Kein Geschenk für McSorley, viel Luft nach oben für Bern

Ein Stürmer kann nur noch lachen, ein Goalie will spielen, ein Trainer möchte bleiben.

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Reto Kirchhofer@rek_81

Mitternacht ist vorbei. Das sechste Drittel läuft. Und der DJ in der Eishalle Les Vernets spielt «Just Can’t Get Enough». Womöglich will er mit dem Song von Depeche Mode den Nerv der Anwesenden treffen. Wahrscheinlich geht er damit den meisten auf die Nerven. Spieler, Trainer, Betreuer, Zuschauer: Alle dürften genug haben von Eishockey. Zumindest für diesen Abend, für diese Nacht. Checks gibt es kaum mehr, Müdigkeit macht sich breit. Der Rekord für die längste Begegnung in der Geschichte des Schweizer Eishockeys ist gebrochen. Die Marke stand bei 102 Minuten und 32 Sekunden, aufgestellt letzte Saison im Spiel zwischen Kloten und Rapperswil. Denis Hollenstein traf zum 3:2. Nun wird der Flügel abgelöst. Aber durch wen? Und, bitte schön, wann?

Nach 117 Minuten und 43 Sekunden schnappt sich Berns Stürmer Mark Arcobello von Genfs Verteidiger Mike Völlmin den Puck und erzielt das 3:2. Aus. Ende. Vorbei. Kurz vor 1 Uhr in der Früh stehen die Berner wacklig auf den Beinen und im Halbfinal. SCB-Angreifer Thomas Rüfenacht sagt: «In der Pause zwischen dem fünften und dem sechsten Drittel waren wir kaum noch in der Lage, zu sprechen. Wir konnten nur noch lachen – ein Wahnsinn.»

Schere, Stein, Papier

Die Mimik von Servettes Trainer Chris McSorley ist frei von Regung. Er blickt aufs Eis, als stünde er Modell für ein Porträt. Danach umarmt der Kanadier jeden, der eine Umarmung nötig haben könnte. Später sagt er: «Topspieler entscheiden Topspiele. Arcobello ist ein Topspieler.» McSorley streicht die Weste glatt und blickt auf die Uhr. Mittlerweile hat er seit anderthalb Stunden Geburtstag. «Ich hätte mir ein anderes Geschenk gewünscht. Aber wir haben mit Bern Schweizer Eishockeygeschichte geschrieben.»

Ohne Pathos geht es beim Kanadier selbst nach Niederlagen nicht. Aber er hat recht. Ein paar Zahlen dazu: fast 118 Minuten Spielzeit, 73 Paraden von SCB-Goalie Leonardo Genoni, 48 Minuten Eiszeit für Johan Fransson. Genfs Verteidiger stand in dieser Serie über 181 Minuten auf dem Eis, gefolgt von Arcobello mit 166.

Aus Optik der Berner hätte es diesen Rekord nie geben dürfen. Der Favorit führte eine Minute vor Ablauf der normalen Spielzeit 2:0. Servettes Goalie Robert Mayer machte einem sechsten Feldspieler Platz: Tommy Wingels verkürzte, Daniel Winnik glich aus, die Zuschauer drehten im weinroten Bereich. Zum vierten Mal in dieser Serie hatte der SCB eine 2-Tore-Führung preisgegeben – und das innert 17 Sekunden.

Der Qualifikationssieger verarbeitete den Tiefschlag. In der Verlängerung dominierte er über weite Strecken. Aber immer wieder hiess es: Mensch Mayer! Der Torhüter agierte mit einer Konstanz, die ihm die wenigsten zugetraut hatten. Nach Arcobellos Schlusspunkt sagt Mayer: «Ich hätte noch lange weiterspielen können. Irgendwann wäre ich zu Genoni gegangen und hätte ihn gefragt, ob wir Schere, Stein, Papier spielen sollen.»

Genfs Timing, Berns Motor

Für Genf endet auch die siebte Playoff-Serie gegen den SCB mit einer Ernüchterung. Die Equipe wurde von Verletzungen durchgeschüttelt. Just in der wichtigsten Phase hat sie aber das Optimum herausgeholt. Das kann vom SCB nicht behauptet werden. Spieler wie Daniele Grassi und André Heim (je drei Tore) hielten ihn im Viertelfinal über Wasser. «Die vierte Linie war unser Motor», sagt Captain Simon Moser.

«Die Berner haben so viel Klasse und Spielintelligenz. Sie werden wahrscheinlich wieder den Titel holen.»Servette-Coach Chris McSorley

Der SCB darf sich nun aufs Derby gegen Langnau oder Biel freuen. Servette bleibt als klitzekleiner Trost, dem Favoriten alles abverlangt zu haben. «Die Berner haben so viel Klasse und Spielintelligenz. Sie werden wahrscheinlich wieder den Titel holen», sagt McSorley. Über seine Zukunft als Coach in Genf mag er hingegen nicht orakeln. Die neue Clubführung um Präsident Laurent Strawson steht dem Kanadier kritisch gegenüber und liebäugelt mit einem Wechsel. McSorley sagt einzig: «Ich möchte bleiben.» Um 1.30 Uhr verabschiedet er sich. Und steht für einen Moment allein da.

Berner Zeitung

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