Für ein bisschen mehr Sicherheit im Eishockey

Um das Verletzungsrisiko zu verringern, müssen die Nationalliga-Klubs bis in zwei Jahren belastungsreduzierende Banden installieren. Der SC Bern hat dies bereits getan, die Spieler sind überzeugt vom neuen Modell.

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Marco Oppliger@BernerZeitung

Wenn das eigene Team Mühe hat, die Partie vor sich hinplätschert, es im Stadion still ist – dann kann eine krachende Körpercharge binnen Sekunden Emotionen auf dem Eis und den Rängen wecken. Ein Eishockeymatch ohne Bodycheck? Undenkbar!

Allerdings hat sich die Sportart in den letzten Jahren rasant entwickelt. Die Spieler sind schneller und athletischer geworden, die Wucht bei einem Aufprall ist entsprechend grösser. Um das Verletzungsrisiko zu verringern, werden deshalb ab der Saison 2018/2019 für alle Nationalliga-Vereine belastungsreduzierende Banden Pflicht. Bis jetzt verfügen lediglich Lugano, Lausanne, Biel und Bern über solche sogenannt «flexiblen» Systeme.

Nun hat Swiss Ice Hockey im Sommer zusammen mit der Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU) und der Pat-Schafhauser-Stiftung fünf verschiedene belastungsreduzierende Banden getestet und mit einer starren Referenzbande – ein ähnliches Modell wie das alte in der Postfinance-Arena – verglichen. Die Tests, welche im Dynamic Test Center in Vauffelin unter anderem mit Crashtest-Dummies – lebensgrosse Puppen, mit denen die Auswirkungen von Verkehrsunfällen auf den Körper simuliert werden – durchgeführt wurden, haben Pioniercharakter. Obwohl in der NHL, an internationalen Grossanlässen, in Finnland und Schweden belastungsreduzierende Banden längst obligatorisch sind, wurden diese nie so umfassend getestet.

Video zu den Bandentests mit einem Crashtest-Dummy im Dynamic Test Center in Vauffelin. Quelle: bfu

Wie eine Betonwand

Das Resultat dieser Untersuchung ist auf den ersten Blick wenig überraschend: Alle belastungsreduzierenden Modelle haben im Vergleich mit der alten Bande besser abgeschlossen. «Bei einem Check hat diese überhaupt nicht nachgegeben», sagt SCB-Verteidiger Beat Gerber. Berns Stürmer Scherwey zieht diesbezüglich den Vergleich mit einer Betonwand: «Bist du mit voller Wucht reingeprallt, hast du den Schlag richtig gefressen.»

Bei den Tests wurden die Bereiche Auslenkung, Steifigkeit, Energieabsorption und effektive Masse gemessen. Überdies wurde die biomechanische Belastung für den Dummy untersucht und eine Bewertung vorgenommen. «Dieser Punkt ist für uns bedeutend», sagt Hansjürg Thüler, Leiter Sport bei der BfU. Denn: Bei einem Aufprall an einer neuen Bande war die Belastung für den Dummy deutlich geringer als beim alten Modell.

Die seit dieser Saison in Bern installierte Bande ist halb so hart wie ihre Vorgängerin. Dies vorab, weil der untere Teil 15 Zentimeter tiefer ist, dafür der Anteil des Plexiglases erhöht wurde – was sich positiv auf die Auslenkung auswirkt. Ein Beispiel: Wurde ein Spieler letzte Saison in Bern kopfvoran in die Bande gecheckt, wirkte auf seinen Kopf eine träge Masse von 153 kg ein, beim neuen Modell sind es zwar 90 kg weniger – aber eben immer noch 60 kg. Das sei durchaus positiv, sagt Thüler (siehe Interview), aber es erkläre auch, weshalb Kopfverletzungen mit den neuen Banden nicht vermieden werden können.

SCB machte Kehrtwende

Beat Gerber jedenfalls rühmt das neue Bandensystem. «In den Ecken und hinter dem Tor gibt es bei einem Aufprall extrem nach», erklärt er. «Ich spüre das gerade im Schulterbereich, er wird deutlich weniger zusammengedrückt als vorher.» Die Gesundheit der Spieler stehe im Vordergrund, betont Tristan Scherwey. «Wenn durch diese Banden zwei, drei Verletzungen pro Saison vermieden werden können, macht das Sinn.» Er hofft deshalb, dass die anderen Klubs die belastungsreduzierenden Banden vor 2018 installieren – so wie es der SCB im Sommer getan hat.

Der Klub investierte dafür rund 250 000 Franken. Im Unterhalt ist das neue Modell vorab wegen des Plexiglases teurer. Puck und Stock führen zu Rückständen; weil die Scheiben nicht gereinigt werden können, müssen sie häufiger ausgetauscht werden. Kurz vor dem Saisonstart vollzog der SCB zumindest eine kleine Kehrtwende: Weil das Plexiglas auf den Längsseiten zu einer massiven Sichtbeeinträchtigung führte, wurde es wieder mit herkömmlichem Glas ersetzt. «Wir haben diese Änderung verantwortet, weil wir mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zwischen 1000 und 1500 Zuschauer verloren hätten», erklärt Rolf Bachmann, Bereichsleiter Sport beim SCB.

Die Spieler waren von diesem Entscheid wenig begeistert. «Wir haben das nicht begriffen, zumal du den Unterschied deutlich spürst», sagt Gerber. Bachmann argumentiert, dass Glas nur 7 Prozent härter als Plexiglas sei. Laut den Tests ist die Differenz indes weit grösser. Er verstehe die Spieler, hält Bachmann fest. «Man macht eine Verbesserung und dann einen Schritt zurück, das ist nicht ideal.» Doch: «Es ist noch immer viel besser als vorher.»

Berner Zeitung

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