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Das Berner Eishockey-ABC

Heute starten der SC Bern, die SCL Tigers und der EHC Biel ins Abenteuer Playoff 2019. Zum ersten Mal stehen drei Berner Teams im Titelkampf. Das ist Grund genug für ein Berner Playoff-ABC aus Berner Sicht.

Karikatur: Max Spring
Karikatur: Max Spring

A wie Ausnahmezustand. Zum ersten Mal in der Geschichte haben sich alle drei Berner Clubs fürs Playoff qualifiziert. Wenn das kein Grund für ein euphorisches Berner Playoff-ABC ist.

B wie Bi(e)lingue. Vielleicht ist Biel ein kosmopolitischer Schmelztiegel. Mit Sicherheit sind die Stadt und der EHC zweisprachig. Was der Kultur natürlich nur förderlich ist. Beim SCB ist es mit dem Französisch so eine Sache. Gesprochen wird Deutsch und Englisch – wer die Nähe zum Coach sucht, versuchts mit Finnisch. Wer aber vorwiegend Französisch spricht, der hats schwer. Thomas Déruns weiss Bescheid.

C wie Christine Nyffeler. Mit emotionsloser, langsamer, aber unverkennbarer Stimme gibt sie Aufstellungen, Strafen und sonst alles Mögliche bekannt. Seit 1992 ist «Chrige» in Langnau Speakerin, inklusive Juniorenspielen kommt sie auf 100 Einsätze pro Saison. Mittlerweile 54, sagt sie, mit den Tigers verheiratet zu sein. Auf Kriegsfuss steht sie mit Fremdsprachen. Maxime Macenauer erschien einst nicht zur Best-Player-Ehrung, weil er nicht wusste, dass er gemeint war – gerufen worden war er «Mäggenauer».

D wie Dostoinov, Alexei. Galten Überläufer früher als Verräter, sind Wechsel zwischen Berner Clubs heute Usus. Dostoinov sowie seine Tigers-Kollegen Roland Gerber und Flurin Randegger haben für Langnau, den SCB und Biel gespielt. Dostoinov macht keinen Hehl daraus, dass es ihm in Bern am wenigsten gefallen hat.

E wie Edelfan. Roger Federer ist Sympathisant des SC Bern. 2010 besuchte er nach dem dritten Finalmatch gegen Servette die Mutzen in der Garderobe. Und 2012 erlebte er das ZSC-Siegtor 2,5 Sekunden vor Schluss des siebten Finalmatchs live mit. Im Gegenzug haben ehemalige SCB-Spieler wie Marco Bührer und Ivo Rüthemann schon Tennisturniere mit Federer besucht.

F wie Ferrari. Das Auto von Beat Gerber. Ausfahrten mit seinem 360 Challenge Stradale macht er selten. Vor einem Restaurant parkieren und zur Schau stellen würde er den Wagen nie. Der Ex-Langnau-er ist seit 2003 in Bern, somit der Dienstälteste im Kader. Mit einem weiteren Meistertitel würde Gerber zum alleinigen Rekordhalter aufsteigen. Noch steht er mit fünf Titeln auf einer Stufe mit Roland Dellsperger und David Jobin.

G wie grüner Tisch. Wie hoch (oder tief) würde der SCB heute fliegen, hätte Arosa einst nicht nachgeholfen? 1986 zogen sich die vor dem finanziellen Kollaps stehenden Bündner aus der NLA zurück, davon profitierten die Berner, die den Platz im Oberhaus nach vier Jahren Katzenjammer geschenkt bekamen. Der NLB-Final war verloren gegangen – gegen den Giganten Chur.

H wie Hymne. In Anlehnung an das SCB-Gründungsjahr 1931 erklingt in der Postfinance-Arena jeweils pünktlich um 19.31 Uhr der «Berner Marsch», gleichzeitig wird auf der imposanten Stehrampe die riesige Fahne hochgezogen. Die ungewohnten Anspielzeiten sorgen freilich dafür, dass im Playoff der traditionelle Zeitplan nicht eingehalten werden kann.

I wie «Ici c’est Bienne» – der Schlachtruf der EHCB-Fans. Mittlerweile wird dieser gar als Werbeslogan für die Stadt verwendet. Auch die SCB-Fans wissen Bescheid: Liegt Biel im Derby hinten, höhnen die Berner: «Ici c’est Berne».

