Erwarte das Unerwartete

In der 96. Spielminute trifft Genf in Bern zum 3:2 und holt sich im Viertelfinal die Führung zurück.

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Reto Kirchhofer@rek_81

Mitternacht ist sieben Minuten entfernt, als Johan Fransson in der Postfinance-Arena das Licht löscht. Der Servette-Verteidiger trifft in der 96. (!) Minute aus der Distanz zum 3:2 und beendet das längste Playoffspiel in der Geschichte der National League. Genf gewinnt bereits zum zweiten Mal in dieser Serie in Bern, führt nun mit 2:1 Siegen. Und nach total 222 Spielminuten lässt sich dieser Viertelfinal zwischen dem SCB und Servette auf ein Motto reduzieren: Erwarte das Unerwartete.

Überraschend sind nicht nur die Resultate. Das Unerwartete geschieht vor allem innerhalb der Begegnungen. Im ersten Spiel starteten die Berner mit ungeheurer Intensität. Doch Servette wurde von der SCB-Lawine nicht geschluckt. Im Gegenteil: Die für gewöhnlich so stabilen Berner agierten nach gutem Auftakt nervös und wirr, Genf profitierte und holte sich den Auswärtssieg. Erwarte das Unerwartete.

Bei der Reprise in Les Vernets hätte der Kameramann im Startdrittel getrost seine Position verlassen und auf die Toilette gehen können – vorausgesetzt, die Kamera wäre auf die Berner Zone gerichtet gewesen. Servette dominierte, feuerte aus allen Lagen, brachte 19 Schüsse aufs Tor. Grund zum Jubeln hatten in diesem Abschnitt dank Tristan Scherwey aber die Gäste. Erwarte das Unerwartete.

Und am Donnerstag: Erneut agierten die Genfer in der ersten Phase überlegen. Tanner Richard vergab früh vor SCB-Goalie Leonardo Genoni, nachdem sich Ramon Untersander verspekuliert hatte. Der Offensivverteidiger absolvierte nach seinen Gleichgewichtsstörungen den ersten Ernstkampf seit dem Cup-Halbfinal am 19. Dezember gegen Zug. Servette hatte die besseren Chancen, aber wer traf? Der SCB – und das erst noch in Unterzahl. Die Gäste zogen mit drei Angreifern hinter die Grundlinie der Berner, Richard spielte einen fatalen Rückpass, Mark Arcobello profitierte, Simon Moser vollendete. Erwarte das Unerwartete.

Drei Berner verletzen sich

Beim SCB fielen im Verlauf der Begegnung drei Akteure aus. Jan Mursak wurde von Eliot Antonietti und Tommy Wingels in die Bande gecheckt. Der Slowene könnte eine Hirnerschütterung erlitten haben. Eric Blum kriegte einen Schuss von Fransson ins Gesicht. Er kehrte nicht mehr zurück. Immerhin gab es im Mitteldrittel für das nun stärker auftretende Heimteam Ertragreiches: Daniele Grassi eroberte den Puck, Jérémie Kamerzin schoss (auch er sollte die Partie nicht zu Ende spielen), André Heim stocherte zum 2:0 nach.

Die Equipe von Kari Jalonen hielt nach 40 Minuten die Trümpfe in der Hand. Aber eben: Erwarte das Unerwartete. Nach 110 Sekunden im dritten Abschnitt stand es 2:2. Ein Wingels-Schuss prallte vom Bein des Berner Verteidigers Yanik Burren über Genoni hinweg ins Tor. Und Henrik Tömmernes traf im Powerplay von der blauen Linie. Der SCB suchte nun die Entscheidung, fand sich aber trotz einiger ausgezeichneter Möglichkeiten in der Überzeit wieder. Zum ersten Mal überhaupt ging eine Begegnung in der Postfinance-Arena in die zweite Verlängerung. Und just in jener Phase, als die Berner klar dominierten, traf Fransson für Genf ins Glück. Erwarte das…Sie wissen schon.

Die Mängelliste ist lang

Und so ist der Favorit wieder in Rücklage. Die Berner lassen in dieser Serie Dinge vermissen, die starke Playoff-Mannschaften auszeichnen. Thema Zweikämpfe: Zu viele gehen verloren. Thema Solidarität: Die Angreifer lassen die Abwehrspieler zuweilen im Stich. Kommt Servette in die Zone, haben die Genfer ein Übergewicht und provozieren Fehler. Thema «Special Teams»: In drei Partien hat der SCB im Powerplay noch nie reüssiert. Die Aufzählung ist nicht vollständig.

Noch haben die Berner die Chance zur Korrektur. Doch die Schlinge zieht sich zu.

Berner Zeitung

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