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«Der Tiger trägt noch immer dieselben Streifen»

Chris McSorley (56) ist bei Servette zurück an den Schalthebeln. Im Viertelfinal hat sein Team gegen Bern vorgelegt. Heute folgt Spiel zwei in Genf. Im Interview spricht der Kanadier über seinen Wandel, sein Wirken und seinen Übernamen «Jesus Chris».

«Du kannst Vergangenes nicht beeinflussen - im Gegensatz zur Zukunft», sagt Servette-Coach Chris McSorley. Foto: Keystone
«Du kannst Vergangenes nicht beeinflussen - im Gegensatz zur Zukunft», sagt Servette-Coach Chris McSorley. Foto: Keystone

Chris McSorley, Sie haben das Playoff-Duell zwischen Genf und Bern einst mit dem Kampf David gegen Goliath verglichen. Hat David die Steinschleuder endlich gefunden?

Wir haben die Steinschleuder gefunden. Aber diesen Goliath wirst du nicht mit einem einzigen Stein zu Fall bringen – dafür brauchst du eine riesige Ladung voller Steine. Am Dienstag werden wir das Beste von Bern sehen. Im ersten Match war auch das Glück auf unserer Seite.

Sie untertreiben.

Das Glück spielte eine Rolle. Ich rechne nicht damit, dass in Bern nun Panik herrscht. Dieses Team fährt wie eine grosse Lokomotive durch die Liga. Aber ich bin sicher, dass wir am Dienstag die volle Aufmerksamkeit der Berner haben werden. Sie werden Anpassungen vornehmen. Unser Ziel wird es sein, diese zu antizipieren und einen Schritt vor dem SCB zu bleiben.

Bern begann die Serie mit drei harten Checks in den ersten 30 Sekunden. Ihr Team teilte weniger aus. Weshalb?

Im Playoff geht es um Intensität. Und Intensität bedeutet nicht zwingend, physisch zu spielen. Es geht um Intensität am Puck, in der Defensivarbeit, vor dem Netz. Mit Physis allein werden wir Bern nichts anhaben können.

Das klingt Servette-atypisch.

Wir müssen uns neu erfinden. Wir wollten einen anderen Stil praktizieren. Doch mit Vukovic, Wick, Almond, Douay und Bouma fehlen Spieler, welche diesen Stil hätten prägen sollen. Wir kanalisieren unsere Energie nun auf die Intensität.

Wie bereitet man eigentlich ein Team auf eine Playoff-Serie gegen einen Kontrahenten vor, den man in sechs Anläufen nie bezwingen konnte?

Manchmal ist es von Vorteil, ein schlechter Geschichtsstudent zu sein. Ich mochte das Fach Geschichte an der High School nicht, ich mag Geschichte noch immer nicht. Du kannst Vergangenes nicht beeinflussen – im Gegensatz zur Zukunft.

Mit einem Sieg am Dienstag hat Genf die Chance, den SCB gewaltig unter Druck zu setzen.

Ich wünschte, ich könnte in meiner Kristallkugel etwas sehen. Was ich weiss ist: Der SCB wird sich nicht selbst mit Fehlern bezwingen. Wir müssen ihn bezwingen. Bern ist eine hervorragende Organisation. Ich respektiere sie, aber ich vergöttere sie nicht. Auch in Bern ziehen sie jeden Morgen ein Kleidungsstück nach dem anderen an.

Vertreten Sie immer noch die Meinung, der SCB werde von den Schiedsrichtern bevorteilt.

Ich gebe Ihnen den besten Kommentar dazu. Sind Sie bereit?

Natürlich.

Kein Kommentar. Sie fragen Chris McSorley offiziell und er antwortet offiziell: kein Kommentar.

Und inoffiziell?

Das bleibt inoffiziell.

Zuletzt verhielten Sie sich jedenfalls erstaunlich ruhig. Das war nicht immer so. In Erinnerung ist die Aktion, als Sie in Bern die Bandentür malträtierten…

… sie war defekt und benötigte ordentlich Öl.

Solche Ausraster gibt es von Ihnen kaum mehr zu sehen.

Es gibt heute bessere Schiedsrichter. Es gibt einen «Player Safety Officer», es gibt mehr Videos, mehr Sanktionen. Dadurch müssen die Trainer weniger Einfluss auf die Schiedsrichter nehmen. Die Spieler werden mittlerweile besser geschützt.

Sie haben selbstverständlich immer objektiv und nur zum Wohl aller Spieler gehandelt.

Ich werde immer versuchen, ein paar Extraprozent aus jedem meiner Spieler herauszukitzeln. Und ich werde mich immer für meine Mannschaft einsetzen.

Also doch keine Altersmilde?

Der Tiger trägt noch immer dieselben Streifen.

Aber Sie haben Fachliteratur über die Generation der Millennials studiert und den Umgang mit den Spielern angepasst.

Da ist noch viel vom alten Chris. Aber heute wollen die jungen Spieler auf alles eine Antwort haben. Früher sagte ich: «Halt den Mund und machs.» Nun poltere ich weniger. Doch ich fordere unverändert viel. Die Jungen müssen wissen: Sind sie für Genf im Einsatz, sei es im Training, im Spiel oder für sonst irgendeinen Termin, dann müssen sie 100 Prozent geben. Immer.

Wir leben im Zeitalter der Selbstverwirklichung und der Selbstinszenierung der Spieler in sozialen Medien. Inwiefern beeinflusst diese Entwicklung Ihre tägliche Arbeit?

