«Ich bin ein demokratischer Diktator»

Seit Mike McNamara das Traineramt übernommen hat, läuft es dem EHC Biel wie am Schnürchen. Im Interview spricht der 67-jährige Kanadier über sein Alter, seine Art zu coachen und den Stempel, welchen man ihm aufgedrückt hat.

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Nervt es Sie eigentlich nicht, ständig auf Ihr Alter angesprochen zu werden?Mike McNamara: Ich verstehe diese Frage. Ich bin halt 67-jährig, aber gesund, für mein Alter ziemlich fit, und die Energie fehlt mir nicht, deshalb sehe ich kein Problem. Und Scotty Bowman hat mit knapp 70 Jahren ein NHL-Team geführt, alles ist möglich. Nächstes Jahr arbeite ich jedenfalls noch, ob als Cheftrainer oder im Nachwuchs, spielt keine Rolle. Ich habe nach wie vor Lust auf Eishockey.

Bis Saisonende haben Sie nun einen Vertrag als NLA-Head­coach unterzeichnet . . . . . . mein Vertrag wurde per Handschlag gemacht. Ich vertraue Martin Steinegger und Daniel Villard (Sportchef und Manager des EHC Biel; die Red.). Ich brauche keinen Vertrag.

2014 wechselten Sie in die ­Juniorenabteilung des EHC Biel. Hatten Sie damals mit dem ­Spitzensport abgeschlossen? Ich war immer bereit, eine andere Rolle zu übernehmen. Zuvor in Lausanne und in Lugano war ich Assistenztrainer der ersten Mannschaft gewesen, aber Kevin Schläpfer hatte diesen Posten bereits besetzt. Und ich hatte genug mit dem Nachwuchs zu tun, da ich mit mehreren Teams arbeitete, Kontakte zu unseren Partnervereinen pflegte.

Rechneten Sie damit, nochmals ein NLA-Team zu coachen? Nein, nein. Es war ähnlich wie 2011 in Lugano, das hatte ich damals auch nicht erwartet (er folgte interimistisch auf den entlassenen Philippe Bozon; die Red.). Weil ich eine gewisse Erfahrung als NLA-Assistenz- und -Headcoach habe, dachte die Klubleitung wohl, dass ich das Team für zwei, drei Spiele trainieren, ihr damit etwas Zeit geben kann, den richtigen Mann zu finden. Jetzt haben wir ein wenig Erfolg, und die Mannschaft ist zufrieden. Nun haben die Verantwortlichen mehr Zeit, den richtigen Mann zu finden.

Haben Sie gezögert, als Martin Steinegger Sie darum bat, die erste Mannschaft bis Ende ­Saison zu trainieren? Nein. Ich bin sehr zufrieden, arbeite gerne mit diesen Spielern zusammen. Und jeder Trainer ist am liebsten auf dem höchsten Niveau tätig, das ist doch normal. Es gibt zwar viel zu tun, aber diese Arbeit ist für mich sehr moti­vierend.

Unter Ihrer Leitung hat der EHC Biel nun acht von zwölf ­Partien gewonnen. Hand aufs Herz: Hatten Sie erwartet, dass das Team nach der Entlassung von Langzeitcoach Schläpfer dermassen aufblüht? Ich bin generell eine sehr optimistische Person. Meine Frau ist da anders. Sie ist sehr nervös, stellt den Fernseher ab, wenn wir in Rückstand liegen, und ins Stadion kommt sie sowieso nicht mehr, seit ich Trainer bin. (lacht) Sie denkt: Hoffentlich verliert ihr nicht. Ich denke: Wir werden gewinnen, jedes Spiel. Wir haben als Mannschaft einen Plan, und wenn wir diesen befolgen, haben wir gegen jeden Gegner eine Chance.

Das klingt simpel. Guter Plan, gutes Training, die Grundprinzipien verstehen und dann Vollgas geben – das ist meine Devise. Spielen wir gegen Bern, dürfen wir nicht Angst ­haben, weil Bern Erster ist und wir vor 16 000 Zuschauern antreten müssen. Wir wissen schliesslich, wie Bern spielt, das haben wir auf dem Video gesehen. Vorbereitung macht 90 Prozent des Erfolges aus.

«Es ist sinnlos, wenn ich von einem Spielsystem überzeugt bin, die Spieler es jedoch nicht sind.»

Also hat Sie der Lauf, den das Team nun hat, nicht überrascht? Nein, ich war überzeugt davon, dass wir Erfolg haben würden. Aber: Wir haben natürlich auch ein wenig Glück gehabt und Spiele gewonnen, in denen wir nicht so gut waren. Andererseits verloren wir Partien, in denen wir besser als die Gegner waren. Die ­Erwartungen sind sehr wichtig.

Wie meinen Sie das? Wir probieren, den Fokus auf unserem Spiel zu halten – egal, ob es 2:0 oder 0:3 steht. Wir erwarten einfach, dass wir die Partie für uns entscheiden werden. Vorher gab es vielleicht einen blöden Fehler eines Spielers, und dann war das Team demoralisiert.

Das ist letztlich eine Frage des Coachings. Was machen Sie ­anders als Schläpfer? Ich muss ruhig bleiben. Kevin ist ein anderer Typ, sehr emotional, doch er hatte auch Erfolg. Macht ein Spieler einen Fehler und kommt danach auf die Bank, diskutieren wir. Ihm muss klar sein, was zu diesem Fehler geführt hat und was er verbessern kann. Vielleicht hatte er eine falsche Körperposition, deshalb einen Fehlpass gespielt. Im Sport ist Feedback oftmals negativ, das muss man ändern.

