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Ein Holländer fliegt am Lauberhorn

In seinem Land ist der höchste Berg 322 Meter hoch. Vor einem Monat war er schneller als die Abfahrtscracks von Österreich und der Schweiz. Der Holländer Marvin van Heek bestreitet am Samstag seine erste Weltcupabfahrt am Lauberhorn.

Der letzte Schliff: Trainer und Servicemann Romain Richard (rechts) präpariert den Ski von Marvin van Heek.
Der letzte Schliff: Trainer und Servicemann Romain Richard (rechts) präpariert den Ski von Marvin van Heek.
Andreas Blatter

Die Weltcupabfahrt in Gröden hat das Leben von Marvin van Heek nachhaltig verändert. Der 21 Jahre alte Holländer profitierte im vergangenen Dezember vom Wetterchaos auf der «Saslong» und fuhr sensationell auf Platz 8. Zum zweiten Mal nach Harald de Man 1998 im Super-G gewann ein Skirennfahrer aus dem Tulpenland Weltcuppunkte. Van Heek klassierte sich im Südtirol nicht nur vor dem schnellsten Österreicher (13. Joachim Puchner) und dem schnellsten Schweizer (24. Vitus Lüönd), nein, er holte an diesem denkwürdigen Tag als Achtletzter der Startliste doppelt so viele Weltcuppunkte wie die acht eingesetzten Speedfahrer von Swiss-Ski zusammen.

Van Heek ist Doppelbürger

«Ich erlebte die Zielankunft wie in Trance», sagt Marvin van Heek einen Monat nach seinem Exploit. «In der Mixed Zone musste ich mich den Journalisten zunächst vorstellen.» Die holländische Presse war nicht vertreten und meldete sich erst einen Tag später bei ihm. «Die grossen Zeitungen berichteten auf Doppelseiten über mich – allerdings im hinteren Bereich der Ausgabe. Vorne dominierten Fussball und Eisschnelllauf», erzählt der Skirennfahrer und lacht.

Van Heeks Höhenflug in Gröden passt zu seiner Vita. Er ist im höchstgelegenen Winterskiort Europas aufgewachsen – in Val Thorens auf 2300 m ü.M., wo die Eltern das Face West Café betreiben. Seine Mutter ist Französin, sein Vater Holländer. Marvin van Heek besitzt daher beide Pässe. Holländisch spricht er nicht. Gross geworden ist der Doppelbürger in den Kadern des französischen Verbandes. Als der Speedspezialist vor zwei Jahren feststellte, dass in Frankreich überwiegend Talente mit Allrounderqualitäten gefördert werden, wechselte er mangels Perspektiven zum holländischen Skiverband. Vor einem Jahr debütierte er in Chamonix im Weltcup. Dass er in Gröden sämtliche Cracks aus Österreich und der Schweiz hinter sich gelassen habe, mache ihn zwar stolz, sagt Van Heek. Abheben wolle er aber nicht. «Ich will kontinuierlich Fortschritte erzielen und mich mit den neuen Weltcuppisten vertraut machen.»

Richards One-Man-Show

Marvin van Heek bestreitet morgen seine 7.Weltcup-Abfahrt. «Ich strebe eine Top-30-Platzierung an», sagt er bescheiden. In Wengen wird Hollands einzige fixe Grösse im Skiweltcup von Romain Richard betreut. Der 36 Jahre alte Franzose unterstützt ihn seit eineinhalb Jahren als Trainer, Servicemann und Manager. Das gemeinsame Ziel: die Teilnahme an den Winterspielen in Sotschi. Richard hatte bei Swiss-Ski einst die inzwischen zurückgetretene Aline Bonjour trainiert, später kümmerte er sich um Andorras Skiteam, mit dem er an der WM in Garmisch teilnahm.

Richard steht im WM-Winter ein Budget von 120000 Franken zur Verfügung, das von Sponsoren, Van Heeks Eltern und vom holländischen Skiverband alimentiert wird. Dank der Top-8-Klassierung in Gröden ist Van Heek in der Weltcup-Startliste in die Top 60 vorgestossen. Das bedeutet: Die Kosten für Hotel und Essen an den Weltcupstationen werden jeweils von den lokalen Organisationskomitees übernommen. Das holländische Zweimannteam spart so 220 Franken pro Tag.

Morisod und Swiss-Ski helfen

Im Sommer trainiert Van Heek auf dem Gletscher. «Wir schliessen uns jeweils den Franzosen an. So können wir Zeitläufe bestreiten, von denen wir Videosequenzen erhalten», sagt Richard. Mit Patrice Morisod bestehe ein gutes Einvernehmen. Der Walliser wechselte nach der erfolgreichen WM 2009 (Morisod coachte Didier Cuche zu Gold im Super-G und Abfahrtssilber) zu den Franzosen. «Marvin wandelt in den Spuren von Marco Büchel, der als Liechtensteiner bei den Schweizern mittrainierte», meint Richard. Auch mit Swiss-Ski verstehe man sich ausgezeichnet. So habe sein Schützling im vergangenen Jahr an der Schweizer Meisterschaft in Veysonnaz teilnehmen dürfen (6.Platz in der Abfahrt) und Erfahrungen gesammelt. Generös zeigt sich auch der Skiausrüster Salomon, der Van Heek Ski und Schuhe zur Verfügung stellt. Nur ein Renndress müsse bald ein anderer her, sagt Hollands schnellster Skirennfahrer. «Ich bin der einzige Abfahrer im Weltcup, der mit einem Frontreissverschluss herumfährt. Das ist nicht gerade aerodynamisch.»

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