ist freilich nicht so, dass er die Anforderungen heruntergeschraubt hat. Nicht er, sondern die Spieler haben sich angepasst. Boucher habe alles unter Kontrolle, sagt Franco Collenberg. «Du kannst dich nie verstecken und musst in jedem Moment präsent sein, sonst spürst du sofort eine frostige Bise.» Was der Verteidiger meint, zeigt sich, als gegen Ende des Trainings bei einigen die Konzentration nachlässt. Sofort schreitet der Coach ein; ein ganzer Block wird zu Liegestützen verdonnert, die Einheit kurzerhand verlängert. «Wir wollen nie zufrieden sein. Genügsamkeit akzeptiere ich nicht, auch nicht im Training», begründet Boucher seine Massnahmen. «Es muss zur Gewohnheit werden, stets voll bei der Sache zu sein.»

Vorliebe für die Videoanalyse

Meistertrainer Antti Törmänen überliess den SCB-Spielern viel Selbstverantwortung; er forderte sie auf, mitzudenken, selber Entscheide zu treffen. Boucher hingegen hat ganz klare Vorstellungen. «Er sagt uns für jede Situation, was er verlangt, zudem legt er grossen Wert auf Details», berichtet Ivo Rüthemann. Und Joël Vermin erzählt: «Boucher weiss haargenau, was er von jedem Einzelnen will. Mit der Videoanalyse beweist er dir, dass er recht hat.» Dieses Instrument nutzt Boucher gern und oft; während der Olympiapause fielen die Lektionen zum Teil relativ lang aus. «Obwohl erwiesen ist, dass die Aufmerksamkeitsspanne nur 11 Minuten beträgt.» Allein diese Aussage zeigt, wie akribisch, ja wissenschaftlich der Frankokanadier ans Werk geht. Boucher hat zwei Studiengänge mit dem Bachelordiplom abgeschlossen und den Master der Sportpsychologie erlangt.

Die NHL, wo Boucher als Coach von Tampa Bay Lightning gearbeitet hat, versteht sich als Zweig der Unterhaltungsbranche. Das zeigt sich an seinem professionellen Umgang mit den Medien. Er begrüsst Journalisten mit festem Händedruck, sucht den Augenkontakt und beendet das Gespräch meistens mit der Floskel «Es war mir ein Vergnügen». Er spricht viel, ohne viel Konkretes zu sagen. Doch das ist Kalkül, intern äussert sich der Cheftrainer viel differenzierter.

Schwitzen und lachen

«Man spürt, dass hinter dem, was er sagt, Sinn steckt», meint Vermin. Konditionstrainer Roland Fuchs ist «die unheimlich grosse Fachkompetenz» aufgefallen. Diktatorisch verhält sich Boucher nicht. Fuchs spürt «riesiges Vertrauen», und Assistenzcoach Lars Leuenberger, der seinen Chefposten freiwillig abgegeben hat, bezeichnet seinen Vorgesetzten als «offen und fair».

Guy Boucher, der, wenn nötig, 15, 16 Stunden am Tag arbeitet, hat beim Schweizer Meister einiges verändert. Laut Fuchs herrscht «eine neue Kultur». Der Fitnesscoach führt mit der Equipe jeden Morgen eine Teamaktivierung durch. Während 15 Minuten wird etwa Sitzball gespielt. Kommunikation, Ehrgeiz und Spass sollen gefördert werden. Boucher ist wichtig, dass nicht nur geschwitzt, sondern auch gelacht wird.

Eines lässt sich trotzdem nicht wegdiskutieren: Der Kanadier hat die Schraube angezogen. «Die Trainings empfand ich am Anfang wirklich als sehr streng, dafür habe ich jetzt in den Matches mehr Power», sagt Vermin. «Er duldet keine Genügsamkeit, das ist sein Erfolgsgeheimnis. Du wirst nur besser, wenn du die Komfortzone verlässt», meint Fuchs. Obwohl der Headcoach Wert auf Disziplin legt, Druck aufsetzt, die Spieler zuweilen an die Belastungsgrenze bringt und auch mal laut wird, hält Konditionstrainer Fuchs fest: «Er ist kein harter Hund. Er ist ein konsequenter Hund – oder: gar kein Hund. Denn ein Hund bellt nur, die Worte Guy Bouchers hingegen haben Substanz.»

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch