Vier Fischer-Boys für ein Halleluja

Um 20.15 Uhr steigt der Showdown an der Eishockey-WM gegen Finnland. So gelingt den Schweizern der Coup.

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Roman Josi

Marathonmann für grosse Momente

Es gibt Spieler, die für diese Schweizer Mannschaft wichtig sind: die NHL-Stürmer, die Rollenspieler, die Goalies. Und dann gibt es einen, für den macht man extra eine Medienkonferenz, der wird in der Interviewzone nach den Spielen von kanadischen TV-Crews umlagert, der schafft es mit Bild und Titelgeschichte auf die Homepage der WM-Website. ­Roman Josi, der Captain der Nashville Predators, ist womöglich der nahbarste, offenste, humorvollste Akteur im ganzen Schweizer Team. Aber ob er will oder nicht: Ein Spieler wie jeder andere kann er nie sein. Der 27-Jährige ist die Schlüsselfigur schlechthin, wenn im weiteren Turnierverlauf der grosse Exploit gelingen soll.

Dass der Stadtberner dazu in der Lage ist, hat er x-fach bewiesen. Mit seiner Rolle in der NHL, an Weltmeisterschaften sowieso. Beim Gewinn der ­Silbermedaille vor fünf Jahren prägte Josi als Regisseur nicht nur den Auftritt der Schweizer, sondern das gesamte ­Turnier, wurde zum wertvollsten Spieler gewählt.

Heuer in Dänemark hat er bisher zwei Spiele bestritten. Beim 3:5 gegen Schweden war er nach einem Transatlantikflug und ohne Training noch keine zwanzig Minuten im Einsatz. Im Match gegen Frankreich dann, als es ums Weiterkommen ging, stand der Offensivverteidiger allein in den ersten zwei Dritteln über 17 Minuten auf dem Eis und war für 7 der 28 Torschüsse verantwortlich. Erst im Schlussabschnitt, als der Sieg bereits ­feststand, wurde er dosierter eingesetzt. Heute Abend gegen Finnland ist erneut der Marathonmann Josi gefordert. Einen Besseren hat die Schweiz nicht.

Enzo Corvi

Heizungsinstallateur als Geschichtenschreiber

Die Geschichte war populär vor der WM, weil sie so kitschig war: Zwei Freunde ­dominieren bei den Junioren, beginnen eine Lehre als Heizungsinstallateur, dann trennen sich die Wege. Der eine wird ein NHL-Star, der andere schliesst in Chur die Lehre ab und spielt 2. Liga. Sie ver­lieren den Kontakt – und dann, viele Jahre später, stürmen sie plötzlich zusammen an der Weltmeisterschaft. Die Geschichte ist schön, aber innerhalb von zwei Wochen völlig veraltet. Enzo Corvi hat in Dänemark selbst Geschichte geschrieben.

Geschadet hat es gewiss nicht, dass Corvis Flügel dieser Tage wieder Nino Niederreiter heisst. Aber all die Finten, die Tricks, die magistralen Pässe und das ständige Ins-Leere-laufen-Lassen der Gegner: Das war doch alles ganz Corvi, so, wie man ihn aus der Meisterschaft kennt. Der 25-Jährige zeigt eindrücklich, dass seine Genialität auch auf internationalem Niveau Wirkung hat. Um nicht zu sagen: ihresgleichen sucht. Und als Mittelstürmer der ersten Linie hat der schmächtige Spätzünder in seinen Länderspielen 14 bis 20 auch die Statistik ganz auf seiner Seite. 3 Tore, 7 Skorerpunkte: Kein Schweizer hat mehr.

In diesem Team, das auf den Flügelpositionen brillant, in der Verteidigung stark und im Tor sehr gut besetzt ist, ­erscheint die Center-Position von der Papierform her am ehesten als Schwäche. Schäppi fehlen Speed und Kreativität, Haas und Vermin die Masse, um ein echter Nummer-1-Center zu sein. Corvi passt auf den ersten Blick erst recht nicht in dieses Schema – und verkörpert genau darum das Schweizer Erfolgsrezept. Es hat ihm offenbar einfach niemand ­gesagt, dass er gar nicht so gut sein kann.

