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«Ein Köpferollen zu fordern, entbehrt jeder Logik»

SCB-CEO Marc Lüthi bewertet die Leistung der Mannschaft trotz verpasster Playoffs mit der Note 3,5. In finanzieller Hinsicht werde der Klub «etwa das gleiche Ergebnis aufweisen wie immer».

Wasser statt Champagner: CEO Marc Lüthi spült den Frust über das verpasste Saisonziel mit einem Schluck runter.
Wasser statt Champagner: CEO Marc Lüthi spült den Frust über das verpasste Saisonziel mit einem Schluck runter.
Andreas Blatter
Der düsteren Miene zum Trotz befürchtet SCB-CEO Marc Lüthi nach dem sportlichen nicht auch noch einen kommerziellen Schock. «Wir werden etwa das gleiche Ergebnis aufweisen wie immer», sagt er.
Der düsteren Miene zum Trotz befürchtet SCB-CEO Marc Lüthi nach dem sportlichen nicht auch noch einen kommerziellen Schock. «Wir werden etwa das gleiche Ergebnis aufweisen wie immer», sagt er.
Andreas Blatter
Enttäuschte SCB-Spieler: Marc Lüthi hat sich erst  in der 57.Minute des Spiels gegen die ZSC Lions mit dem Verpassen der Playoffs abgefunden (1. März 2014).
Enttäuschte SCB-Spieler: Marc Lüthi hat sich erst in der 57.Minute des Spiels gegen die ZSC Lions mit dem Verpassen der Playoffs abgefunden (1. März 2014).
Keystone
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Welche Nacht war für Sie schlimmer: jene vor oder jene nach dem Match gegen die ZSC Lions? Marc Lüthi: Die letzten 125 Nächte waren schlimm.

Wann haben Sie sich mit dem Verpassen der Playoffs abgefunden? Erst in der 57.Minute des Spiels gegen die ZSC Lions. Aber es ist auch klar, dass die Saison nicht am Dienstag in die Hosen ging – und auch nicht gegen Gottéron oder Biel. Es war ein schleichender Prozess, der schon Mitte August mit der European Trophy begonnen hatte.

Was haben Sie am Mittwoch beim Lesen der Schlagzeilen in den Medien empfunden? Nichts. Wir müssen in den Spiegel schauen und die richtigen Schlüsse ziehen. Dass einige Journalisten nun merkwürdige Forderungen stellen, war zu erwarten. Wir müssen auf uns schauen, damit wir wieder einigermassen in die Spur kommen.

Sie pflegen die Gesamtleistung der Mannschaft mit einer Schulnote zu bewerten. Welche Note erhält das Team der Saison 2013/2014? 3 bis 4.

Ist eine 3,5 nicht zu hoch? Nein.

Aber der SCB hat jedes Ziel – Teilnahme am Finalturnier in der European Trophy, ein Top-4-Platz nach der Qualifikation und das Erreichen der Playoff-Halb-finals – hochkant verpasst. (zögert) Das kann man so sehen. Doch insgesamt ist es so, dass wir das absolute Minimalziel verpasst haben. Insofern ist die Bilanz knapp ungenügend. Es gibt auch einige Faktoren, die dazu beigetragen haben, dass es diesmal nicht funktioniert hat.

Welche Faktoren? Es ist eine Tatsache, dass von unseren besten Verteidigern oft einige fehlten. Die Statistik ist klar: Waren die Topverteidiger an Bord, haben wir meistens gewonnen – sonst meistens verloren.

Wie erklären Sie sich, dass eine Mannschaft, die im vergangenen April den Titel geholt hat, in fast unveränderter Besetzung so tief sinken kann? Wüssten wir dies, wären wir jetzt nicht in der Platzierungsrunde.

Hat man nicht nur ausserhalb, sondern auch innerhalb des Klubs die Substanz der Mannschaft überschätzt? Das glaube ich nicht. Wir haben eine 8-Zylinder-Maschine, von der nur 4 Zylinder laufen.

