«Manchmal brauche ich Reibereien»

Sein Vertrag in Biel wurde nach juristischen Streitereien aufgelöst, in Freiburg konnte er sich nicht durchsetzen. Nun spielt Daniel Steiner, 221-facher Torschütze in der höchsten Spielklasse, in der Provinz für Thurgau. Er spricht über sein Image und heftige Vorwürfe und sagt: «Ich trage mein Herz auf der Zunge.»

Vollgas, aber nicht Vollprofi: Nach einer äusserst schwierigen Saison stürmt Daniel Steiner (rechts) nun in der zweithöchsten Spielklasse für Thurgau.

Vollgas, aber nicht Vollprofi: Nach einer äusserst schwierigen Saison stürmt Daniel Steiner (rechts) nun in der zweithöchsten Spielklasse für Thurgau. Bild: Madeleine Schoder/LAB

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sind Sie ein Stinkstiefel?
Daniel Steiner: Ich spiele meine 18. Profisaison. Wenn ich ein richtiger Stinkstiefel wäre, hätte ich nie so lange im Geschäft überlebt und wäre früh in meiner Karriere auf der Tribüne gelandet. In einem Teamsport muss sich jeder in der Gruppe zurechtfinden. Ich bin sicher nicht perfekt, habe Fehler gemacht, falsche Entscheidungen getroffen. Und ich bin auch mal andere, unkonventionelle Wege gegangen.

Inwiefern?
Ich war nie ein grosses Talent, musste alles versuchen, um besser zu werden. Wenn andere in die Sommerferien gingen, reiste ich nach Schweden in ein Skatingcamp. Ich kaufte auch spezielle Trainingsgeräte. Die anderen schauten mich in der Garderobe blöd an, fragten sich: Was macht der jetzt wieder? Ich versuchte, meiner Zeit voraus zu sein. Aber natürlich bot ich deswegen Angriffsfläche. Zu Beginn meiner Karriere war es etwas einfacher gewesen, da hatte es noch einige bunte Vögel gegeben.

«Der Autor hat nie etwas mit mir zu tun gehabt. Und doch stellte er mich als persönlich untragbar dar.»

Man hört, Sie hätten immer mal wieder rebelliert.
Ich bin einer, der seine Meinung sagt, trage mein Herz auf der Zunge. Das kommt nicht bei jedem der 30 Jungs gut an. Meinungsstärke kann man auf zwei Seiten auslegen. Für manche ist das ein guter Charakterzug, andere haben Mühe, wenn einer Klartext redet. Die fühlen sich vielleicht brüskiert.

Weil Sie auch oft eine Sonderrolle einnahmen?
Ich bin keiner, der eine Sonderrolle fordert, schon gar nicht abseits des Eises. Dass dies vielleicht manchmal so wirkt, hängt mit meinem Spielstil zusammen. Bei mir ist es eigentlich immer nur ums Toreschiessen gegangen. Ich bin kein Defensivverteidiger, der die Scheibe einfach aus dem Drittel hauen kann. Ich muss produzieren, will Erfolg haben. Entsprechend fordernd kann ich sein. Und manchmal brauche ich Reibereien.

In den letzten zehn Jahren spielten Sie für zehn Vereine. Wie erklären Sie die vielen Wechsel?
Kürzlich war ich beim Berufsberater. Als dieser meinen Lebenslauf anschaute, meinte er: «Wow, Sie hatten sehr viele Arbeitgeber, Sie sind sehr gefragt. Das macht sie attraktiv.» Im Eishockeybusiness heisst es dagegen manchmal: «Uff, der hat so oft gewechselt. Da stimmt etwas nicht.» Es ist eine Frage der Perspektive.

Vergangene Saison waren Sie in einen wüsten Streit mit dem EHC Biel involviert. Sie wurden vom Training verbannt, klagten gegen den Verein, die Teamkollegen stellten sich öffentlich gegen Sie. Wie stark hat Sie dies belastet?
Es war eine extrem schwierige Zeit. So einfach lässt sich das Geschehene nicht abhaken. Die Geschichte nahm ein krasses Ausmass an.

«Ich versuchte, meiner Zeit voraus zu sein. Aber natürlich bot ich deswegen Angriffsfläche.»

Nach dem Konflikt in Biel schrieb der «Blick» im Zusammenhang mit Ihrem Wechsel nach Freiburg, Sie zu verpflichten sei in etwa so, als würde man einen Alkoholiker auf eine Sauftour mitnehmen...
...das war der Wahnsinn. Der Autor hat nie etwas mit mir zu tun gehabt und hatte mich nie kontaktiert. Und doch stellte er mich als persönlich untragbar dar. (überlegt) Damals aber war mein Vertrag in Biel noch gültig; weil ein juristisches Verfahren lief, musste ich die Füsse still halten.

Weshalb funktionierte es in Biel, vorab mit Coach Kevin Schläpfer, nicht?
Normalerweise putzt man sich nach einem Kampf das Sägemehl vom Rücken und alles ist gut. (überlegt) Wir gaben uns zu wenig Feedbacks, gingen zu wenig aufeinander zu. So artete alles aus, obwohl an und für sich gar nichts Schlimmes vorgefallen war. Irgendwie konnte keiner mehr einen Schritt zurück tätigen.

