«Ich fühlte mich blossgestellt»

Nach seiner Freistellung als Langnau-Trainer spricht Benoît Laporte vom härtesten Jahr in seiner Trainerkarriere. Der 55-Jährige verrät, dass er im Dezember ein Angebot ausschlug, seinen Vertrag zu verlängern.

Empfand seine Arbeit bei den Tigers nicht wertgeschätzt: Benoît Laporte.

Empfand seine Arbeit bei den Tigers nicht wertgeschätzt: Benoît Laporte.

(Bild: Keystone)

Am Montagmorgen wurden Sie als Tigers-Coach freigestellt. Was wurde Ihnen vorgeworfen?
Benoît Laporte: Der Klub will einen neuen Impuls setzen. Ich muss das akzeptieren. Das Gespräch mit Sportchef Jörg Reber und Geschäftsführer Peter Müller war kurz. Danach ging ich sofort ins Fitnesscenter, Gewichte stemmen.

Hatten Sie bereits am Sonntag damit gerechnet, Ihren Job zu verlieren?
Als mir mitgeteilt wurde, dass die Mannschaft am Montag um 10 Uhr für ein Meeting aufgeboten wurde, sagte ich zu meiner Freundin: «Chérie, ich werde entlassen.» Wir öffneten später eine gute Flasche Rioja, diskutierten über unsere Pläne, riefen Freunde an. Jeder Trainer weiss, dass er seinen Job schnell los sein kann, aber das Gefühl ist natürlich nicht gut.

Sind Sie sehr frustriert?
Klar, vor allem ist das Ganze bitter. Wissen Sie: Ich arbeite sehr gerne, bin immer früh im Büro, sehe mir Videos an, versuche alles Mögliche aufzusaugen. Und dennoch hat ein Trainer oft das Gefühl, dass die eigene Arbeit nicht als gut befunden wird, im Umfeld stets nach dem schlechten gesucht wird. Darum muss ich meine Situation überdenken.

Wie meinen sie das?
Erhalte ich für die nächste Saison kein spannendes Angebot, werde ich eine Pause einlegen. Meine Lebenspartnerin und ich haben ein Wohnmobil gekauft, wir wollen uns auch einen Hund anschaffen. Wir könnten dann neun Monate lang durch Europa reisen, ein Sabbatical einlegen. Nach 22 Trainerjahren ist es womöglich an der Zeit, herauszufinden, ob der Job noch immer meine Berufung ist. Denn die letzten Monate waren wirklich extrem intensiv.

Inwiefern?
Der Beginn war brutal. Der Geist von Aufstiegstrainer Bengt-Ake Gustafsson schwebte noch immer durch die Halle, viele Leute im Umfeld begegneten mir mit grosser Skepsis. Nachdem ich diese Bürde etwas abgeschüttelt hatte, wurde es besser und ich erhielt Ende Dezember gar ein Angebot, den Vertrag zu verlängern.

Warum lehnten Sie die Offerte ab?
Es ging ums Geld. Ich verlangte eine überschaubare Lohnerhöhung. Doch wir fanden uns nicht. Später wurde mir mitgeteilt, dass es erst nach der Saison wieder Vertragsgespräche geben würde. Von diesem Zeitpunkt an fühlte ich mich nicht mehr so wohl; ich hatte oft den Eindruck, man versuche bei mir alles Negative hervor zu streichen. Deshalb bin jetzt zwar sehr enttäuscht, irgendwie aber auch erleichtert. Der Druck ist endlich weg von den Schultern, nun werde ich wieder schlafen wie ein Baby.

Hadern Sie damit, vor Weihnachten nicht doch verlängert zu haben?
Überhaupt nicht! Als ich in Langnau unterschrieb, wusste ich, dass ich in finanzieller Hinsicht Einbussen machen muss. Der Lohn war etwa gleich wie zuvor in Deutschland, aber das Leben hier ist ja viel teurer. Aber ich wollte in die Schweiz, die Liga ist sehr attraktiv, der Lebensstandard ist hoch. Doch einfach einen Vertrag zu unterzeichnen, um Sicherheit zu haben, halte ich für Blödsinn.

