Erinnerungen an Ralph Krueger

Viele reden dar­über, erklären können ihn die wenigsten: den Heimvorteil. Gewannen die SCL Tigers in der Vergangenheit stets die Mehrheit ihrer Spiele in der Ilfishalle, tun sie sich in dieser Saison vor eigenem Publikum schwer.

Auswärts, wie hier in Lugano, haben Harri Pesonen und die SCL Tigers ­derzeit mehr Grund zu jubeln als in der Ilfishalle.

Auswärts, wie hier in Lugano, haben Harri Pesonen und die SCL Tigers ­derzeit mehr Grund zu jubeln als in der Ilfishalle. Bild: Keystone

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Ausgerechnet Motivationskünstler Ralph Krueger griff daneben und kreierte das Unwort des Jahres. An der WM 2009 in Bern beschwor der Nationalcoach den Heimnachteil herauf, begründete das Schweizer Scheitern in der Zwischenrunde mit der zu grossen Erwartungshaltung, dem immensen Druck, der riesigen Last, vor den eigenen Fans zu spielen. Für seine Erklärung erntete er verbale Prügel. Denn die These sei gewagt: Würde man sämtliche Profis befragen, ob sie lieber zu Hause oder auswärts anträten, die Antwort wäre in 99,9 Prozent der Fälle die gleiche – zu Hause.

Im Emmental ist die Heimatliebe eine Konstante. Und die Wissenschaft hegt keinerlei Zweifel an der Existenz des Heimvorteils. In den meisten Teamsportarten beläuft sich der Anteil der Partien, die zu Hause gewonnen werden, auf über 50 Prozent. Seit Einführung der Playoffs 1986 setzt sich in rund drei von vier Serien das Team durch, welches zuerst vor eigenem Publikum spielen darf. ­

Gemäss Studien von Sozialpsychologen haben Faktoren wie Reisestress, Vertrautheit mit der eigenen Arena, Lärmpegel (der sich auf die Entscheidungen der Unparteiischen auswirken kann) sowie Testosteron Einfluss. Tests ergaben, dass Spieler vor Heimpublikum höhere Werte erreichten. Testosteron wird bei Aggressivität ausgeschüttet; bei manch einem Akteur ist das Gefühl, das Territorium verteidigen zu müssen, besonders ausgeprägt.

«Eis bleibt Eis»

Mit dem Heimvorteil ist es so eine Sache: Viele reden darüber, erklären können ihn die wenigsten. In Langnau sind Heimstärke respektive Auswärtsschwäche frappant (siehe Kasten). In dieser Saison, so jung sie noch sein mag, scheint alles anders zu sein: 5:2 siegten die SCL Tigers zum Auftakt in Langnau gegen Rapperswil, in Runde 2 verloren sie in Bern 0:3. Es folgten Heimniederlagen gegen Ambri, Biel und Freiburg, aber auch Erfolge bei den ZSC Lions, in Davos und Lugano. Die Equipe von Heinz Ehlers reüssierte also beim Meister, beim Rekordmeister und beim Meisteranwärter, liess dabei gerade mal zwei Tore zu. Und sie brachte es fertig, gegen ein mittelmässiges Ambri und ein bescheidenes Got­téron keinen Treffer zu er­zielen.

Es fällt den Protagonisten keineswegs leicht, die Resultate zu erklären. Auswärts spiele sein Team simpel und smart, ohne künstlerischen Anspruch, meint Ehlers. «Daheim übertreiben wir es mit dem Schnickschnack.» Das Phänomen, vor den eigenen Fans zu viel zu wollen und sich zu blockieren, stelle sie bei Einzel- wie bei Teamsportlern fest, meint Sportpsychologin Mirjam Granwehr. «Je länger ein Spiel ausgeglichen bleibt, desto fehleranfälliger werden diese Athleten.»

Hatte Kruegers «kreative» Ausrede also doch Hand und Fuss? Spielt es sich tatsächlich leichter in fremden Hallen?

In Zug wandte sich die Mannschaft einst mittels offenen Briefs an die Zuschauer und beklagte sich ob der flauen Stimmung in der Arena. In Biel parkierten die Akteure früher in schwierigen Zeiten ihre Autos weit weg vom Stadion, damit ihnen keine aufgebrachten Fans auflauern konnten. Derlei Sorgen kennen die Tigers nicht. Und vom zu grossen Druck mag Stürmer Harri Pesonen nichts wissen. «Eis bleibt Eis, egal, wo gespielt wird. Wir sollten aus einer Mücke keinen Elefanten machen.» Für Aaron Gagnon ist es eine Frage der Sichtweise. «Wir könnten auch nach Gründen suchen, weshalb es auswärts besser läuft. Wir haben den Respekt abgelegt, glauben stärker an uns. Das stimmt mich zuversichtlich.»

«Den Chef markieren»

Ehlers liegt nicht falsch, wenn er sagt, seine Equipe hätte gegen Ambri und Gottéron ein halbes Dutzend Tore erzielen können, «und dann würden wir nicht über dieses Thema diskutieren». Resultate hin oder her – auch der Däne schätzt es, zu Hause antreten zu können, zumal der Trainer einen Vorteil hat: den des letzten Wechsels. Der Heimcoach kann abwarten, welche Spieler der Gegner aufs Eis beordert, und darauf reagieren.

Sein Team bekunde Mühe, das Geschehen auf dem Eis zu bestimmen, sagt Ehlers. «Auswärts können wir abwarten – was einfacher ist.» Am Freitag (19.45 Uhr) beim Tabellenletzten Rapperswil und am Samstag daheim gegen Bern könnte es für einmal umgekehrt sein. «Wollen wir in die Playoffs, müssen wir zu Hause den Chef markieren», sagt Pesonen. Seit August weilt der Finne im Emmental, und weil er wie viele Teamkollegen im Dorf wohnt, kann er mit dem Trottinett an die Spiele fahren. «Das ist praktisch, weil ich bereits warmgelaufen bin», hält er lächelnd fest. Was doch ein Vorteil sein muss.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 12.10.2018, 07:26 Uhr

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