«Ich habe zum Fussball dieselbe Beziehung wie Büne Huber»

Marc Lüthi (55), der Geschäftsführer des SC Bern, erklärt im Interview, weshalb für ihn ein Wechsel zu YB nicht infrage kommt. Und er sagt, was passieren muss, damit er für den Nationalrat kandidieren wird.

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Was wünscht sich der CEO desSC Bern zu Weihnachten?Marc Lüthi:Ruhige, gesunde, sportlich stressfreie Weihnachten – und viel Sonne.

Die Hoffnung auf sportlich stressfreie Weihnachten dürfte sich auf jeden Fall erfüllen.Genau das wünsche ich mir. (lacht) Ich hoffe, wir bleiben von der Verletzungshexe verschont. (klopft auf den Holztisch)

Ihrem Anspruch – Erfolg und Unterhaltung – wird die Mannschaft gerecht. Einverstanden?Ja, der Unterhaltungsfaktor ist hoch. Er war sogar bei der Niederlage gegen Kloten vorhanden. (lacht) Die Mannschaft spielt attraktiv, die Spieler ergänzen sich sehr gut. Ich hoffe, wir können ­dieses Niveau konservieren.

In dieser Saison sind Sie in den Medien kaum präsent. Fehlt ­Ihnen die Aufmerksamkeit?(lacht laut) Die fehlt mir überhaupt nicht. Es ist nicht so, dass ich im Erfolgsfall nichts zu tun hätte. Kürzlich sagte NHL-Scout Thomas Roost, Erfolg mache lernbehindert. Dieses Thema ist bei uns allgegenwärtig: Wir streben jeden Tag nach Verbesserungen – im ganzen Unternehmen.

Punkto Personal herrscht beim SCB viel Kontinuität – den Trainer ausgenommen. Macht dies das Streben nach Verbesserungen einfacher oder schwieriger?Das ist ein Vorteil, weil jeder den anderen kennt. Die vier Personen in der Unternehmensleitung (Lüthi, Rolf Bachmann, Sven Rindlisbacher, Richard Schwander; die Red.) haben zusammen 65 Jahre SCB auf dem Buckel. Wir lassen keine Rückschritte zu. Und was den Trainerposten anbelangt, da ist Arno Del Curto die Ausnahme, welche die Regel bestätigt. Ich erinnere mich an Helmut Benthaus: Er war gefühlte 100 Jahre beim FC Basel. Diese Zeiten sind vorbei.

Wie meinen Sie das?Die Welt wird schneller. Früher hat man am Morgen die Zeitung gelesen, am Mittag am Radio die Nachrichten gehört, am Abend die «Tagesschau» verfolgt. Damit war der News-Bedarf gedeckt. Heute hast du alles blitzschnell überall verfügbar. Das macht nicht nur den Medienkonsum, sondern das Leben schneller. Man braucht schneller und häufiger Wechsel.

Vor allem Sie brauchen häufiger Wechsel beim Trainer.Ich bin überzeugt, dass man auch in Bern ein paar Jahre lang mit demselben Trainer arbeiten kann – das Wort «paar» nicht grossgeschrieben. Ich habe die Hoffnung nicht aufgegeben, dass das in meiner Karriere noch passieren wird.

«Einem Amateurclub 30’000 bis 50’000 Franken in die Kasse spielen, das ist unsere ­heilige Pflicht und Schuldigkeit.»

Sie sagten einmal, Ihnen fehle der Mut, beim SCB mit einem Trainer langfristig zusammenzuarbeiten. Weckt Kari Jalonen den Mut in Ihnen?Bringt Kari Jalonen das Team über einen längeren Zeitraum so hin wie jetzt, dann ist es absolut möglich, dass der Mut da sein wird.

In Bern hat der Trainer auch eine kommerzielle Funktion. Lässt sich Jalonens ruhige Art mit diesen Aufgaben vereinbaren?Sein Job ist der Sport. Alles andere ist Zugabe. Es muss nicht jeder ein Larry Huras sein – selbst wenn Larry viele Vorzüge hat. Im Übrigen verfügt Kari Jalonen über viel Humor.

Vor seinem Wechsel nach Bern hiess es, er könne im Bedarfsfall sehr aufbrausend sein.Ja, er soll eine kleine Hannu-Jortikka-Ader haben. Aber die haben wir in Bern noch nicht entdeckt – zum Glück. (lacht)

Vielleicht entdecken Sie die Ader, wenn Sie das nächste Mal in der Garderobe ein Machtwort sprechen möchten.Auftritte von mir in der Garderobe sind nicht an der Tagesordnung.

