Langnau hat das schwächste Kader - aber steigt nicht ab

BZ-Sportredaktor Philipp Rindlisbacher über die Saisonprognose für die SCL Tigers.

Jörg Reber ist weniger bekannt als Fredy Bickel. Er hat weniger Erfahrung als der YB-Sportchef und einen nicht so beeindruckenden Leistungsausweis . Aber bestimmt ist Reber mutiger als Bickel und vielleicht sogar cleverer. Als Sportchef der SCL Tigers machte er, was Bickel unterliess: Er deutete die Zeichen und handelte zur rechten Zeit.

Wie bei den Young Boys war vergangene Saison in Langnau nicht alles rundgelaufen. Trainer Bengt-Ake Gustafsson hielt das Team an der langen Leine, musste von Spielern zum Taktiktraining aufgefordert werden, liess den Nachwuchs links liegen.

Allerdings gewannen die Tigers 51 von 67 Partien, stiegen auf. Dennoch wurde der Vertrag des Schweden im Frühling nicht verlängert; Uli Forte hingegen durfte YB nach Rang 2 weitercoachen. Nach dessen Entlassung vor Monatsfrist sagte Bickel, er habe es verpasst, die Strömungen richtig zu analysieren.

Mit Bengt-Ake Gustafsson wäre es in der NLA nicht gut gekommen, zu diesem Schluss kam auch Jörg Reber. Der Entscheid setzt ihn ziemlich stark unter Druck; ein Scheitern des neuen Trainers Benoît Laporte würde natürlich auf ihn zurückgeführt werden. Laporte ist der Gegenpol zu Gustafsson: Der kanadisch-französische Doppelbürger ist wortgewandt, geht auf die Spieler ein, scheut sich nicht davor, unpopuläre Massnahmen zu treffen.

Sein Führungsstil ist autoritär; im Training hat er die Zügel angezogen. Tönt gut, garantiert aber gar nichts. In Lausanne, Basel und Ambri hatte Laporte wenig Erfolg, gut lief es für ihn in Deutschland und Italien. Jedenfalls weiss er, wie mit Krisen umzugehen ist. Möglichst schnell muss der Coach ein Umdenken in den Köpfen seiner Spieler bewirken: In der NLB gewann das Team fast immer und häufig sogar, ohne an die Leistungsgrenze gehen zu müssen. Von alleine wird nun nichts mehr funktionieren – und die Langnauer müssen wieder lernen, mit Rückschlägen umzugehen.

Laporte steht vor einer riesigen Herausforderung. Viele Spieler haben NLA-Erfahrung, aber wenige waren auf höchster Stufe Führungsspieler. Sven Lindemann ausgenommen, hat nicht ein Langnauer jemals eine tragende Rolle bei einem Schweizer Spitzenteam eingenommen. Auf dem Papier verfügen die SCL Tigers über das schwächste Kader in dieser Liga, das kann man drehen und wenden, wie man will.

Vorab auf der Torhüterposition hinken die Emmentaler der Konkurrenz hinterher. Spielt der Aufsteiger also gleich wieder gegen den Abstieg? Das muss nicht sein. Die Mannschaft ist homogen und eingespielt, sie dürfte von der Euphorie im und rund um den Klub profitieren. Zwei Drittel aller Spielerverträge laufen im Frühling aus, viele Profis kämpfen um ihre Zukunft – sie müssen sich in Szene setzen.

Kurz: Die Langnauer werden die Playoffs kaum erreichen, vielleicht bleibt bloss der letzte Rang. Aber sie werden nicht überfordert sein und ihren Platz in der NLA verteidigen.

In den letzten drei Jahren waren diverse Personalentscheide in der Führungsebene der Tigers äusserst fragwürdig, sonst hätten in dieser Zeitspanne nicht vier Trainer, drei Geschäftsführer und ein Sportchef vertrieben werden müssen. Und doch hat der Klub vieles richtig gemacht. Es war ein kluger Schachzug, im sportlichen Bereich auf Reber zu setzen sowie Peter Müller als Geschäftsführer zu installieren.

Sie meiden das Rampenlicht; vor allem dank ihnen ist im noch vor kurzem eher chaotischen Betrieb Ruhe eingekehrt. Und so absurd es klingen mag: Das Intermezzo in der NLB war ein Segen: Gegen eine Million Franken Bruttogewinn erwirtschaftete der Klub dem Vernehmen nach in der letzten Saison, das Budget beläuft sich – inklusive Gastronomie und Nachwuchsabteilung – auf geschätzte 12 Millionen. Etwas Geld dafür, das Kader im Verlauf der Qualifikation zu verstärken, ist vorhanden.

Mail: p.rindlisbacher@bernerzeitung.ch

Berner Zeitung

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