Es fehlt einzig das gewisse Etwas

Nach dem 4:1-Sieg gegen Servette geht das Team von Guy Boucher als NLA-Leader in die letzte Pause vor den Playoffs. «Wie wir zuletzt gegen die Topmannschaften aufgetreten sind, ist ermutigend», sagt der Cheftrainer.

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Adrian Ruch

Wer mit Guy Boucher spricht, bekommt eher früher als später den Satz zu hören: «Ich bin nie zufrieden.» Für den kanadischen Headcoach des SC Bern ist das Gute der Feind des Besseren, Genügsamkeit ist ihm ein Dorn im Auge. Doch am Samstagabend nach dem 4:1-Sieg gegen Servette wirkt der 43-Jährige tatsächlich zufrieden. «Ich habe Ihnen gesagt, die Mannschaft werde in Genf anders auftreten», sagt er mit blitzenden Augen.

Nach dem Debakel gegen Kloten war er schwer enttäuscht, aber gleichzeitig überzeugt gewesen, dass seine Equipe gegen den Spengler-Cup-Gewinner eine Reaktion zeigen würde. In der Tat wirkte der SCB wie ausgewechselt; die Akteure agierten konzentriert, körperbetont, gradlinig, druckvoll. Im letzten Drittel wurden die Gäste für den Einsatz belohnt, wobei Ersatzausländer Keven Cloutier mit zwei Toren zum Matchwinner wurde.

«Es ging um uns»

Das Erfolgserlebnis nimmt Boucher mit Genugtuung zur Kenntnis, doch für ihn steht anderes im Vordergrund: «Diesmal ging es für uns nicht um Sieg oder Niederlage. Es ging um uns, um unseren Einsatz, darum, unser Spiel sechzig Minuten lang durchzuziehen.» Wichtig ist ihm auch die Botschaft.

«Wenn wir die Struktur und die Intensität aufrechterhalten, finden wir im letzten Drittel fast immer ins Spiel zurück», hält er fest. Er sagt sogar, manchmal sei er froh, wenn seinem Team die Wende nicht gelinge, nachdem es lange zu schwach und zu weich aufgetreten sei. «Denn das wäre eine schlechte Lektion.» Martin Plüss erzählt kurz darauf in anderen Worten das Gleiche.

Bei einem anderen Thema ist der Routinier mit seinem Coach hingegen nicht einverstanden. Während Boucher glaubt, die mangelhafte Einstellung sei in den letzten Wochen für die Niederlagen gegen Biel, Ambri und Kloten verantwortlich gewesen, streitet Plüss dies vehement ab: «Nein. Ich sehe, dass unsere Leistung gegen Kloten nicht genügend war, aber ich sehe nicht, dass wir nicht motiviert waren. Vieles spielt sich unterbewusst ab. Ich finde die Aussage, wir seien nicht motiviert gewesen, relativ stark.»

Den Beweis können er und seine Teamkollegen in der nächsten NLA-Partie gegen Gottéron antreten. Die Freiburger kämpfen um die Playoff-Teilnahme und werden alles daran setzen, in Bern Punkte zu holen. Boucher weiss um die Gefahr. «Verzweiflung kann man nicht reproduzieren. Wir stehen nicht mit dem Rücken zur Wand, also müssen wir mit Struktur und Intensität dagegenhalten.»

Das System verinnerlicht

Doch vorerst geniessen die SCB-Profis ein paar freie Tage. Die Vorbereitung auf den Cupfinal vom 11.Februar beginnt am Freitag. Das Endspiel gegen die Kloten Flyers bildet den Auftakt zur entscheidenden Phase in diesem Winter. Der SCB scheint für die Playoffs gut aufgestellt zu sein. Seit Anfang Dezember haben die Mutzen sieben der acht Duelle mit Titelanwärtern (ZSC Lions, Davos, Zug, Lugano, Servette) für sich entschieden. «Wie wir zuletzt gegen die Topmannschaften aufgetreten sind, ist ermutigend», erzählt Boucher.

Ausser die ZSC Lions verfügt kein Klub in der Breite über ein besseres Kader. Konditionell bekunden die Berner keine Probleme. Zudem verfügt der SCB statistisch über das beste Powerplay in der NLA. Die Spieler haben Bouchers System verinnerlicht; alle vier Blöcke sind in der Lage, es umzusetzen. Das hat zur Folge, dass der SCB mit Abstand am wenigsten Torschüsse zulässt.

Die Systemtreue hat allerdings auch einen Nachteil: Der SCB ist relativ einfach auszurechnen. Die Berner kreieren gerade im Vergleich zu den ZSC Lions und den Luganesi wenige Überraschungsmomente, zudem mangelt es im Angriff oft an der nötigen Präzision. Gegen Servette war Bouchers Team zwar optisch überlegen, weil der letzte Pass oft nicht ankam, spielte es sich aber nur wenige hochkarätige Chancen heraus. Zusammengefasst lässt sich festhalten: Der SCB hat fast alles, was es in den Playoffs braucht. Es fehlt einzig das gewisse Etwas.

Berner Zeitung

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