Bald jährt sich die Garderobenpredigt von Biel.Ich wollte damals von den Spielern wissen, ob ich der Einzige in der Organisation bin, der an die Mannschaft glaubt. Und ohne diesen Frustabbau hätte ich wohl einen Herzinfarkt erlitten. Ob Jalonen so etwas zulassen würde, das will ich gar nicht herausfinden.

Sie haben im Erfolgsfall mehr Distanz, im Krisenfall mehr Nähe zur Mannschaft. Interpretieren Sie so die Rolle des CEO?Die Verantwortung Sport liegt bei Rolf Bachmann. Aber es gehört zu meinem Job, dass ich mich intensiv mit dem Sport beschäftige. Er ist unser Kernbusiness. Ich will wissen, was läuft. Läuft es sportlich nicht, hat das Auswirkung auf das Gesamtunternehmen. Und dort bin ich verantwortlich. Aber wir wollen doch jetzt keinen sportlichen Misserfolg «häreschnure».

Die Verantwortung im Sport­bereich liegt, wie Sie sagen, bei Rolf Bachmann. Aber geht es hart auf hart, entscheiden Sie.Nein.

Wer hat vor der ersten Cuprunde entschieden, mit einem verstärkten Nachwuchsteam bei den Ticino Rockets anzutreten?Das wurde in Absprache mit Kari Jalonen in der Unternehmens­leitung beschlossen und vom Verwaltungsrat abgesegnet. Der Entscheid basierte auf zwei Gründen: hohe Belastung und Priorisierung der Champions Hockey League. Natürlich hofften wir, auch so in Biasca zu gewinnen.

«René Fasel ist ein idealer Gesprächspartner – selbst wenn er ein Freiburger ist.»

Es gibt einen anderen Ansatz: Der Entscheid hatte nichts mit hoher Belastung zu tun, sondern vielmehr mit einem «Töipele» Ihrerseits. Ihnen ging es gegen den Strich, durfte der SCB nicht in der Region antreten.Es war ein strategischer Entscheid. Da ist immer der Verwaltungsrat involviert.

Aber es war ein «Töipele».Das «Töipele» fand tatsächlich statt. Es darf nie mehr sein, dass der SCB in der ersten Cuprunde in Biasca gegen ein Retortenteam an ­treten muss. Das entspricht überhaupt nicht Sinn und Zweck, entspricht nicht dem Geist des Cups. Wiki-Münsingen spielte vor 800 Zuschauern – gegen uns wäre die Halle voll gewesen.

Wäre Bern gegen Wiki ebenfalls mit einer verstärkten Juniorenauswahl angetreten?Wir wären nicht in der Biasca-Zusammensetzung angetreten.

Also war die Belastung eben doch eine Ausrede.Aufgrund der Situation – Spiel in Biasca, Gegner Ticino Rockets – fiel uns der Entscheid sehr leicht. Hätten wir im Bernbiet gespielt, hätten wir uns dies nicht erlaubt. Aus Respekt gegenüber den Amateurclubs aus der Region.

Hat der Cup eine Zukunft?Der Cup ist eine gute Geschichte. Der Wettbewerb ist jung, er muss wachsen. Und manchmal muss man ein Baby erziehen.

Ihr Vorgehen war demnach eine Erziehungsmassnahme.Das ist Ihre Interpretation.

Aber dem Cup fehlen ab Runde zwei Zuschauer und Interesse.Ja, ab Runde zwei bis zum Halb­final, da muss man sich etwas überlegen. Aber die erste Runde ist wertvoll. Einem Amateurclub 30’000 bis 50’000 Franken in die Kasse spielen, das ist unsere heilige Pflicht und Schuldigkeit. Diese Vereine sind wichtig für die NLA-Clubs, für das Schweizer Eishockey. Schon nur, was die Talent­erfassung anbelangt.

