Mark Streit und die Lektion fürs Leben

Im Sommer unterschrieb ein junger Schweizer in der NHL. Nun ist Yannick Rathgeb im Farmteam überzählig. Ein berühmter Vorgänger kann ihm helfen.

Illustration Kornel Stadler

Illustration Kornel Stadler

Philipp Muschg@tagesanzeiger

Eine richtige Heldengeschichte braucht Rückschläge, Scheitern, Verzweiflung. Es mag wunderbar sein, ein Jahrzehnttalent wie Nico Hischier zu verfolgen. Es mag manchen Schweizer mit Stolz erfüllen, wie sie in Übersee kaum herauskommen aus dem Schwärmen vom Walliser Teenager. Doch eine Heldengeschichte ist es nicht, was Hischier bisher schrieb.

Vielmehr ist es das Märchen von einem Wunderkind. Einer wie Hischier wird bestaunt. Doch die Leichtigkeit, mit der ihm alles zu gelingen scheint, macht ihn zugleich fremd. Nie musste er in der Provinz einen Abfallsack abholen, in den man seine gesamte Ausrüstung gestopft hatte, weil man ihn nicht mehr wollte. Die Utah Grizzlies, die Tallahassee Tiger Sharks, die Springfield Falcons: Für Hischier sind das Tiernamen aus einer Fantasiewelt. Für den grössten hiesigen Eishockeyhelden, Mark Streit, aber waren sie einst bittere Realität.

Wieder ein Berner Verteidiger, wieder abgeschoben

Denn bevor Streit als erster Schweizer Captain eines NHL-Teams wurde, bevor er den Stanley-Cup gewann und man ihn für seine Verdienste zum Verwaltungsrat von Swiss Ice Hockey machte: Vor alledem fand er sich mit dem Abfallsack irgendwo in Utah wieder, wurde der unbekannte Schweizer von einem zweitklassigen Team zum andern abgeschoben, musst er gar in die drittklassige ECHL. Der Triumph, zu dem Streits Karriere später wurde, war da noch vollkommen utopisch.

Heute, genau 19 Jahre später, hat erneut ein Berner Verteidiger die Chance, eine Heldengeschichte zu schreiben. Nur ist das schwierig zu erkennen, am wenigsten für den Betroffenen selbst. Denn das, was Yannick Rathgeb gerade erlebt, dürfte sich weniger wie eine Heldengeschichte anfühlen, sondern eher wie eine riesige Enttäuschung.

Einer der besten Offensivverteidiger des Landes zieht mit 22 Jahren nach Nordamerika – wie einst Streit. Doch wie Streit scheint er nun nicht einmal für die zweitklassige AHL zu genügen. Vier Meisterschaftsspiele bestritten die Bridgeport Sound Tigers bisher, viermal war Rathgeb überzählig.

«Ein knallhartes Business»

Dabei hat der Langenthaler im Gegensatz zu Streit sogar einen NHL-Vertrag. Sein Agent brachte es letzte Woche auf den Punkt: «Es ist ein knallhartes Business.»

Was nun? Das ist für Rathgeb die grosse Frage. Würde er auch eine weitere Abschiebung in die drittklassige ECHL tolerieren, um irgendwie zu Spielpraxis zu kommen? Soll er hoffen, dass sein bis 2020 gültiger Vertrag ihm in absehbarer Zeit doch noch zu Eiszeit verhilft – in Bridgeport oder gar bei den New York Islanders, die ihn schliesslich über den Atlantik lockten? Oder soll er den Weg von Streit gehen, sich zuerst in der heimischen Liga zum Leader und kompletten Abwehrspieler entwickeln – um Jahre später vielleicht einen zweiten Anlauf zu nehmen? Fribourg hätte nach wie vor Bedarf an einem Offensivverteidiger.

Niemand weiss, wie es weitergeht. Was richtig ist und was falsch. Eben das macht die Geschichte von Rathgeb so viel spannender als jene von Hischier. Der junge Walliser wird mit ziemlicher Sicherheit der beste Schweizer Stürmer der Geschichte. Beim anderen – er war im gleichen Alter deutlich produktiver als Mark Streit – ist vom gescheiterten Talent bis zum NHL-Stammspieler noch alles möglich.

Das ist der Stoff, aus dem Heldengeschichten sind: Rathgeb kann noch immer scheitern. Und ist darum kein bisschen anders als wir alle.

In der Rubrik «Crosscheck» äussert sich die Eishockey-Redaktion von Bernerzeitung.ch/Newsnetz regelmässig zu Themen der schnellsten Mannschaftssportart der Welt.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt