«Dieses Thema stört mich gewaltig»

Der abtretende Nationalmannschaftsdirektor bei Swiss Ice Hockey, Raeto Raffainer, spricht bemerkenswert offen über Gefühle und Gärtchendenken.

Raeto Raffainer hat dafür gesorgt, dass das Nationalteam wieder attraktiv ist. Nun tritt der Direktor der Schweizer Auswahlen ab. Foto: Andy Müller (Freshfocus)

Raeto Raffainer hat dafür gesorgt, dass das Nationalteam wieder attraktiv ist. Nun tritt der Direktor der Schweizer Auswahlen ab. Foto: Andy Müller (Freshfocus)

Reto Kirchhofer@rek_81

Ist es möglich, dass der Zeitnehmer gegen Kanada beim letzten Bully die Uhr mit Verzögerung – sagen wir vier Zehntelsekunden zu spät – ausgelöst hat?
Klar. Wenn nicht beim letzten, dann beim drittletzten Bully. Das ist immer möglich, spielt aber keine Rolle mehr.

Kommen solche Gedanken auf?
Ich war am Freitag am Kongress des Weltverbands IIHF, kenne mittlerweile 90 Prozent der Präsidenten anderer Nationen. Am häufigsten hörte ich: «Swiss timing! Swiss timing, my friend!» Das Zeitmesssystem der WM stammt aus der Schweiz.

Die Schweiz war vier Zehntelsekunden vom Halbfinal entfernt. Ist das die bitterste Niederlage in Ihrer Funktion als Direktor?
Definitiv ja. Die Resultate widerspiegeln in unserer Sportart nicht immer die Wahrheit. Wie im Vorjahr holten wir in der Gruppenphase gegen die Top-Nationen nur einen Punkt. Und doch sind wir ihnen spielerisch näher gekommen. Ich wusste: Passt alles zusammen, dann können wir jeden Gegner schlagen – ausser vielleicht die Russen. Deshalb bin ich sehr enttäuscht.

Die Enttäuschung ist bei allen gross. Aber als Sie Ihr Amt im Winter 2015 antraten, hatte das Nationalteam noch mit ganz anderen Problemen zu kämpfen.
Die Nationalmannschaft drohte weiter an Attraktivität einzubüssen. Es drohte, noch mehr Wicks und Blindenbachers zu geben; Spieler, die mit nicht einmal 30 Jahren sagen: «Wir spielen nicht mehr für die Schweiz.» Wir haben einen Katalog von Massnahmen entwickelt, wie wir das Nationalteam wieder attraktiv machen können. Alles wurde niedergeschrieben. Blicke ich nun auf die Papiere, sehe ich, dass vieles umgesetzt worden ist und funktioniert hat. Wenn ich an die Fans in Bratislava denke…jetzt werde ich emotional…(unterbricht, wischt sich Tränen aus den Augen)…nach den Niederlagen gegen Schweden und Russland waren Tausende von Schweizern vor dem Stadion am Singen. Das macht mich stolz, stolz auf die Mannschaft.

Gehen Ihnen die Ereignisse nah, weil es Ihre letzte WM in dieser Rolle ist?
Nein. Mich berührt, dass wir bei den Fans so viel Freude auslösen konnten. Mit der Konkurrenz durch andere Sportarten, durch E-Sports, da musst du die Leute heutzutage emotional berühren können. Wenn uns das mit unserem Eishockey gelingt, berührt das auch mich, gibt mir mehr zurück als Siege. Ich bin überzeugt, dass die Art und Weise, wie wir spielen, genau richtig ist: mutig, attraktiv, schnell, kreativ.

«Das Know-how aus den Clubs muss bei Bedarf dem Nationalteam zur Verfügung stehen.»

Das Nationalteam ist populär, die Heim-WM steht an, und ausgerechnet jetzt verlassen Sie den Verband. Weshalb?
Die Frage wurde mir oft gestellt. Ich kann sie nicht beantworten. Bei den ersten Gesprächen mit Davos sagte mein Herz: Das musst du machen. Ich dachte keine Sekunde daran, was ich aufgebe. Ich sah das Neue – und das Neue in Davos reizt mich wahnsinnig.

Manche dachten nach Ihrer Unterschrift bei Davos, Sie würden die Aufgaben beim Verband früher als geplant abgeben und bei der WM nicht mehr im Amt sein.
Ich habe das gehört. Dieses Thema stört mich gewaltig. Wir haben Trainer in unserer Liga, die an der WM für Dänemark arbeiteten, für Deutschland. Aber der Nationalmannschaft der Schweiz, des Landes, in welchem sie ihr Geld verdienen, dürfen sie ihr Know-how nicht weitergeben. Ich denke an Langnau-Trainer Ehlers und Bern-Coach Jalonen. Das sind Topleute. Ich sage nicht, dass wir sie einbauen wollten oder wollen. Aber wir dürften das gar nicht tun.

