Krankheit als Chance – auch für die Lakers

Jeff Tomlinson erhält eine neue Niere. Vielleicht merken jetzt mehr Leute, wie gut die Arbeit des Kanadiers ist.

Illustration: Kornel Stadler

Illustration: Kornel Stadler

Wer jahrelang wurstelt, wird länger nicht ernst genommen. Vielleicht liegt es daran, dass die Rapperswil-Jona Lakers erst jetzt wieder für Schlagzeilen sorgen, wo sie wenig dafür können. Jetzt, wo es nicht um Sport geht, sondern um Existenzielles. Auf dem Spiel steht die Gesundheit von Trainer Jeff Tomlinson. Der 49-Jährige leidet schon länger an einer lebensbedrohlichen Niereninsuffizienz. Heute wird ihm in einer deutschen Klinik die Spenderniere seines Bruders eingepflanzt.

Es ist einer jener Momente, in denen allen bewusst wird, dass es Wichtigeres gibt im Leben als den Sport. Und doch wirft diese Extremsituation ein Schlaglicht darauf, wie sehr sich der Club vom Oberen Zürichsee gewandelt hat. Man flüchtet sich nicht mehr wie bis zum Abstieg 2015 mit Utopien aus der sportlich jämmerlichen Wirklichkeit. Sondern man sieht den Problemen ins Auge – so gross sie auch sein mögen.

So wählte Tomlinson mit seiner Krankheit ganz bewusst schon vor Saisonbeginn den Weg an die Öffentlichkeit. Ihm war klar, dass spätestens dann Interesse aufkeimen würde, wenn der ersehnte Operationstermin feststand. «Ich wollte es aus der Welt haben», erklärte der Kanadier.

Und so sprach er offen von seiner allabendlichen Dialyse. Von den Tücken beim Handling der Schläuche und von den Zweifeln vor allem zu Beginn. Er sprach über gesellschaftliche Erwartungen an Männer und davon, dass man schon als kleiner Junge keine Schwäche zeigen dürfe, als Sportler erst recht nicht. Und er konnte mit Überzeugung sagen: «Die Situation gehört zu meinem Leben. Sie beschäftigt mich nicht wirklich. Nicht mehr.»

Wie Tomlinson, wie seine Mannschaft, wie der ganz Club seither mit der Situation umgeht, zeugt von Reife. Nie machten die Lakers die Gesundheit ihres Trainers zum Thema – nie verweigerten sie aber auch eine Antwort auf entsprechende Fragen. Als dann der Operationstermin klar war, informierte Tomlinson sein Team über die dreiwöchige Abwesenheit. Dass zwei Tage nichts durchsickerte, sagt viel über den Geist am Obersee. Und als Geschäftsführer Markus Bütler am Dienstag nach dem Sieg gegen Biel die Medien informierte, war Tomlinson schon weg. Er hatte Wichtigeres im Sinn.

Ein starkes Statement gab es trotzdem – auf dem Eis, und zwar über Wochen. Die Lakers liegen über jeder Erwartung auf Rang 7 und machten sich einen Namen als Team, das nie aufgibt. Gegen Biel wendeten sie ebenso ein 0:3 wie zuvor gegen Meister Bern. Auch gegen den ZSC liessen sie sich von einem Rückstand nicht beirren und drehten den Match. Aus dem Aufsteiger und zweitschlechtesten Team seit Einführung der 3-Punkte-Regel ist innerhalb bloss eines Jahres ein Playoff-Kandidat geworden. Und charakterlich das Abbild seines Trainers sowie des ganzen Vereins.

Nur merkten könnten das mehr. Im Schnitt ziehen die Lakers nur 3893 Zuschauer an, fast tausend weniger als die Konkurrenz. Und so viel Medienpräsenz wie mit Tomlinsons Gesundheit schaffte der Club seit dem Cup-Final im Februar kein einziges Mal.

Vielleicht ändert sich das ja in den vier Spielen, in denen die Lakers voraussichtlich ohne den Kanadier auskommen müssen. Selbst wenn Interimschef Niklas Gällstedt taktisch wenig ändern will, bringt ein Wechsel doch neue Dynamik. Das zeigte schon der prominenteste Vorgänger des Schweden, ein gewisser Sean Simpson.

Gleich zweimal übernahm der damals kaum bekannte Assistent einst beim EV Zug für seinen erkrankten Chef. Das erste Mal für zwei Wochen im Dezember 1993, als Björn Kinding wegen Verwachsungen an der Lunge notfallmässig ins Spital musste. Und keine elf Monate später erneut: Der Chef hiess diesmal Jim Koleff, eine Krebsbehandlung zwang ihn im November 1994 in die USA. Simpson, gerade 34, übernahm für den Rest der Qualifikation, präsentierte den Spielern regelmässig Koleffs Fax-Nachrichten aus Übersee. Pünktlich aufs Playoff kehrte der Chef dann zurück – und führte den EVZ in den Final.

Coaching per Fax ist im Jahr 2019 zwar ebenso unrealistisch wie Rapperswil-Jona im Playoff-Final. Aber ein bisschen mehr Aufmerksamkeit hat sich der Club durchaus verdient. Dass es als Initialzündung dafür eine gefährliche Krankheit braucht, sagt weniger über die Lakers als über uns alle.


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