Sven AndrighettoHellseher mit Aufwärtstrend

Mit Baseballkappe und Trainerjacke sieht Sven Andrighetto nicht aus wie ein Hellseher. Und doch sagt er die Zukunft richtig voraus. «Ich denke, es wird jetzt stetig besser werden», gab er vor einer Woche zu Protokoll. Die Prognose war allerdings kein Kunststück: Das erste WM-Spiel hatte mit einem frühen Ausschluss ­ge­endet, im zweiten Match war der Ustermer gesperrt. Und dann? Ja, dann wurde es eben stetig besser. In den Spielen ­danach buchte er sieben Punkte und ist mittlerweile bester Skorer seines Teams.

Man könnte sagen, dass Andrighetto stellvertretend steht für die einzig wirklich neue Qualität im Schweizer Spiel: die Gefährlichkeit im Abschluss. Mit Nino Niederreiter, Kevin Fiala, Timo Meier und ihm verfügt die Schweiz gleich über vier Flügel, die jederzeit ein Tor kreieren können. Das ist ihre Rolle in der NHL, das bestätigen sie in Dänemark.

Was bei Andrighetto auffällt: Er sucht zwar den Abschluss – aber wenn sich eine überraschende Pass-Option bietet, nimmt er sie viel häufiger wahr als etwa Niederreiter und besonders Meier, die fast immer den direkten Weg zum Tor wählen. Andrighettos fünf Assists aus fünf Spielen sind kein Zufall und zeigen, dass der Stürmer fast wieder der Alte ist. Selbstverständlich sind seine Leistungen nämlich auch darum nicht, weil er diese Saison erstmals ernsthaft verletzt war, wegen einer Knöchelblessur zweieinhalb Monate pausieren musste.

Stetig besser wurde es für den 25-Jährigen also in vielerlei Beziehung. Nun hat er es gegen Finnland in der Hand, den Trend an der WM fortzusetzen. Dass er damit auch seinen Ruf als Hellseher festigen würde, nimmt er wohl in Kauf.

Michael Fora

Terminator auch in Nebenrolle

Michael wie? Wer nicht gerade Fan von Ambri-Piotta ist, konnte sich diese Frage durchaus stellen, als die ersten Bilder aus Dänemark über die Bildschirme ­gingen. Denn der stämmige Verteidiger mit der Nummer 45 ist nicht nur WM-­Debütant, sondern auch in der Heimat ­weitherum unbekannt. Und verkörpert damit perfekt die andere Seite dieser von NHL-Spielern geprägten Schweizer Auswahl: jene der zuverlässigen Arbeiter im Hintergrund, ohne die kein Team Erfolg haben kann. Welche die Erwartungen auch dann übertreffen, wenn sie keine Schlagzeilen machen.

Im Fall des Tessiners – des ersten an einer WM seit John Gobbi 2011 – ist aber schon die Frage irreführend. Denn ­weniger der Nachname Fora ist merkwürdig als der Vorname, der englisch ausgesprochen wird, weil das den Eltern aus Giubiasco so gefiel. Eindeutiger ist der Ehrentitel, den sie dem Abwehrspieler während seiner Saison in der kanadischen Juniorenliga WHL einst gaben: Terminator, wegen seiner kompromisslosen Art auf dem Eis und seines ­unermüdlichen Trainingsfleisses.

Bei Stammclub Ambri wissen sie diese Qualitäten zu schätzen, machten Fora 2017 mit erst 21 zum jüngsten Captain der Liga. Er belohnte das mit einer Verdrei­fachung seiner Produktion auf 27 Skorerpunkte, nur fünf Schweizer Verteidiger schafften ligaweit mehr. Fora kann also offensiv wirken – doch an der WM gibt es für diese Rolle schon andere. Als Stammkraft nach Dänemark hat er es geschafft, weil er auch kleinere Rollen kompromisslos zu spielen weiss. Auffallen tut er auch so: Mehrere NHL-Clubs beobachten den Tessiner Terminator derzeit sehr genau.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.05.2018, 17:58 Uhr

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