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Ein Club mit breiter Brust muss stärker auf die Breite setzen

Sportredaktor Reto Kirchhofer schreibt über die Saison des SC Bern.

Bitterer Moment: Nach dem Spielende realisierten die SCB-Spieler ihr Ausscheiden.
Bitterer Moment: Nach dem Spielende realisierten die SCB-Spieler ihr Ausscheiden.
Keystone
Mit hängendem Kopf: SCB-Cheftrainer Kari Jalonen.
Mit hängendem Kopf: SCB-Cheftrainer Kari Jalonen.
Keystone
Kämpfte um den Puck: Mark Arcobello.
Kämpfte um den Puck: Mark Arcobello.
Keystone
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Es war Pfingstsamstag, der 3. Juni 2017, als ein Spieler des SC Bern beim Oberaargauischen Schwingfest zum verbalen Schlungg ansetzte. Er sprach vom «Triple», notabene wenige Wochen nach dem Gewinn der zweiten Meisterschaft in Folge. Frei von Arroganz, voll von Überzeugung.

Die Mannschaft habe sich unmittelbar nach der Meisterfeier den dritten Titel in Folge zum Ziel gesetzt. Neun Monate später lässt sich festhalten: Ziel verpasst. Aber der Wille konnte dem Team nie abgesprochen werden. Bern dominierte lange, spielte phasenweise überragend, fand im Halbfinal im ZSC seinen Meister.

Im Eishockey ist es anders als im Leben: Es zählt der letzte Eindruck. Deshalb muss die Analyse dahingehend zielen, weshalb der SCB ausgerechnet im Playoff nicht auf bestmöglichem Niveau agierte. Weshalb ihm gegen Zürich Tugenden fehlten, die ihn zuvor ausgezeichnet hatten: Konstanz, Souveränität und Ruhe.

Ein Ansatz führt zum Gegner. Zürich befindet sich nach zwei Viertelfinalpleiten auf der «Mission Wiedergutmachung» und spielt mit ungemein viel Leidenschaft. Das tat auch Bern, und trotzdem gab es in diesem Bereich eine minime Differenz, die sich nicht berechnen, sondern mit Menschlichkeit erklären lässt.

Offensichtlich war hingegen, dass den Bernern die Frische abging. Ins Gewicht fiel weniger die körperliche Müdigkeit als die mentale. Sie zeigte sich in Form eines Potpourris an kapitalen Aussetzern.

Die Olympischen Spiele wurden für die Berner vom Segen zum Fluch. In der Qualifikation sorgte die Vision Olympia für jenen Antrieb, den die Tabelle nicht bieten konnte. 13 Spieler erfüllten sich den Traum. Nach Bekanntgabe der Selektion war der «Pfupf» raus. Alle Berner kehrten enttäuscht aus Pyeongchang zurück, einige mit bleischweren Beinen.

Nach 89 Partien seit September fehlte einigen Nationalspielern im Halbfinal gegen den ZSC die Energie.Nur: Das Problem der fehlenden Frische ist auch hausgemacht. Kari Jalonen liess seine besten Pferde ohne Rücksicht auf die Zusatzbelastung derart intensiv galoppieren, dass sie im Abnützungskampf gegen Zürich nur noch im Trab laufen konnten.

Das Thema Eiszeiten wird intern seit Monaten diskutiert, der Erfolg gab dem Coach lange Zeit recht. Dann trafen die Berner auf ein Team, welches in der Breite mindestens so stark besetzt ist und prompt dort die Differenz schuf. Ein Beispiel vom Samstag: Im entscheidenden Match teilten sich beim ZSC 16 Spieler die Zeit im Boxplay auf.

Beim SCB halfen mit Arcobello, Ebbett und Moser jene Stürmer am längsten in Unterzahl aus, die auch sonst am stärksten forciert wurden. Die vierte SCB-Linie kam kaum zum Einsatz, jene der Zürcher sammelte in der Serie acht Punkte. Ein Überdenken der Rollenverteilung ist unabdingbar. Ein Club mit breiter Brust müsste konsequent auf die Breite setzen.

Die Position des Trainers steht aber nicht zur Debatte, seine Qualitäten sind unbestritten. Speziell im Playoff wird gerne über Systeme schwadroniert. Doch Bern hat mit dem «System Jalonen» zweimal die Regular Season und einmal die Meisterschaft gewonnen.

Und womöglich wären die Schwächen im Defensivspiel seit dem Jahreswechsel noch stärker ins Gewicht gefallen, hätten sich die Spieler nicht am stabilen System orientieren können.

Veränderungen wird es in der Teamzusammenstellung geben. Bei den Abgängen fallen jene von Simon Bodenmann, Maxim Noreau und Luca Hischier ins Gewicht. Bodenmann wird als Spieler und als Typ nicht zu ersetzen sein. Der Wechsel des talentierten Youngsters Hischier ist ein schlechtes Zeichen für den Club.

Anstelle Noreaus wird Calle Andersson mehr Verantwortung erhalten. Der vielseitig einsetzbare Schwede Adam Almqvist soll hinten für mehr Tiefe sorgen. Im Angriff geht Chatelain einige Risiken ein.

Der verpflichtete Slowene Jan Mursak hat noch nie in der Schweiz gespielt, Daniele Grassi wechselt erstmals zu einem Spitzenclub, die Zuzüge Grégory Sciaroni und Matthias Bieber waren in jüngerer Vergangenheit häufiger verletzt statt einsatzfähig.

Diese Transfers allein werden nicht genügen, dem Bestreben nach Breite nachzukommen. Der Sportchef steht vor einem Vabanquespiel: Einerseits benötigt Bern zusätzliche Tiefe, anderseits eine unverändert hohe Zahlkraft für Topspieler. Und die nächste grosse Herausforderung steht an: die Verhandlung mit Leonardo Genoni.

reto.kirchhofer@tamedia.ch

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