«Die Leute denken sonst: Er ist ein Spinner!»

Im Heimspiel gegen den SCB vom Freitag kommt Kyle Wilson (31) erstmals für die SCL Tigers zum Einsatz. Der kanadische Stürmer spricht über Physik, Pingpongduelle mit Roman Josi und seinen früheren Job in einer Kiesgrube.

«Ich will mithelfen, den Gegner vom Eis zu arbeiten»:?Kyle Wilson ist entschlossen, die SCL Tigers zu verstärken.

«Ich will mithelfen, den Gegner vom Eis zu arbeiten»:?Kyle Wilson ist entschlossen, die SCL Tigers zu verstärken.

(Bild: Hans Wüthrich)

Sie trafen am vergangenen Samstagabend in Langnau ein. Waren Sie von den ersten Eindrücken überrascht?Kyle Wilson:Nein, ich hatte mich etwas schlaugemacht. Von der ländlichen Gegend bin ich begeistert. Ich habe einen grossen Hund, der wird sich austoben können. Die Eishalle mit dem vielen Holz ist was vom Besten, das ich je gesehen habe. Nur an ein paar typische Schweizer Dinge muss ich mich gewöhnen: Am Sonntag hatte ich Hunger, aber nichts war geöffnet. Ich wurde auf dem falschen Fuss erwischt.

Was wissen Sie vom Schweizer Eishockey?Mehr, als Sie denken. Die NLA ist in Nordamerika längst nicht mehr so unbekannt wie früher, für viele Spieler ist sie ein Ziel geworden. Das Niveau ist hoch, nicht umsonst gewann die Schweiz WM-Silber. Und natürlich ist der Lebensstandard ausgezeichnet. Hier kann man nach einem Auswärtsspiel im eigenen Bett schlafen. Das freut die Ehefrau (lacht).

Sie begannen die Saison bei Modo in Schweden. Weshalb kam es zur Trennung?Larry Huras (SCB-Meistercoach 2010, die Red.) war zunächst Trainer. Bei ihm standen Nordamerikaner hoch im Kurs, ich erhielt über zwanzig Minuten Eiszeit. Doch dann wurde er entlassen und durch einen Schweden ersetzt – dieser setzte auf die Einheimischen. Man sagte mir, ich dürfe mich umschauen.

Am Freitag gastiert der SCB in Langnau. Zum Auftakt ein Derby – besser gehts nicht.Ich habe mir den richtigen Abend ausgesucht. Ich will Energie ins Spiel bringen, mithelfen, den Gegner vom Eis zu arbeiten. Meine Frau und meine acht Monate alte Tochter werden im Stadion sein – das motiviert mich. Der Tochter werde ich natürlich einen Tiger-Dress kaufen.

Apropos SCB: Roman Josi ist in Bern gross geworden, mit ihm spielten Sie einst in Nashville und Milwaukee. Welche Erinnerungen haben Sie an ihn?Roman war ein sehr guter Freund. Wir wohnten im selben Gebäude, verbrachten viel Zeit zusammen. Ich staunte, wie gut er Pingpong spielt (lacht), da hatte ich grosse Probleme. Es erstaunt mich nicht, wie weit er es gebracht hat. In den letzten Jahren sind gute Läufer in der NHL wichtiger geworden. Und Roman ist ein sehr, sehr guter Läufer.

Warum spielen Sie nicht mehr in der NHL?Nicht jeder ist gut genug. Ich war einer dieser Spieler, die stets zwischen NHL und Farmteam hin und her geschoben wurden. Spielte ich in der AHL, war es stets ein Hoffen, in der NHL stets ein Bangen. Wurde ein anderer nach oben gerufen, wollte ich mich für ihn freuen, was aber nicht ging, weil ich brutal enttäuscht war – da fühlte ich mich immer schlecht. Planungssicherheit hatte ich selten, das war für die Familie unangenehm. Jetzt bin ich froh, wie es ist.

Zwei Saisons verbrachten Sie in der russischen KHL . . .. . . das ist nochmals eine ganz andere Geschichte (lacht).

Erzählen Sie.In Russland gibt es ganz andere Regeln, andere Gewohnheiten. Ich empfand es als schwierig, Kontakte zu knüpfen, das ist im Westen einfacher. Die Reisen waren extrem, teils flogen wir elf Stunden an ein Auswärtsspiel, durch sieben Zeitzonen. Von den USA her bin ich ein gewaltiges Sicherheitsprozedere an den Flughäfen gewohnt. In Russland war es eher so, als verlangte ich ­Zutritt zu einer Bar (lacht).

Sie sind wohl der einzige Eishockeyprofi von Langnau bis Russland, der Physik studiert hat. Weshalb?Ich erzähle selten, dass ich Physik studiert habe. Die Leute denken sonst: Das muss ein Spinner sein!

Diesen Eindruck machen Sie nicht.Wir waren an der Universität gerade einmal zwölf Physikstudenten. Zwei, drei schräge Typen waren dabei, die wichen etwas von der sozialen Norm ab, ähnlich wie die sympathischen Verrückten in der Fernsehserie «Big Bang Theory». Aber herzensgut waren sie alle. Meine Eltern sind beide Lehrer, der Vater unterrichtete Mathematik. So kam ich früh mit der Materie in Kontakt.

Wurden Sie von den Eltern ­gefördert?Zum Glück forderten sie, dass ich studiere. Vor allem haben sie mich gelehrt, wie man kämpft, wie man hart arbeitet, wie man auf eigenen Beinen steht. Schon als Kind sollte ich mir einen Job suchen.

Als Kind?Als Jugendlicher. Ich arbeitete bei McDonald’s, in einer Schweissfabrik, entsorgte Abfall. Am härtesten aber wars in der Kiesgrube, da schuftete ich zehn Stunden am Tag mit Schaufel und Rechen. Ich schätze es, den Sport betreiben den zu können, den ich liebe. Und ich kämpfe dafür, dass ich noch lange Profi bleiben darf. Ich kenne die Alternativen.

Berner Zeitung

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