Wie meinen Sie das?
Die Situation war zu zerfahren, und weil sie in den Medien ausgeschlachtet wurde, musste Biel fast an seinem Standpunkt festhalten. Bei mir wurde der Gerechtigkeitssinn geweckt, auch in finanzieller Hinsicht – deshalb war die Vertragsauflösung unmöglich. Erst der Transfer zu Gottéron beendete das harte Gerichtsverfahren.

Und am Ende hiess es wie so oft in der Vergangenheit, dem Steiner gehe es doch nur ums Geld.
Was lächerlich ist. Sonst wäre ich nicht so lange in Langnau geblieben, vor allem nie nach Nordamerika gegangen. In der East Coast Hockey League (2009/2010, die Red.) verdiente ich fast nichts. Aber klar, jeder will doch den bestmöglichen Vertrag unterschreiben, die Höhe des Lohnes drückt den Wert des Spielers aus.

«Wie lange ich noch spielen werde, weiss ich nicht. Ich habe aufgehört zu ­planen.»

Langnau hatte vor Ihrem Wechsel ins Seeland intensiv um Sie gebuhlt. Bedauern Sie, haben Sie nicht zugesagt?
Nach einem Krieg ist doch jeder ein guter General. Klar, im Nachhinein war es ein Fehler, in Biel zu unterschreiben. Vielleicht wäre in Langnau für mich alles grossartig herausgekommen, ich hatte auch lange an einem Transfer studiert. Aber damals waren die Tigers in der NLB – und ich war voll im Saft. Ich würde einem jungen Spieler immer noch raten, auf dem höchstmöglichen Level zu spielen.

Nun spielen Sie beim zweitklassigen HC Thurgau – weshalb der Wechsel in die Hockeyprovinz?
Im Sommer befasste ich mich intensiv mit dem Rücktritt. Aber ich habe nach wie vor viel Freude am Eishockey, deshalb nahm ich das Angebot an. Wir sind eine junge, unerfahrene Mannschaft mit speziellen Charakteren. Das finde ich sehr reizvoll.

Sind Sie noch immer Vollprofi?
Thurgau hat ein kleines Budget, ich habe eine Teilzeitanstellung. Nebenbei bilde ich mich intensiv weiter. Der Gesundheits- und Athletikbereich interessiert mich, eine Coachingfunktion kann ich mir vorstellen. Wie lange ich noch spielen werde, weiss ich nicht. Ich habe aufgehört zu ­planen.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 05.10.2017, 09:41 Uhr

Lange in Langnau

221 Tore hat Daniel Steiner in der National League erzielt, er gehört zu den treffsichersten Schweizer Stürmern. Der einstige SCB-Junior spielte von 1999 bis 2005 sowie 2008/2009 und 2010/2011 in Langnau. In seiner letzten Saison im Emmental erreichten die SCL Tigers die Playoffs, Steiner jedoch brach sich mitten im Höhenflug das Wadenbein – beim Schwingen. Der 37-jährige Burgdorfer hat überdies für die ZSC Lions, Lugano, Ambri, Biel, Got­téron und Rapperswil gestürmt, 31 Länderspiele absolviert. 2009 unterschrieb er einen Probevertrag bei der NHL-Organisation der Columbus Blue Jackets, wurde jedoch bis in die drittklassige East Coast Hockey League durchgereicht. Mit vielen Skorerpunkten sicherte sich der Flügel einen Kontrakt in der AHL, kehrte aber bald in die Schweiz zurück. Nun spielt er in der Swiss League bei Hockey Thurgau, der Tabellen-8. empfängt am Sonntag (17 Uhr) Langenthal. Mit seiner Familie wohnt Steiner in Winterthur. phr

Artikel zum Thema

Ein Witz und die Geschichte mit dem Bart

Freiburg flüchtet in die Vergangenheit und wird vom SC Bern auf den Boden der Realität zurückgeholt: Im letzten Qualifikationsspiel ­reüssiert der SCB 7:4. Mehr...

Bern trifft im Viertelfinal auf Biel

Der SC Bern gewinnt zum Abschluss der Qualifikation das Zähringer Derby bei Fribourg-Gottéron mit 7:4. In den Playoffs warten weitere Derbys auf den SCB – Berner Derbys. Der Qualifikationssieger trifft im Viertelfinal auf den EHC Biel. Mehr...

Der Grosse im Ganzen

Die Hoffnung lebt: Mit dem 4:2-Heimsieg gegen Gottéron haben die SCL Tigers den Rückstand auf den achten Platz verkürzt. Im Gegensatz zum Gegner konnten sie sich auf ihren Torhüter verlassen. Mehr...

Kommentare

Blogs

Echt jetzt? Bündner Brücke der Rekorde

Bern & so Spass mit Autos

Die Welt in Bildern

Kunst auf dem Gesicht: Ein Rohingya Mädchen in der Nähe von Cox's Bazar in Bangladesh hat ein verziertes Gesicht. (17. Dezember 2017)
(Bild: Alkis Konstantinidis) Mehr...