Also geben Sie nie negative Rückmeldungen an Ihre Spieler? Doch, sicher. Analysieren wir eine Partie per Video, zeige ich vielleicht 25 Szenen, 8 davon sind negativ. Ich muss diese Fehler zeigen, wir müssen daraus lernen. Doch ich werde deswegen nie einen Spieler beschimpfen. Die 17 anderen Clips zeige ich dann, um zu demonstrieren, was wir richtig gemacht haben und weiterhin so machen müssen. Lege ich den Fokus auf das Negative, bleibt das in den Köpfen der Spieler hängen, und das ist nicht gut.

Haben Sie immer so gecoacht, oder ist das eine Frage der ­Erfahrung? Ich bin heute ein besserer Coach als früher. Ich war damals vielleicht autoritärer, jetzt arbeite ich eher mit den Mitspielern zusammen, will zuerst ihre Meinung hören. Ich bin ein demokratischer Diktator. (lacht) Letztlich muss ich die Verantwortung übernehmen, das Team erwartet das. Es will einen Trainer, der ein gewisses Selbstvertrauen hat, überzeugt von dem ist, was er macht. Aber es ist sinnlos, wenn ich von einem Spielsystem überzeugt bin, die Spieler es jedoch nicht sind. Also müssen wir einen Kompromiss finden, dafür habe ich einen Spielerrat.

«Also hiess es: Mike McNamara kann junge Spieler entwickeln, und er ist ein Feuerwehrmann. Aber Meister wird er nie, er ist kein Mann für Bern  oder Lugano.»

Sie haben mit vielen Trainern zusammengearbeitet. Von wem haben Sie am meisten gelernt? Ich habe von allen etwas gestohlen. (lacht) Unser Angriffsspiel beispielsweise ist ähnlich wie das von Davos, wir wollen schnell einen Gegenangriff auslösen, Überzahlsituationen schaffen. Aber wir tun das total anders als der HCD. Ich habe in Lausanne mit Heinz Ehlers zusammengearbeitet, er hat ein sehr gutes ­Defensivsystem. Einige Dinge davon brauche ich auch, und doch spielen wir total anders.

Sie haben jahrelang im Juniorenbereich und als Assistenzcoach gearbeitet, jedoch länger nicht mehr als Headcoach in einer höheren Liga. Weshalb? Ich weiss nicht warum, vielleicht war ich einfach nicht so gut. Trainer sein heisst, eine sehr, sehr lange Lehre zu absolvieren. Und irgendwann drückt man dir einen Stempel auf. Bei Gottéron erhielt ich nach einer Saison eine sehr junge Mannschaft, wir quali­fizierten uns trotzdem für die Playoffs. Also hiess es: Mike McNamara kann junge Spieler entwickeln, und er ist ein Feuerwehrmann. Aber Meister wird er nie, er ist kein Mann für Bern oder Lugano.

Das klingt jetzt ein wenig ­fatalistisch . . . . . . Lausanne wollte damals einen erfahrenen Assistenztrainer neben Gerd Zenhäusern und engagierte mich. Unter Ehlers war ich dann für die Verteidiger zuständig. Warum? Weil das meine Reputation ist. Ich habe während vielen Jahren diverse Eishockeyschulen besucht, Grundtechniken erlernt. Zudem habe ich meine Trainingsmethoden ständig angepasst. Ich bin als Spielerentwickler bekannt. Vielleicht kann das künftig meine Rolle in Biel sein: Als Assistenztrainer und im Nachwuchs tätig sein sowie an der individuellen Entwicklung der Spieler arbeiten.

Wie würden Sie reagieren, wenn die Klubleitung Sie als NLA-Headcoach halten wollte? Ich habe einen Vertrag für den Nachwuchs, bin Ausbildungschef und Novizentrainer. Dazu gibt es eine Klausel, die besagt, dass mich der Verein für andere Aufgaben anfragen kann. Wie gesagt, die erste Mannschaft habe ich per Handschlag übernommen.

Und wenn Sie Biel in die Playoffs führen sollten? Ich werde 68 Jahre alt. Dieses Jahr ist für mich wie ein Geschenk, das ich nie erwartet hätte. Könnte ich das Team auch nächste Saison führen? Davon bin ich überzeugt, ich bin ein viel besserer Trainer, als ich es bei Gottéron war. Ich nenne mich selbst Grossvater, das ist bei uns ein Running Gag. Der Grossvater schreit nicht oft, aber man muss ihm zuhören. Die Spieler sehen mich in erster Linie als Trainer, beurteilen meine Arbeit. Ob ich nicht mehr so gut höre oder eine Brille brauche, ist für sie nicht wichtig.

«Ich nenne mich selbst Grossvater, das ist bei uns ein Running Gag.  Der Grossvater schreit nicht oft, aber man muss  ihm zuhören.»

Was ist mit dem EHC Biel in ­dieser Saison möglich? Unser Ziel sind 70 Punkte, damit sollten wir die Playoffs erreichen. Ist mehr möglich? Sicher! Ich glaube, dass wir noch nicht unser bestes Eishockey gezeigt haben. Wir sind noch nicht so konstant, aber ich sehe je länger, je mehr Phasen, in welchen das Team sehr intelligent und kompakt spielt. Wir haben grosse Verteidiger, sehr schnelle, technisch versierte Stürmer. Mit Gottéron haben wir 1990 in den Viertelfinals beinahe Bern eliminiert – mit Kindern, einer sehr jungen Mannschaft. Wenn wir weiterhin gut trainieren, uns weiter entwickeln und uns jeden Tag ein wenig verbessern, wo sind wir dann in zwei, drei Monaten?

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