Etliche Transfers von Sportchef Sven Leuenberger erwiesen sich in dieser Saison als Flop. Wie beurteilen Sie seine Leistung? Man darf die Leistung des Sportchefs nicht auf diese Saison reduzieren. Es gilt einen längeren Zeitraum zu betrachten. Trotz dem Verpassen der Playoffs hat Sven Leuenberger einen äusserst positiven Leistungsausweis. Jetzt ein Köpferollen zu fordern, entbehrt jeder Substanz, jeder Logik – da spiele ich nicht mit.

Welche Schulnote würden Sie sich selber geben? 3 bis 4.

Was würden Sie rückblickend anders machen? Es gibt sicher einige Punkte, doch die diskutieren wir zuerst intern. Es ist noch zu früh, öffentlich etwas zu den Ursachen zu sagen. In einer kurzen Diskussion mit einem Sponsor fanden wir zehn Punkte, die nicht so waren, wie sie hätten sein sollen.

Haben Sie sich von Guy Boucher kurzfristig einen grösseren Effekt erhofft? Nein!

Jetzt, da Sie ihn kennen gelernt haben: Welchen Eindruck haben Sie von Boucher? Ich bin von Guy Boucher positiv überrascht: Er hat Tiefgang, weiss, wovon er spricht, analysiert gut, kennt das Metier. Er muss nun die Zeit nutzen, damit wir in der nächsten Saison gut aus den Startpflöcken kommen.

Sie sind also überzeugt, dass er der richtige Trainer für die Zukunft ist? Absolut.

Passt das Team zum Trainer? Es passen nie 100 Prozent der Mannschaft zum Trainer, doch mehrheitlich passt es.

Boucher klagt über einen Mangel an Disziplin. Gestehen Sie ihm zu, dass er Spieler trotz laufendem Vertrag rauswirft? Alle Seiten analysieren jetzt die Situation, und dann muss die Sportabteilung Anträge machen.

Erhält Boucher als NHL-Coach mehr Kompetenzen als ein anderer Trainer? Er kann sicher nicht Spieler mit laufenden Verträgen ohne Rücksprache entlassen. Aber über begründete Anträge werden wir reden. Auch ich kann nicht alleine jemanden entlassen; über solche Entscheide müssen mindestens zwei bis drei Leute befinden.

Es ist offensichtlich, dass sich viele gute Spieler beim SCB nicht entfalten. Haben Sie für dieses Phänomen eine Erklärung? Nein. Doch dieses Phänomen ist beim SCB schon lange zu beobachten. Dass wir grösser und anders sind als andere, ist Fakt. Die Häme kommt nicht davon, dass wir liebe, aber erfolglose Typen sind. Schadenfreude muss man sich durch Erfolg hart erarbeiten.

Auffallend ist auch, dass Topspieler wie Andres Ambühl und Peter Guggisberg lieber bei anderen Klubs unterschreiben. Ist der SCB mangels Mäzen bei den Löhnen nicht mehr kompetitiv? Bei den absoluten Spitzenlöhnen kommt es vor, dass wir nicht mithalten können.

Man hört immer wieder, das explosive Umfeld sei ein Problem: Wirken Sie auf Schweizer Spieler abschreckend, weil Sie sich in sportliche Belange einmischen? In 16 Saisons hat es ein Straftraining gegeben. Während 14 Jahren habe ich in der Garderobe zweimal gesprochen und dann während 2 Jahren drei- bis viermal – grösstenteils nach Rücksprache mit Antti Törmänen. Seit Boucher da ist, bin ich nie in der Nähe der Garderobe gewesen.

Der SCB ist der grösste, populärste Klub in der Schweiz. Weshalb scheuen sich viele Topspieler, nach Bern zu kommen? Es gibt schon zwei, drei abschreckende Faktoren. Anderswo kann es ein Spieler für gleich viel Lohn gemütlicher haben. Einige Kandidaten wollen eine Garantie erhalten, wie sie eingesetzt werden. Dass wir auf solche Sachen nicht eingehen können, sollte klar sein. Und wenn einer Angst vor mir hat, ja,...

