Eine Vertragsauflösung als grosse Chance

Der Nordamerika-Traum muss für Michael Fora trotz schneller Rückkehr in die Schweiz nicht zu Ende geträumt sein. Für Ambri kommt der prominente Rückkehrer einem Quantensprung gleich.

Illustration: Kornel Stadler

Illustration: Kornel Stadler

Viele wurden auf dem falschen Fuss erwischt, vom Communiqué des HC Ambri-Piotta. Michael Fora werde per sofort sein Nordamerika-Abenteuer beenden, und in der Leventina weiterspielen, hiess es am Sonntag. Niemand hatte mit einer derart schnellen Rückkehr Foras gerechnet.

Noch vor wenigen Monaten hatte es ganz anders ausgesehen. Sein Vertrag bei den Leventinern bis 2021 beinhaltete eine NHL-Ausstiegsklausel, und diese zog er. Mitte Juni kommentierte Hurricanes-Präsident und General Manager Don Waddell die Verpflichtung Foras mit einem Zweijahresvertrag so: «Michael hat eine starke Saison in der Schweiz gespielt und gehörte bei der WM zu den besten Shutdown-Verteidigern. Er verleiht unserer Defensive auf der rechten Seite die nötige Tiefe.»

Die erfolgreiche Silbermission in Kopenhagen war der Höhepunkt in einem Jahr weit über den Erwartungen. Schon vor der Saison hatte Fora Schlagzeilen gemacht, als Ambri-Trainer Luca Cereda den 21-Jährigen zum jüngsten Captain in der National League und damit auch zum Gesicht des Neuanfangs des darniederliegenden Traditionsclubs machte. Fora bestätigte die Vorschusslorbeeren mit konstanten Leistungen auf und einem gewinnenden Wesen neben dem Eis. Schliesslich schaffte er auch aus dem Nichts den Sprung ins endgültige WM-Kader. Natürlich wuchs das Interesse am 97-Kilo-Brocken, und schon während der WM deutete vieles auf seinen Abgang hin.

1 Einsatz, 2 Abschiebungen

Die hehren Worte hatte Waddell vermutlich zu jenem Zeitpunkt nach bestem Wissen und Gewissen ausgesprochen. Die Chance, sich für einen Platz zu empfehlen, erhielt Fora allerdings nicht. Als einer der wenigen Neuzugänge der Canes durfte er nicht einmal in einem Testspiel aufs Eis. «Da wusste ich schon, dass es auch in die falsche Richtung gehen könnte», sagt er rückblickend. Erklärungen gab es wie so oft nicht: Die interne Kommunikation in der NHL gegenüber Neulingen ist etwa so proaktiv wie jene des nordkoreanischen Aussenministeriums.

Schon bald nach Beginn des Trainingslagers wurde er zum Farmteam Charlotte Checkers in die AHL abgeschoben. Dort debütierte er immerhin, nach der ersten Partie hiess es aber schon wieder Koffer packen zur nächsten Station: Florida Everblades. Deren Heimstätte, das 20’000-Seelen-Nest Estero, liegt etwas mehr als 200 Kilometer von Miami oder Tampa entfernt – ein Klacks, im Vergleich dazu, was Fora derzeit von der NHL trennt. Und so zog er die Reissleine: Er bat um Vertragsauflösung und stieg schon wenige Stunden später ins Flugzeug Richtung Heimat.

Eine Abschiebung in die ECHL muss kein sportliches Todesurteil sein, auch David Aebischer und Mark Streit gelangen nach solchen Zwischenstationen grosse Karrieren. Fora ist zudem noch jung und bringt grundsätzlich alle Voraussetzungen mit, um auf nordamerikanischen Eisfeldern erfolgreich zu agieren. Mit irgendwelchen hypothetischen Zukunftsszenarien für einen zweiten Übersee-Aufenthalt mag er sich so kurz nach diesem persönlichen Rückschlag aber verständlicherweise nicht beschäftigen: «Darüber habe ich wirklich noch nicht nachgedacht. Zuerst will ich einmal die Dinge aus dieser kurzen Erfahrung mitnehmen und davon profitieren, vor allem möchte ich mich aber auf Ambri konzentrieren.»

Am Dienstag debütierte er in Freiburg, am Samstag kommt es gegen Zug zum Comeback des verlorenen Sohns in der Valascia. Im Vergleich zu den Teamkollegen fehlen ihm noch einige Partien. «Ich werde hart arbeiten, um den Rückstand aufzuholen», sagt er.

Ein Leader, auch ohne «C» auf der Brust

Es darf davon ausgegangen werden, dass ihm dies innert nützlicher Frist gelingt. In der letzten Saison war er mit 27 Punkten aus 50 Partien der zweitbeste Skorer unter den Verteidigern, nur Nick Plastino gelang ein Punkt mehr. Mit Fora wird die nominell trotz des Zuzugs von Samuel Guerra dünn besetzte Abwehr an Format gewinnen. Trainer Luca Cereda freut sich jedenfalls sehr: «Michael wird uns nicht nur in den Spielen helfen, sondern auch in den Trainings. Er gibt jeden Tag alles und will jede Übung gewinnen, jeden Kampf. Dadurch steigt auch der Konkurrenzkampf.» Captain wird Fora vorerst nicht wieder, diese Aufgabe bleibt bei Elias Bianchi. Für Sportchef Paolo Duca ist das überhaupt kein Problem: «Michael verkörpert die Werte von Ambri, er wird auch ohne Buchstaben auf der Brust ein Leader sein.»

Vor Saisonstart als sicherer Playout-Teilnehmer gehandelt, hat Ambri mit dem ausgezeichneten Start und dem fünften Zwischenrang schon ohne Fora viele Experten verblüfft. Mit ihm steigen nun die Hoffnungen, dass es in diesem Jahr nicht zum traditionellen Einbruch kommt, jedenfalls erhalten die Playoff-Hoffnungen einen gewaltigen Schub.

Viel Eiszeit und eine Leaderrolle in der Heimat statt ein Versauern zwischen Ersatzbank und Tribüne irgendwo in der nordamerikanischen Provinz: Vieles spricht dafür, dass Fora die richtige Entscheidung getroffen hat, vermutlich gibt es keine andere Destination als Ambri, an der er in nächster Zeit besser reifen kann. Und für die Erfüllung seines grossen Traums ist es noch längst nicht zu spät: Als Streit 2005 erneut übersiedelte, war er 28 Jahre alt. Zeit genug, um noch 820 NHL-Spiele zu machen.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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