Die NLB hingegen scheint den NLA-Clubs weniger wichtig zu sein. In dieser Zusammensetzung mit einigen Ambitionierten und Farmteams hat sie jedenfalls keine Zukunft.Jein. Die NLB-Clubs jammerten wie blöd, als es in der Liga zu wenig Teams hatte. Nun sind Farmteams aus Zug und aus dem Tessin da. Klar: Die Situation ist für gestandene NLB-Vereine unbefriedigend. Aber das Füfi, das Weggli und die Bratwurst gibt es selten. Sonst muss man sich damit abfinden, eine Achterliga zu haben, bestehend aus ambitionierten Vereinen. Viele B-Ligisten träumen vom Aufstieg, das ist gut und recht. Aber fairerweise muss festgehalten werden: Bis auf Rapperswil und mit Abstrichen Olten hat keiner die notwendige Infrastruktur.

Oft wird argumentiert, diese sei in Ambri auch nicht vorhanden.Das Argument kann ich nicht hören. Ambri ist seit je in der NLA, Ambri hat Tradition, Ambri hat Pläne. Was für mich klar ist: Das Nadelöhr NLA/NLB muss offen bleiben. An eine geschlossene Liga glaube ich nicht. Aber: Das Nadelöhr muss eng sein.

Sie machen es noch enger, indem Sie befürworten, die Ligaqualifikation mit vier Ausländern spielen zu lassen. Die NLB-Clubs haben nur zwei Ausländer.Ein NLA-Club, der im Seich ist, muss wegen einer Solidaritätsgeschichte in der wichtigsten Phase der Meisterschaft auf zwei seiner teuersten Mitarbeiter verzichten. Das kann nicht sein. Wer aufsteigen will, der soll entsprechend planen und investieren. Dazu gehört künftig, in vier oder zumindest in drei Ausländer zu investieren.

Sprechen wir über die Champions Hockey League. Im Viertelfinal spielt der SCB gegen Sparta Prag. Was erwarten Sie?Ich bin extrem stolz auf das, was die Mannschaft bereits erreicht hat. Und ich hoffe, wir werden auch Prag bezwingen. Ein Halbfinal gegen die ZSC Lions, das wäre eine grossartige Sache.

«Wir haben ein Modell entwickelt, welches ohne Mäzene funktioniert. Das macht Spass.»

Seit Sie die Allianz europäischer Eishockeyclubs präsidieren, ist Ihnen der Wettbewerb wichtig.Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Der Allianz gehören mittlerweile über 80 Clubs an, deren Interessen wir gegenüber dem Weltverband IIHF vertreten.

Und Sie sind der ideale Präsident, weil Sie einst mit Bern gegen die IIHF vor Gericht zogen.Vielleicht. Ich war Persona non grata bei der IIHF. Mittlerweile ist der Kontakt mit Präsident René Fasel wieder gut. Er versteht un­sere Anliegen, kann sie nachvollziehen. René Fasel ist ein idealer Gesprächspartner – selbst wenn er ein Freiburger ist. (lacht)

Und weshalb geniesst die Champions Hockey League für den SCB neuerdings Priorität?Weil wir einen Coach haben, der Europäer ist, der Sinn und Zweck des Wettbewerbs versteht. Wir haben uns aus sportlichen Gründen pro Champions Hockey League entschieden. Selbst wenn mein Finanzherz nach jeder Runde blutet.

Sie geben gerne Auskunft über Zahlen: Wie hoch wird das De­fizit nach dem Viertelfinal sein?Eben: Ich gebe gerne Auskunft . . .

Das Geld für den Sport erwirtschaftet der SCB in der Gastronomie. Hat sich das Konzept Beef-Burger-Kette bewährt?In der Welle 7 haben wir endlos ­Erfolg damit. In der Marktgasse wird es Anpassungen benötigen.

Was denken Sie: Wie viele Kunden wissen, dass das Geld für einen Burger letztlich dem SCB zugute kommt?Das weiss ich nicht, und es ist mir egal. Wer weiss schon, was wirklich alles zu Nestlé gehört.

Ganz egal scheint es Ihnen nicht zu sein. Offenbar möchte der SCB mit dem Burger-Konzept nach Zürich expandieren. Sie sind sich aber im Unklaren dar­über, ob ein SCB-Gastronomiebetrieb in Zürich goutiert würde.Das interessiert niemanden. Der Hamburger muss gut sein. Punkt.

Also werden Sie in Zürich eine Filiale eröffnen.Kann sein. Wir prüfen Standorte in der ganzen Schweiz.

Sie sind auf Mehreinnahmen aus der Gastronomie angewiesen, weil die Lohnsumme für die erste Mannschaft erhöht wurde.(überlegt) Wir investieren mehr in die Mannschaft, weil wir gegenüber unseren Zuschauern den ­Anspruch haben, ein kompetitives Team zu stellen – zumindest auf dem Papier. Aber bei den Löhnen können wir nicht mit jedem Club mithalten. Wie Sie wissen, gibt es einen neuen Player auf dem Markt, der endlos Geld bietet.

