Hirn statt Härte

Antti Törmänen steht mit Biel auf der Sonnenseite – und wird die Schatten der Vergangenheit nicht los.

Wenn es heisst, er sei zu nett, verweist Antti Törmänen auf die Resultate – die beeindrucken.<br>Foto: Freshfocus

Wenn es heisst, er sei zu nett, verweist Antti Törmänen auf die Resultate – die beeindrucken.
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Reto Kirchhofer@rek_81

Auf dem Teller eine Piccata mit Spaghetti, darunter ein Tischset mit Biels Verteidiger Marco Maurer und dem Zitat: «Ich bin härter als meine Knochen.» Antti Törmänen liest den Satz auf Deutsch – ein bisschen Übung muss sein – und sagt auf Englisch: «Auch ich war als Spieler ein harter Kerl. Und ich kann als Trainer ein harter Kerl sein.»

Doch Können und Wollen sind keine nahen Verwandten. Als Törmänen im November 2013 in Bern entlassen wurde, sagte er: «Ich hätte einigen Spielern das Leben zur Hölle machen können. Aber ich will in diesem Geschäft nicht zum Monster werden. Ich will jeden mit Respekt behandeln und mit gutem Gewissen einschlafen können.»

Seit vergangenem Dezember ist Törmänen Trainer in Biel. Beim Mittagessen erwähnt der 48 Jahre alte Finne seine harte Seite nicht zufällig. Er weiss um seinen Ruf, der seit den Stationen als Headcoach in Bern und in Helsinki nachhallt: smart, kompetent, aber zu nett, zu wenig konsequent. Wer in Helsinki bei Journalisten der grössten Tageszeitung «Helsingin Sanomat» nachfragt, kriegt Rückmeldungen wie: «Antti vertraut den Spielern, dass sie hart genug trainieren, weil sie besser werden wollen. Das funktioniert auf Dauer nicht.» Und SCB-Geschäftsführer Marc Lüthi erwähnte vor kurzem im «SonntagsBlick»: «Antti hat einfach das Team verloren. Er ging nach Finnland. Dort passierte ihm dasselbe. In Biel kommt das nicht mehr vor. Antti ist lernfähig.»

Keine Wohlfühloase in Biel

Törmänen mag sich zu Lüthis Aussage nicht konkret äussern. «Alle Schweizer sind reich. Jeder Finne schweigt. Jede Miss Finnland ist schön, aber dumm. Antti Törmänen ist weich . . . Ich kann mit eindimensionalem Denken nicht viel anfangen.» Lieber verweist er auf die Zahlen. Im ersten Jahr als SCB-Cheftrainer führte Törmänen die Mannschaft in den Playoff-Final, im zweiten zum Titel. Eine Berner Mannschaft, so viel Vergleich muss sein, die günstiger und qualitativ schwächer war als die heutige. IFK Helsinki gewann in der zweiten Saison unter Törmänen zum ersten Mal in der Clubgeschichte die Qualifikation. Im Playoff erreichte das Team den Final – im Folgejahr den Halbfinal. Auch mit Biel ist Törmänens Bilanz hervorragend: dritter Qualifikationsrang und Playoff-Halbfinal 2017/18, Tabellenführer nach zwölf Partien in der laufenden Saison. Sportchef Martin Steinegger sagt: «Törmänen ist nahe beim Team, aber trotzdem konsequent. Es ist keine Wohlfühloase. Aber du fühlst dich als Spieler wohl, weil wir ein attraktives Eishockey spielen.» Verteidiger Beat Forster sagt: «Törmänen macht die Spieler besser, gibt ihnen Rollen, in denen sie wachsen können. Und er ist zu allen gleich.»

Als Eishockeyprofi fiel Törmänen mit Härte und Spielverständnis auf. Er kam auf 50 NHL-Partien für Ottawa, wurde mit Finnland 1995 Weltmeister, führte Jokerit Helsinki als Captain an. Neben dem Eishockey arbeitete er als Aushilfslehrer, unterrichtete Mathematik und Sprachen. Später studierte er Wirtschaft, liess sich im Bereich Führung und Leadership ausbilden. Nach der Karriere verkaufte der Finne Inserate für eine Finanzzeitung. 2010 stieg er bei Vaasa in der zweithöchsten Liga ein. Er wurde Cheftrainer, Sportdirektor, Mitbesitzer – und bald von Sven Leuenberger in die Schweiz geholt.

Kopfarbeit in der Familie

Ehefrau Minna ist ausgebildete Pädagogin. Mir ihr tauscht sich der Coach intensiv über das Verhalten der Menschen aus, darüber, welche Reaktionen er mit welchem Auftritt und welchen Worten bei den Spielern bewirken kann. Seine Philosophie hat der zweifache Familienvater einst mit den Schulsystemen in der Schweiz und in Finnland in Zusammenhang gestellt. In der Schweiz werde den Kindern rasch ein Lösungsweg präsentiert. In Finnland würden Start und Ziel vorgegeben. «Den Weg aber sollen die Kinder suchen. Jene, die ihn finden, werden besser sein als jene, die ihn vorgezeigt erhalten und auswendig gelernt haben.»

Diese Herangehensweise brachte Törmänen in Bern und Helsinki Erfolg mit einem Haltbarkeitsdatum von rund zwei Jahren. Aus den schwierigen Zeiten nahm er eine Erkenntnis mit: «Klar hätte ich härter durchgreifen können. Aber ich hätte vor allem noch mehr Einfluss auf die Spieler nehmen, sie noch intensiver an ihre Stärken erinnern sollen. Eine Mannschaft ist nur dann erfolgreich, wenn jeder seine Stärken einbringen kann.»

Eben doch ein Softie, ein Spielerversteher? Antti Törmänen lacht. Und sagt: «Was zeichnet im modernen Eishockey einen guten Spieler aus? Schnelle Hände, schnelle Beine – aber am wichtigsten ist ein schnelles Hirn.»

Hirn statt Härte. Darauf kommt es an.

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