Es ging Ihnen also um Respekt.
Stimmt. Ich wollte Anerkennung für meine Arbeit, daher forderte ich ein wenig mehr Geld.

Was müssen Sie sich vorwerfen lassen?
Klar, ich nahm viele Linienwechsel vor, aber wegen dem riesigen Verletzungspech während der ganzen Saison ging das nicht anders. Vielleicht hätte ich mehr Feedbacks aus der Garderobe einholen sollen. Zu hart mit den Spielern war ich sicher nicht.

Und doch haben sich offenbar Spieler über Ihren rauen Führungsstil beschwert…
…es hat auch solche, die sagten, ich sei sehr ruhig geworden. Ich hielt mich jedenfalls ziemlich zurück. Ich wusste, dass ich in dieser Sache Vorsicht geboten war.

Weil die Spieler in Langnau viel Macht haben.
Sie sind in der Region sehr populär, haben Einfluss auf die Klubpolitik. Ich gab mir Mühe, jeden Profi besser zu machen, zu disziplinieren. Manchmal äusserte ich über den einen oder anderen Kritik, es kam dann vor, dass diese kurz darauf neue Verträge unterschrieben. Das verwunderte mich ziemlich. Aber verstehen Sie mich nicht falsch: Die Tigers sind eine tolle Equipe.

Glauben Sie, dass das Team in Ambri gegen Sie gespielt hat?
Quatsch! Die Mannschaft war mental einfach nicht bereit, das fing bei den schwachen Goalies an. Einige gingen nicht mit der nötigen Seriosität ins Spiel. Sie dachten wohl, weil Ambri den Ligaerhalt schon geschafft hat, wird kaum Gegenwehr kommen.

Sportchef Jörg Reber sprach nach dem Match 75 Minuten zum Team, Sie mussten vor der Garderobe warten. Was ging Ihnen durch den Kopf?
Ich fühlte mich blossgestellt.

Was geschah genau?
Ich sass da, dachte mir, dass Reber ein paar Minuten aufs Team einreden würde. Das hätte ich gut gefunden. Doch dann kam er einfach nicht mehr aus der Garderobe raus. Als sich die Türe dann öffnete, sprach er zuerst mit den Journalisten, was mich störte. Ich fragte ihn, ob ich jetzt nicht etwas mehr Respekt verdient hätte.

Nach den Interviews aber sprach er mit Ihnen?
Ja, wir unterhielten uns kurz. Er sagte, er dürfe mit dem Team sprechen, er sei der Boss. Da hat er absolut recht. Ich fragte ihn, wie ich nun am Montag vors Team stehen solle, ob er noch wirklich das Gefühl habe, dass ich nach dieser Aktion glaubwürdig sei.

Was antwortete er?
«Doch, das geht schon.»

Ihr Assistent Rolf Schrepfer wird weiterbeschäftigt…
…sein Vertrag läuft bis 2017.

Sie wussten lange nicht, dass er einen Vertrag über zwei Saisons besitzt.
Ja, und ich sehe die Logik dahinter nicht.

Wie gut arbeiteten Sie zusammen?
Zu Beginn war es nicht einfach, weil «Schrumm» wenig Englisch spricht. Danach wurde es immer besser, wir schafften eine sehr gute Vertrauensbasis. Ich bin mir sicher, dass er ehrlich mit mir war, obwohl er sich mit dem Sportchef sehr gut versteht.

Wie geht es nun weiter? Ich fahre jetzt nach Frankreich, gehe einen Freund besuchen. Die nächste Woche werde ich in der Schweiz verbringen, letzte Vertragsdetails mit den SCL Tigers besprechen, sicher ein Playoff-Spiel in Lugano schauen, vielleicht auch in Bern. Und nun habe ich immerhin viel Zeit, an meinem Buch zu schreiben.

Handelt es sich um eine Biographie?
Es wird ein Buch über mein Leben als Trainer. 40 Seiten habe ich schon, gut 100 sollen es werden. Langnau wird ein spannendes Kapitel. Es war schön hier, aber wegen des Drucks und den Umständen gleichzeitig auch das härteste Jahr in meiner Karriere.

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