J wie Jesus Chris. So nennen sie Chris McSorley in Genf. Der Coach des SCB-Gegners kann zwar nicht über Wasser gehen, er ist aber zumindest in der Les-Vernets-Halle zu fast allem in der Lage. Wenn es Servette nützt, wird schon mal ein Tor schlecht verankert, die Matchuhr zu früh oder zu spät gestoppt. Welche Tricks hat er diesmal auf Lager?

K wie krank. Das war Renato Tosio während seiner Zeit beim SCB nie. Und wenn doch, hat es ihn nicht davon abgehalten, im Tor zu stehen. 636 Partien bestritt er von 1987 bis 2001 – er verpasste in 14 Jahren keine einzige. Zwar fehlte er wegen der Geburt der ersten Tochter einmal im Einlaufen; als das Spiel begann, stand er zwischen den Pfosten. «Toto», heute 54 Jahre alt, war in Bern der Publikumsliebling, ist eine Legende und ein stets gern gesehener Gast.

L wie Lockout. Wütet in der NHL der Arbeitskampf, profitieren die Schweizer Clubs, das war zuletzt 2012 der Fall. Viele der damaligen Exponenten spielen heute in der besten Liga der Welt Hauptrollen. Zum Beispiel Patrick Kane (Biel, jetzt Chicago Blackhawks) und John Tavares (Bern, Toronto Maple Leafs), die in der NHL zu den zehn besten Torschützen zählen. Tyler Ennis (SCL Tigers, Toronto) gelang diese Woche gar sein erster Hattrick.

M wie Meisterexpress. Er ist seit Ende Juni auf dem Berner S-Bahn-Netz unterwegs: der Mutz, ein Zug im SCB-Design. Dank Partnerschaft mit der BLS durfte der SC Bern als erster Schweizer Sportclub einen Zug im eigenen Design auf die Schienen schicken. Nun führt das S-Bahn-Netz auch nach Biel, wo nicht nur der Stadtpräsident am Mutz beschränkt Freude hat. Intelligenterweise wurde der Zug kurz nach der Taufe über Nacht am Bahnhof in Biel abgestellt. Prompt hatte er am nächsten Morgen ein frisches Design.

N wie Nouss. Hornussen ist im Bernbiet äusserst beliebt, selbst Eishockeyprofis sind dem Spiel mit Schindel, Stecken und eben Nouss nicht abgeneigt. SCB-Captain Simon Moser war leidenschaftlicher Hornusser. Und Langenthals Philipp Rytz – er spielte schon für Biel, Bern und Langnau – wurde nicht nur Schweizer Meister mit dem SCB, sondern auch mit der HG Lyss.

O wie Orlando, Gaetano. Die SCB-Kultfigur verbreitete in den gegnerischen Reihen Angst und Schrecken – nicht nur wegen ihrer Skorerqualitäten. Und nach dem Titelgewinn mit Bern 1997 führte der kampfstarke Center ein Jahr später den SC Langnau in die NLA. Als Italokanadier gehört Orlando einer weit verbreiteten Spezies im Profieishockey an: Langnaus Stefano Giliati und Rico Fata, einst Torjäger in Diensten Biels, besitzen ebenso zwei Pässe.

P wie Pokal. 1978 war alles angerichtet für Langnaus zweiten Titel. Der Meisterpokal befand sich in der Ilfishalle, doch das letzte Spiel ging verloren – es feierten die Bieler. Schnurstracks verabschiedete sich der Ligavertreter Richtung Seeland. Weil es schneite, dauerte die Fahrt anderthalb Stunden, der Staubfänger traf mit Verspätung ein. 1997 überlebte der Pokal die Meisterfeier nicht: Noch bei der Übergabe an die SCB-Cracks ging er kaputt.

Q wie Quote. Mit einer Wettquote von 2,60 wird der SCB bei Interwetten und Bwin vor dem EV Zug als Meisterkandidat Nummer 1 gehandelt. Der EHC Biel (7,00 resp. 6,00) figuriert auf Position 3. Die Wettanbieter lehnen ihre Tipps stark an die Qualifikationstabelle an. Den SCL Tigers (12,00) werden daher gar höhere Titelchancen eingeräumt als dem HC Lugano.