Ein kleiner Exkurs. Als Coach musst du dir vom ersten Tag an bewusst sein: Ein Drittel deiner Mannschaft wird dich nicht mögen. Ein Drittel wird dich mögen. Ein Drittel wird unentschlossen sein. Das Geheimnis des Coachings ist: Halte diejenigen, die dich nicht mögen, von denjenigen fern, die unentschlossen sind. Zu Ihrer Frage: Kein Spieler raubt mir den Schlaf; selbst wenn er unzufrieden ist oder nur an seinen Vorteil denkt. Im Playoff geht es ums Team, nicht um Befindlichkeiten der Einzelnen. Wir haben eine gute Gruppe an Führungsspielern. Sie regelt die Politik in der Garderobe.

Sind Sie auf Social Media aktiv?

Meine Tochter richtete mir vor einigen Jahren einen Account auf Twitter ein. Ich schrieb: «Das ist der einzige offizielle Twitter-Account von Chris McSorley. Es ist mein erster und sogleich mein letzter Eintrag.» (lacht)

Sie sollten vermehrt auf diesen Kanälen präsent sein.

Weshalb?

«Diesen Goliath bringst du nicht mit einem Stein zu Fall. Du brauchst eine riesige Ladung.»

Chris McSorley, Cheftrainer HC Genève-Servette

Weil Sie der geborene Verkäufer sind. Sind Sie nach 18 Jahren in Genf nicht müde davon, Servette zu repräsentieren?

Ich liebe den Club, die Leute, die Fans. Sie sind Teil der Fabrik meines Lebens. So lange mein Schlüssel ins Schloss dieser Tür (zeigt auf die Tür des Trainerbüros – die Red.) passt, so lange weiss ich: Es wird ein guter Tag.

Letztes Jahr passte der Schlüssel nicht. Sie wurden von der Führung um Hugh Quennec und Mike Gillis zum Sportchef ohne Kompetenzen zurückgestuft.

Wer Besitzer einer Organisation ist, der hat jeden Tag das Recht dazu, personelle Entscheidungen zu treffen.

Sie waren gekränkt.

Ich war enttäuscht. Ich bin stolz auf die Arbeit, die ich all die Jahre in Genf geleistet habe.

Sie bezeichneten sich als «teuerste Sekretärin der Schweiz».

Sagen wir: Ich bin sehr froh darüber, darf ich diese Saison wieder die Rolle als Trainer und als General Manager ausführen.

Der Rückhalt in der Stadt ist Ihnen gewiss. Von einer Lokalzeitung werden Sie gar als «Jesus Chris» gefeiert. Es gibt kleinere Fussstapfen.

Das sind tatsächlich grosse Sandalen (schmunzelt). Wissen Sie: Es geht vor allem darum, dass dieser Club eine gute Zukunft hat. Nun gehört er der Genfer Fondation 1890. Ich bin überzeugt, dass Servette unter dieser Führung dorthin zurückkehren wird, wo es vor einigen Jahren war: an die erweiterte Spitze des Schweizer Eishockeys.

Sie hatten immer ein gutes Näschen für Nordamerikaner mit Schweizer Vorfahren und Schweizer Lizenz. Zuletzt wechselten Spieler wie Tyler Moy aber zur Konkurrenz, weil sie dort mehr Geld verdienen. Schmerzt diese Realität?

Nein. Wir hatten die letzten zwei Jahre ein Management, welches den Weg von Servette entscheidend beeinflusste. Nun kehren wir zurück zu unserer Identität. Es war unglaublich wichtig, das Playoff zu erreichen. So bleibt Genf ein Vorbild punkto Kontinuität. Ich bin seit 18 Jahren im Club, 16-mal haben wir das Playoff erreicht. Die Spieler sehen: In Genf gibt es ein kompetitives Team, ein kompetitives Umfeld, einen kompetitiven Club. Servette ist eine gute Adresse.

Vor der Saison sagten Sie: «Will ich dieses Team ins Playoff führen, muss ich den besten Job meiner Karriere machen.» Haben Sie das gemacht?

Es war unsere Mission. Wir hatten vor der Saison keine grossen Transfers getätigt, dann kamen die vielen Verletzten. Ja, mein Staff und ich, wir haben ausgezeichnete Arbeit geleistet. Es gibt diverse Statistiken, die das belegen: Powerplay, Boxplay, Bullyspiel, und letztlich holten wir Rang acht, obwohl wir wegen der Ausfälle lange Zeit die tiefste Produktion der Ausländer hatten. Ich bin noch immer ein guter Coach. Du wirst nicht älter und dümmer. Du wirst älter und smarter.

Wer die Qualität seiner Arbeit betont, der fürchtet um seinen Job. Präsident Laurent Strawson hat gesagt: Sollte das Playoff verpasst werden, müssten Konsequenzen gezogen werden.

Wir haben das Playoff erreicht. Schauen wir, wie sich die Clubführung entscheiden wird. Der Trainer McSorley hat mit seinem Staff Spieler wie Fritsche, Bozon, Berthon und Völlmin recycelt. Und der Sportchef McSorley hat hervorragende Ausländer wie Tömmernes und Wingels und Winnik geholt.

Genf könnte sich eine Trennung von Ihnen nicht leisten. Ihr Vertrag läuft bis 2024.

Kein Kommentar.

Letztes Jahr waren Sie die teuerste Sekretärin der Schweiz. Nun sind Sie wieder der teuerste Trainer.

Das bin ich mit Sicherheit nicht. Die Leute vergessen gerne, dass ich während Jahren der am schlechtesten bezahlte Coach der ganzen Liga war; zu jener Zeit, als ich Besitzer des Clubs war und Servette noch keinen Profit machte. Mein jetziger Vertrag ist ein guter – aber nicht der am besten dotierte in der Liga.

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