Ein Bild bitte – mit scharf

Tor oder kein Tor? Offside oder nicht? Die Infrastruktur, mit der Refs Entscheide treffen müssen, ist in der National League ungenügend.

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(Bild: Illustration: Kornel Stadler)

Kristian Kapp@K_Krisztian_

Vom Sofa aus lässt sich immer so leicht urteilen. Auch letzten Sonntag, beim «Linien-Gate» zwischen Lugano und Genf, gab es die Stimmen: Klarer Fehlentscheid, klares Tor!

Aber wenn es im Eishockey bei Fragen Tor/Nicht-Tor um Millimeter geht, ist eben selten etwas klar.

Oder ist hier auch alles klar?

Oder hier?

Eben. Nichts ist klar.

Also, damit wir uns nicht falsch verstehen: Natürlich gibt es klare Tore. Das hier ist ein klares Tor, da sind sich wohl alle einig:

Es geht aber um die umstrittenen Fälle. Jene, die von den Schiedsrichtern mittels Videobilder noch einmal beurteilt werden müssen. Das hier war letzten Sonntag das bislang umstrittenste (Nicht-)Tor der Saison: Servettes (vermeintlicher?) Treffer in Lugano in der Schlussminute beim Stande von 3:3:

Und so sah das Standbild aus vom für die Schiedsrichter entscheidenden Moment, als Luganos Topskorer Grégory Hofmann zur Rettungstat ansetzt:

Die hintere rote Linie ist eine Hilfe für die Schiedsrichter, um bei solchen strittigen Situationen einen Anhaltspunkt zu haben. Die Distanz zur vorderen roten Torlinie ist genau so gross wie der Puck breit ist. Berührt der Puck die hintere Linie auch nur hauchdünn, heisst das: Die Scheibe ist drin, also: Tor!

Es ist also anhand dieser Bilder wahrscheinlicher, dass Genf hier ein Tor schoss, als dass Hofmann rechtzeitig eingriff. Und dennoch entschieden die Schiedsrichter richtig, das Tor nicht zu geben.

Denn die Videobilder müssen das Gegenteil des Entscheids des Schiedsrichters auf dem Eis zu 100 Prozent beweisen (in diesem Fall «kein Tor!»).

Doch wie sollen die Referees anhand dieses Bildes hundertprozentig sicher sein? Die Kamera steht hinter dem Plexiglas und filmt durch die engen Maschen des Tornetzes. Wo der Rand der Torlinien genau verläuft, ist genau so wenig eindeutig zu erkennen wie der Ort, wo auf dem Bild das schwarze Isolierband des Stocks endet und wo der schwarze Puck beginnt.

Wirklich scharf ist das Bild schon gar nicht.

Die Sache mit den Offsides

Ein ähnliches Problem mit der Schärfe der Bilder gibt es regelmässig bei den Coaches Challenges. Vermuten die Trainer ein Offside vor einem Gegentor, dürfen sie einmal pro Spiel die Szene von den Linienrichtern nochmals auf dem Video überprüfen lassen. Die Bildqualität ist dabei ähnlich mies. Dieses Beispiel hier vom Spiel Biel - Davos sorgte diese Saison für die meisten Schlagzeilen:

Hier sollen ernsthaft die Unparteiischen erkennen, ob ein Offside vorliegt, als ob A) der Puck (Wo genau ist er überhaupt in diesem Pixelsalat?) am Stock des Spielers in Gelb unten rechts bereits die blaue Linie überquert hat und ob B) der Spieler ganz oben seinen hinteren Fuss in der Luft hat oder die Linie noch berührt. Hier liegt mit grosser Wahrscheinlichkeit ein Offside vor, dennoch konnten die Refs dies nicht belegen und entschieden wohl falsch.

Das kommt oft vor bei Coaches Challenges: Die Bilder sind einfach zu wenig scharf, geben zu wenig Aufschluss für einen korrekten Entscheid der Schieds- und Linienrichter.

Einfluss auf den Strichkampf

Beide Fehler hatten Konsequenzen: Bei Fall 2 verkürzte Davos wegen des Entscheides auf 1:2 und gewann am Ende 7:2. Gravierender war der Fall in Lugano: Ein Tor zum 4:3 wenige Sekunden vor Schluss hätte wohl den Genfern den Sieg beschert, sie hätten im engen Strichkampf nun zwei Punkte mehr und Lugano (später Sieger im Penaltyschiessen) zwei weniger.

Die aktuelle NL-Tabelle. (Bild: Screenshot Teletext)

Die Dinger kosten halt

Kann man den da gar nichts machen? Doch, könnte man. Mit einer HD-Kamera im Tor, die viel bessere Bilder liefert als jene hinter dem Plexiglas. Und für die Offsides gäbe es die «Blaue-Linien-Kamera», die in Ligen wie NHL oder KHL bereits Standard sind. Das sieht dann zum Beispiel so aus:

Bloss, die Hi-Tech-Dinger kosten. In der Schweiz wird bloss im Playoff-Final zumindest die In-Tor-Kamera verwendet. Um in einer Vollrunde in jedem NL-Spiel auf diese Bilder zurückgreifen zu können, bräuchte es entsprechend zwölf Stück davon.

Man werde bezüglich Tor-Kamera Änderungen nach der Saison «prüfen», hiess es kürzlich im «Blick» seitens der Liga. Die Offside-Kamera hingegen werde es kaum geben: «Die Frage ist immer, ob sich der Mehraufwand im Verhältnis zu möglichen Verbesserungen lohnt», wird Liga-Direktor Denis Vaucher zitiert.

Motivierte Aufbruchstimmung tönt anders …

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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