«Mir kann eigentlich nichts passieren»

Severin Blindenbacher (35) ist zurück bei den ZSC Lions, nachdem er die Meistersaison wegen einer Gehirnerschütterung fast komplett verpasst hat. Er geniesse es umso mehr, sagt er.   

«Als 100-Prozent-Profi lebst du an der Realität vorbei», sagt Severin Blindenbacher. Foto: Dominique Meienberg

«Als 100-Prozent-Profi lebst du an der Realität vorbei», sagt Severin Blindenbacher. Foto: Dominique Meienberg

Simon Graf@SimonGraf1

Nach Ihrer siebten Gehirnerschütterung mussten Sie befürchten, kein Comeback mehr geben zu können. Wachten Sie eines Tages auf und spürten: Jetzt geht es wieder?
Es passierte nicht über Nacht. Ich merkte einfach, dass ich es nochmals probieren will. Und als ich das Okay von Gery (Büsser, dem Teamarzt) erhielt, sagte ich mir: Ich mache die Vorbereitung mit, greife nochmals seriös an. Neben dem Eis ging es besser und besser. Aber irgendwann war der Moment da, dass wir aufs Eis gingen. Da fragte ich mich schon kurz: Was, wenn es doch nicht geht? Wenn ich nicht mehr der gleiche Spieler bin? Oder wenn es mir wieder schwindlig wird? Zum Glück war das nicht der Fall. Und jetzt habe ich wieder so richtig Freude. Unterdessen habe ich auch das Gefühl, nicht schlechter auszusehen als vorher, wenn ich mich auf dem Video anschaue.

Ist Eishockeyspielen wie Velofahren? Man verlernt es nicht?
So ist es. Im ersten Training ging es für mich noch ein bisschen zu schnell. Im zweiten spürte ich die Schlittschuhe besser. Ich glaube, man verlernt es wirklich nicht.

«Man hat nie Zeit, durchzuschnaufen und alles zureflektieren. Das konnte ich nun.»

Wie war für Sie das Gefühl, diesen Sport wieder für sich zu entdecken?
Quasi wie mein zweiter Frühling. Ich merkte während dieser schwierigen Zeit, was ich am Eishockey habe. Das realisiert man erst richtig, wenn man durch eine Verletzung gezwungen wird, sich aus dem Ganzen rauszunehmen. Es geht im Eishockey alles so schnell. Man hat nie Zeit, einmal durchzuschnaufen und alles zu reflektieren. Das konnte ich nun. Und als die Jungs im Playoff so richtig gut zu spielen begannen, erlebte ich die sogenannt schönste Zeit der Saison für einmal als Zuschauer. Wenn man spielt, ist man so fokussiert, dass man gar keine Zeit hat, das auszukosten.

War es für Sie nicht schwierig, nicht spielen zu können?
Ja, schon. Am Anfang des Playoffs war ich nicht dabei. Aber die ­letzten Finalspiele schaute ich im Stadion. Und es war eine emotionale Achterbahnfahrt. Ich wusste nicht: Ist es das letzte Playoff, bei dem ich dabei bin? Und dann spielten sie noch so gut. Natürlich wäre ich da gern auf dem Eis dabei gewesen. Aber ich hatte Spass an diesen Spielen. Es war eine coole Stimmung, das Eishockey war gut, fair und schnell. Und mit gegenseitigem Respekt voreinander. Und natürlich passte das Ende.

Wie fühlte es sich an, Meister zu werden, aber doch nicht so ganz?
Ich bin inzwischen am längsten Profi bei diesem Verein. Ich sehe mich als Teil des Clubs und der Mannschaft. Ich konnte mich fast so freuen, als hätte ich selber gespielt. Es ist einfach emotional etwas anderes, wenn du nach dem siebten Spiel total ausgepumpt bist und gewonnen hast. Das hatte ich nicht, diese körperliche Ermüdung. Aber die emotionale Anstrengung hatte ich doppelt und dreifach, weil ich nicht wusste, wie es mit mir weitergeht.

Sie waren viermal Meister, holten WM-Silber, spielten auch in Schweden und Nordamerika. Überlegten Sie sich nicht, ob es sich lohnt, weiterzuspielen und so das Schicksal nochmals herauszufordern?
Nein, so denke ich nicht. Ich wollte die Karriere nicht auf diese Weise beenden. Und für mich ist klar: Mir kann eigentlich nichts passieren.