Haben Sie ein Problem mit Lausannes Transferpolitik?Es geht nicht um Lausanne, sondern um Kloten. Dort haben einige Herren etwas versucht, wollten den Club gar ins Wallis zügeln und sind dann einfach in Richtung Lausanne abgehauen. Hätte Hans-Ulrich Lehmann Kloten nicht übernommen, der Club wäre sang- und klanglos verschwunden. Nun wollen dieselben Herren in Lausanne etwas aufbauen. Ich hoffe, dass sie nach zwei Jahren nicht wieder die Schnauze voll haben, eine teure Mannschaft und viele Probleme hinterlassen.

«Bei den Löhnen können wir nicht mit jedem Club mithalten. Wie Sie wissen, gibt es einen neuen Player auf dem Markt, der endlos Geld bietet.»

Denken Sie bei solchen Geschichten: «Zum Glück sind wir nicht von Mäzenen abhängig»?Wir haben ein Modell entwickelt, welches ohne Mäzene funktioniert. Das macht Spass. Wir wissen, dass wir jeden Franken selbst verdienen müssen, dass jeder im Unternehmen zum Geld Sorge tragen muss. Nur, ab und an wäre es nett, könnten wir zu einem Mäzen sagen: Diesen Spieler holen wir, koste es, was es wolle. Das macht ganz selten etwas eifersüchtig.

Der Stadtkonkurrent YB wird von Mäzenen alimentiert. Sind Sie eifersüchtig auf YB?Uh, nein.

Was ging Ihnen beim Führungstheater von YB durch den Kopf?Niemand ist vor Fehlern gefeit. Es tat mir leid für jene, die das ­Beste für den Verein wollen. Shit happens. Aber du musst die ­Lehren ziehen und es besser ­machen.

Einige in Bern denken: Der Lüthi als CEO von YB, das wäre was.Nein.

Weshalb nicht?Ich habe zum Fussball dieselbe ­Beziehung wie Büne Huber.

Wie wichtig ist ein kompetitives YB für den SCB?Es braucht zwei erfolgreiche Sportunternehmen in Bern. Zumal YB, so fair müssen wir sein, der Stadtclub ist. Wir bewegen zwar in der Stadt, haben aber mehr Fans aus der Agglomeration. Unsere Fankultur reicht vom Oberwallis bis zum Baregg – Seeland und Emmental ausgenommen.

Und wie wichtig ist ein sportbegeisterter Stapi oder eine sportbegeisterte Stapi für den SCB?Mit Alex (Tschäppät; die Red.) haben wir einen Stapi, mit dem es auf persönlicher Ebene zu Beginn nicht einfach war. Mittlerweile ist die Zusammenarbeit hervorragend. Wir konnten aufeinander zählen. Schade, geht er.

Werden Sie ihn vermissen?Nochmals: Schade, geht er. Ob wir ihn dann vermissen werden, hängt von der Zusammenarbeit mit seiner Nachfolgerin oder seinem Nachfolger ab.

Wen bevorzugen Sie als Nachfolger: Ursula Wyss oder Alec von Graffenried?Ich habe jemanden, den ich bevorzuge. Aber das sage ich nicht öffentlich. Wir haben einst entschieden, dass der SCB politisch neutral sein muss, nachdem wir einem angehenden Nationalrat . . .

. . . Simon Schenk von der SVP . . .. . . unsere Adressen herausgegeben hatten. So etwas werden wir nie mehr tun. Der Entscheid war losgelöst von Parteipolitik. Wir dachten: Ein Hockeyler im nationalen Parlament, das wäre wichtig. Die Aktion war ein Fehler.

2012 wollte die Berner SVP Sie auf die bürgerliche Liste für die Gemeinderatswahlen setzen.Ich bin nicht überzeugt, dass das die richtige Partei für mich wäre.

Damals war auch Tierparkdirektor Bernd Schildger angefragt worden. Er lehnte ab, um vier Jahre später doch zuzusagen. Ergo: Sag niemals nie.Ich kandidiere für den Natio­nalrat, sobald wir drei Jahre in ­Folge Meister geworden sind. Aber mit 85 Jahren wird niemand ­gewählt. (lacht)

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