R wie Retired Numbers. Diese Ehre wird verdienstvollen Spielern zuteil. Ihre Nummer wird im Club nicht mehr vergeben, das Trikot unters Hallendach gezogen. Beim SCB hängen mittlerweile fast mehr Leibchen in der Höhe als an der Wäscheleine von Materialwart Fräne Kehrli. 13 Nummern sind gesperrt. In Langnau sinds deren 4 (Todd Eliks 12, Daniel Aegerters 17, Martin Gerbers 26, Wale Gerbers 44), in Biel ist es nur die 30 von Goalie Olivier Anken.

S wie Sauna. Die finnische Diaspora im Bernbiet ist beeindruckend: Beim SCB spricht der ganze Trainerstab Finnisch, die Bieler beschäftigen viereinhalb Finnen (Doppelbürger Dennis Saikkonen inklusive), die SCL Tigers zweieinhalb (Doppelbürger Larri Leeger). Weil auch in der Fremde etwas Heimat sein muss, wurde in der Postfinance-Arena auf Wunsch Kari Jalonens eine Sauna eingebaut.

T wie tanzen. Von 1996 bis 2014 sorgten beim SCB nach US-Vorbild Cheerleader für Stimmung – oder auch nicht. Nach der Abschaffung wurde eine Petition zur Rettung lanciert, doch gemäss dem Buch «111 Gründe, den SC Bern zu lieben» wurde sie nur dreimal unterzeichnet. Zwei der Unterschriften waren ungültig. Übrigens: In Genf gibt es die tanzenden Girls bis heute.

U wie Urgestein. Heute wird Mathieu Tschantré seine 843. Partie im Dress des EHC Biel bestreiten. Nie hat er für einen anderen Verein gespielt; längst ist der Captain der letzte Spieler im Team, der mit Biel 2008 den Aufstieg schaffte. Diese Woche verlängerte Tschantré seinen Vertrag um ein Jahr, bereits steht fest: Die 20. wird die letzte Saison sein.

V wie Vandalismus. In den Derbys gegen Langnau, die in den 1970er-Jahren eher Krieg denn Sport waren, verlor Roland Dellsperger insgesamt 16 Zähne. Einmal zertrümmerte der SCB-Captain und fünffache Meister vor lauter Wut ein Lavabo in der Ilfishalle. Nach seiner Karriere versuchte er sich als Beizer und stand bis früh morgens in seiner Bar Interview oder später im Nightclub Babalu hinter dem Tresen und hielt die Gäste mit seinem Talent als Entertainer bei Laune. 2013 verstarb «Däusi».

W wie warten. 13-mal probiert, 13-mal ist nichts passiert. Erst 2011 qualifizierte sich Langnau erstmals fürs Playoff, im 632. Spiel seit Einführung des neuen Modus. Die Durststrecke sucht ihresgleichen: In der NHL hält Washington den Rekord mit 8 vergeblichen Versuchen. Langnau am nächsten kommt Lukko Rauma – die Finnen erreichten das Playoff im 12. Anlauf.

X wie XXS. Die kleinste Konfektionsgrösse benötigt er nicht gerade, aber bei den Berner NL-Teams gibt es keinen kleineren Spieler als Mark Arcobello, der 1,72 misst. Der Leistungsausweis des Amerikaners ist dafür XXL – in 172 Meisterschaftspartien für den SCB hat er 185 Skorerpunkte gesammelt.

Y wie Young Boys. Es ist nicht so, dass der Berner Geschäftsführer Marc Lüthi den Fussballern ennet der Papiermühlestrasse den Erfolg grundsätzlich missgönnt. Aber Freudentänze macht er kaum, sind die YB-Heldentaten doch den SCB-Zuschauerzahlen abträglich. Dafür hat YB den SCL Tigers für das Tatzen-Derby das Stade de Suisse zur Verfügung gestellt und den Langnauern so Zusatzeinnahmen ermöglicht.

Z wie Zürich. Kommt zum ersten Mal überhaupt im Playoff gar nicht vor. Keine ZSC Lions, kein EHC Kloten. Wenn das kein Grund für ein euphorisches Berner Playoff-ABC ist.

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