Muss man diese Einstellung haben?
Ich denke schon. Wenn man Angst hat, wird es gefährlich. Dann kann man nicht mehr spielen. Ich werde meinen Stil auch nicht anpassen. Und wenn es Situationen gibt, die gefährlich sind, überlasse ich halt einmal den Puck dem anderen.

Während Ihrer Zwangspause begannen Sie, bei On zu arbeiten, der Schweizer Firma für Laufschuhe. Wie war diese Erfahrung?
Durch meine Verletzung wurde ich zum Versicherungsfall. Und irgendwann kam die Versicherung auf mich zu und fragte, ob ich nicht etwas anderes arbeiten könne. Ich nahm ein Jobcoaching in Anspruch und landete letztlich bei On. Ich kenne Marc Maurer, der da in der Geschäftsleitung ist. Er gab mir diese Möglichkeit. Dafür bin ich sehr dankbar. Es war für mich in dieser schwierigen Zeit sehr wichtig, dass ich meine Tage so ausfüllen konnte. Und es ist eine mega coole Firma. Jung, dynamisch, international. Ich arbeite immer noch bei On, etwa zu 30 Prozent. Momentan bin ich im Eventmarketing. Ich versuche, in möglichst viele Bereiche Einblick zu erhalten.

Wie ist es, morgens ins Büro zu gehen statt ins Training?
Ich habe das Glück, dass ich bei On in einer coolen Umgebung arbeiten kann. Aber natürlich ist es nicht das Gleiche.

Was fehlte Ihnen am meisten vom Eishockey?
Das Spiel. Ich spiele einfach unheimlich gern Eishockey. Und es ist doch schön, wenn man mit 35 noch spielen kann. Das hält einen jung. Dazu kommen die Emotionen, die der Sport bringt. Sieg und Niederlage. Zusammen einen Meistertitel zu erkämpfen. Das ultimative Glücksgefühl des Siegens macht süchtig.

Hat Ihre Tätigkeit bei On Ihre Perspektive verändert?
Ich hatte vor meinen Verletzungen schon zu arbeiten begonnen. Mir ist auch klar, dass es nach der Karriere weitergehen muss. Aber diese Zeit zeigte mir schon auf: Wenn du zu 100 Prozent Profi bist, lebst du an der Realität vorbei. Du lebst in einer Blase. Vieles wird dir abgenommen. Das ist ein Privileg.

Was raten Sie Spielern, die wegen einer Gehirnerschütterung länger ausfallen?
Es ist für jeden anders. Für mich war es wichtig, dass ich mich herausnehmen konnte, längere Zeit gar nicht mehr in die Garderobe ging. Denn sonst setzt du dich nur unnötig unter Druck. Und im Playoff hielt ich mich lange vom Team fern, weil ich da nichts verloren hatte. Aber wie gesagt: Der Verlauf ist bei jedem anders. Es gibt viele, die leiden auch im Alltag unter den Symptomen. Wenn man nicht mehr ans Tageslicht gehen kann, ist das schon bitter.

Sie hatten im Alltag keine Probleme?
Anfangs hatte ich Probleme mit der Lichtempfindlichkeit. Aber die waren bald weg. Ich ertrug es einfach nicht, aufs Eis zu gehen. Als ich dem Eis zwei, drei Monate fernblieb, ging es mir besser.

Gehirnerschütterungen sind das grosse Problem des Eishockeys. Wie kann man es lösen?
Eigentlich wäre es einfach. Es geht um Vernunft. Wenn man einen Check austeilt, kann man das kalkulieren. Bis zu einem gewissen Grad. Wenn mein Gegenspieler den Kopf an der Bande unten hat, fahre ich nicht mit 200 Stundenkilometer in ihn rein. Und ich kann nicht glauben, dass es einen Hockeyspieler gibt, der absichtlich den anderen verletzt. Auch der grösste Hitzkopf geht nach dem Spiel nach Hause und gibt seiner Tochter einen Kuss auf die Stirn. Der bereut doch, wenn der andere seinetwegen im Spital gelandet ist. Natürlich, es gibt Spezialisten, die es nie lernen. Bei denen muss man einfach hart durchgreifen. Sie mit 200'000, 300'000 Franken büssen, wenn sie zum fünften Mal jemanden am Kopf attackieren. Oder lange sperren.

Was haben Sie noch vor in Ihrem Sport?
Ich darf in meiner Situation nicht zu weit vorausschauen. Ich habe Freude, dass ich wieder Eishockey spielen darf. Aber natürlich will ich unbedingt erfolgreich sein. Ich würde mit dem ZSC gern nochmals Meister werden. 

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