...ja dann ist er mental nicht stark genug dafür, beim SCB reüssieren zu können. Das haben Sie gesagt, aber ich habe es gedacht (lacht).

Die Spieler müssen nun auf 15 Prozent des Lohnes verzichten, auf der anderen Seite werden die Einnahmen in der Platzierungsrunde geringer sein. Wie gravierend ist das sportliche Versagen in finanzieller Hinsicht? Wir werden etwa das gleiche Ergebnis aufweisen wie immer.

Obwohl der SCB in dieser Saison drei Cheftrainer, drei Assistenten und sieben Ausländer beschäftigt hat? Ich werde meine Philosophie, dass wir nicht mehr ausgeben als einnehmen, nie über Bord werfen.

Gibt es wirklich keine roten Zahlen? Höchstens eine rote Null. Wir werden nach dem sportlichen nicht auch noch einen kommerziellen Schock erleben.

Sie sagen stets, ab dem Halbfinal mache der SCB Werbung für die nächste Saison. Rechnen Sie damit, dass Sie weniger Saisonkarten verkaufen? Ich glaube nicht, dass die Leute kurzfristig denken. Unsere Anhänger haben in den letzten Jahren viel Schönes und jetzt mal etwas Negatives erlebt. Wer Freude am Eishockey und am Stadionerlebnis hat, wird nach einem einmaligen Misserfolg nicht gleich wegbleiben.

Befürchten Sie negative Reaktionen der Sponsoren? Nein, diese Gespräche haben bereits stattgefunden. Aber eines ist klar: Es muss etwas gehen. Wir dürfen nicht so weiterdümpeln, sondern müssen zeigen, dass wir unbedingt auf den richtigen Weg zurückkehren wollen. Einmal wird ein solcher Ausrutscher verziehen, mehrmals wohl nicht.

Wie viele Zuschauer erwarten Sie in der Platzierungsrunde? Ich habe keine Ahnung. Ich weiss es wirklich nicht.

Sind spezielle Aktionen geplant? Kinder bis 16 Jahre geniessen Gratiseintritt.

Und was erwarten Sie in den sechs Partien vom Team? Guy Boucher hat gesagt: Jetzt beginnt die neue Saison. Daher nehme ich an, dass er einiges ausprobieren wird. Ich erwarte nur eine engagierte Leistung. Die Resultate sind mir weniger wichtig, wenn ich sehe, dass sich jeder zerreisst.

Das Team ist überaltert, hat den Zenit überschritten. Muss der SCB kleinere Brötchen backen? Wäre ich Arno del Curto, würde ich sagen: jawohl! (lacht). Im Ernst: Das hängt davon ab, wer noch zu- und absagt und welche ausländischen Spieler wir noch verpflichten können.

Sind Sie bereit, teure Topausländer zu holen? Ich sage dazu nichts, bis die Anträge der sportlichen Abteilung vorliegen.

Anders gefragt: Sind Sie bereit, für den sportlichen Erfolg ein finanzielles Risiko einzugehen? Wir müssen zuerst definieren, was «finanzielles Risiko» heisst.

Sagen wir: die Rechnung mit einem Minus von einer Million Franken abschliessen. Eine Million Verlust machen ist kein Thema. Eine Million ausgeben liegt allenfalls drin, wenn man vorher so viel gespart hat.

Kann dieser Schock für die ganze Organisation heilsam sein? Der Schock wird sehr heilsam sein. Einerseits wird in der Mannschaft keiner mehr das Gefühl haben, er könne auf dem linken Bein durchlaufen, anderseits werden wir von der Klubführung noch wachsamer sein – ohne immer gleich dreinreden zu wollen.

Letzte Frage: Interessieren Sie die Playoffs noch? Im Moment nicht!

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