Weshalb nicht?
Ein ungeschriebenes Gesetz besagt: Im A-Nationalteam dürfen keine Vertreter von National-League-Clubs arbeiten. Sie könnten sonst Spieler abwerben.

Würden Sie also, wie das die Deutschen taten, Kari Jalonen als Berater engagieren…
…würden die anderen Clubs ihr Veto einlegen. Lars Leuenberger vom SCB hätte im Dezember für den Lucerne Cup den Staff ergänzen sollen. Die anderen Clubs sagten: Geht nicht. Auch bei meiner Funktion gab es zuletzt Bedenken. Der Präsident entschied: Wir ziehen mit Raffainer durch.

Bald gehören auch Sie zu den Clubvertretern.
Kommen die Leute im Verband zur Erkenntnis, der neue Davoser Trainer Christian Wohlwend passe gut zum Nationaltrainer Fischer, dann garantiere ich, dass Davos und Swiss Ice Hockey eine Lösung finden werden. Das Argument des Abwerbens ist lächerlich. Schauen Sie: An dieser WM gab es im Staff mit Wohlwend und mir zwei Leute, die sich in Davos verpflichtet haben…

…mit Goaliecoach Peter Mettler sind es drei…
…Klammer auf und zu. Haben Sie das Gefühl, ein Nationalspieler lasse sich am Abend im Hotelzimmer dazu überreden, zum HCD zu kommen? Dieses Denken kann ich nicht nachvollziehen.

Wird sich in dieser Angelegenheit etwas ändern?
Ich will, dass wir dieses Thema ein für alle Mal besprechen und einen Entscheid treffen, der im Sinn des Schweizer Eishockeys ist. Das Know-how aus den Clubs muss bei Bedarf dem Nationalteam zur Verfügung stehen. Ein erfolgreiches Nationalteam sorgt dafür, dass Kinder den Weg zum Eishockey finden, dass sich Leute fürs Eishockey begeistern. Davon profitieren auch die Clubs in der Rekrutierung. Und für den Verband muss es wichtig sein, starke Clubs und eine gute Liga zu haben. Clubs und Verband sind strukturell unter einem Dach: Nun muss der Schritt noch gedanklich vollzogen werden.

Die Verantwortlichen der mächtigen Clubs Bern und Zürich reden gar beim Lohn des Nationaltrainers mit. Kann sich der Verband eine Nicht-Verlängerung mit Patrick Fischer leisten?
Für den Verband wird es finanziell eine Schmerzgrenze geben.

Die Frage zielt eher aufs Image ab: Fischer hat Erfolg, ist im Hinblick auf die Heim-WM 2020 der ideale Botschafter.
Eigentlich sollte unser Konzept nicht von Personen abhängig sein. Aber es ist klar, dass Fischer mit seiner positiven Art eng mit der Strategie verbunden ist.

Sein Vertrag läuft 2020 aus. Eine vorzeitige Verlängerung dürfte nicht mehr in Ihren Kompetenzbereich fallen.
Aus meiner Sicht sollte der Verband alles daransetzen, mit Fischer bis zu den Olympischen Spielen 2022 weiterzufahren.

Ist es auch ein Teil der Strategie, dass der Wohlwend-Nachfolger ein Schweizer sein muss?
Wir haben über Know-how diskutiert. Gibt es fähige Schweizer Trainer, dann soll es ein Schweizer sein, ja. Aber es ist nicht nur ein Fehler des Systems, der Clubs, dass wir so wenige einheimische Trainer in den oberen Ligen haben. Es ist auch ein Problem der Trainer. Sie sind nicht bereit, ein Investment zu riskieren. Wer in Chur wohnt und in Olten eine Chance erhalten würde, der sagt ab, weil er weiterhin im Bündnerland wohnen möchte.

An wen denken Sie?
Wenn ich höre, wie wenige Schweizer sich für den Job als Headcoach der EVZ Academy gemeldet haben oder für die Position als Jalonen-Assistent in Bern, dann bin ich enttäuscht. Ein Schweizer müsste doch barfuss nach Bern laufen, um zwei Jahre lang mit Jalonen zu arbeiten. Denn nach diesen zwei Jahren wäre er als Coach «putzt und gstrählt». Aber gewisse Schweizer Trainer sind zu bequem.

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